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„unteilbar“-Großdemonstration gegen Antisemitismus : „Bei denen, die schon längst nicht mehr sicher sein können“

Nach dem Terroranschlag mit zwei Toten in Halle an der Saale wird am heutigen Sonntag in Berlin der Opfer gedacht. Mehrere Tausend Menschen nehmen teil.

Die Initiative "unteilbar" hat zur Demonstration gegen Antisemitismus, Rassismus und Nationalismus in Berlin aufgerufen.
Die Initiative "unteilbar" hat zur Demonstration gegen Antisemitismus, Rassismus und Nationalismus in Berlin aufgerufen.Foto: REUTERS/Hannibal Hanschke

Ein etwa 20 Meter langes Transparent der Initiative zur Aufklärung des Mordes an Burak Bektas zeigt 250 Opfer rechter Gewalt seit 1989. Über einen Lautsprecher werden die Namen der Opfer und ihre Geschichten verlesen. Der Bebelplatz ist voll von mehreren Tausend Menschen, die ein Zeichen gegen Antisemitismus, Rassismus und Nationalismus setzen wollen. Die Stimmung ist ruhig, fast andächtig.

„Als ich von dem Anschlag in Halle erfuhr, war ich alles - nur nicht überrascht“ sagt Mischa Ushakow von der Jüdischen Studierendenunion Deutschland bei der Auftaktkundgebung. Auch, wenn „die Gewalt und der Terror noch nie so nah waren“, habe er als Jude die Verantwortung, sich nicht einschüchtern zu lassen.

Mehrere Tausend Menschen demonstrierten am Sonntag in Berlin gegen Antisemitismus und Rassismus in Berlin.
Mehrere Tausend Menschen demonstrierten am Sonntag in Berlin gegen Antisemitismus und Rassismus in Berlin.Foto: REUTERS

Lala Süßkind vom Jüdischen Forum für Demokratie und Antisemitismus ruft in ihrer Rede dazu auf, auch die Namen der beiden Toten zu nennen: „Jana L. und Kevin S“. Der Linken-Politiker Ferat Kocak, auf den Anfang Februar 2018 ein rechter Anschlag verübt worden war, fordert die Sicherheitsbehörden auf: „Stoppen Sie den Neonazi-Terror“. Die Regierung müsse Initiativen wie „Fridays for Future“ und der „Seebrücke“ zur Seite stehen.

Nach den Reden der Auftaktkundgebung wird eine Schweigeminute für alle Opfer von Terror und rechter Gewalt gehalten. Vom Bebelplatz geht es weiter zur Neuen Synagoge in der Oranienburger Straße.

Die Initiative „unteilbar“ hatte für diesen Sonntag gemeinsam mit anderen Gruppen zu einer großen Demonstration in Berlin aufgerufen. Unter dem Motto „Kein Fussbreit! Antisemitismus und Rassismus töten“ versammelten sich mehrere Tausend Menschen vor der Humboldt-Universität auf dem Bebelplatz, darunter die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli, Levi Salomon vom Jüdischen Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus sowie der Berliner Bischof Markus Dröge.

Mit der Demonstration vier Tage nach dem antisemitischen Terroranschlag in Halle will ein breites Bündnis ein deutliches Zeichen gegen Rechts setzen. Gegen 14.00 Uhr sollte der Protestzug starten, wie ein Sprecher der Initiative „Unteilbar“ mitteilte.

Die Polizei schätzte die Zahl der Teilnehmer am Bebelplatz auf 6000, die Veranstalter der Initiative „unteilbar“ sprachen von 13 000 Demonstranten beim Protestzug. Angemeldet waren 10 000 Menschen.

Auf ihrer Facebook-Seite heißt es: „Wir stehen in dieser schweren Stunde solidarisch und unteilbar zusammen! Wir lassen uns nicht gegeneinander ausspielen.“ Der Anschlag auf die Synagoge in Halle am vergangenen Mittwoch mache „fassungslos und wütend“ heißt im Aufruf des Bündnisses „unteilbar“.

„Für Toleranz, gegen Krieg und Gewalt“ - Teilnehmer der „unteilbar“-Demonstration in Berlin.
„Für Toleranz, gegen Krieg und Gewalt“ - Teilnehmer der „unteilbar“-Demonstration in Berlin.Foto: REUTERS/Hannibal Hanschke

Der Angriff auf die jüdische Gemeinde der Stadt in Sachsen-Anhalt sei ein Angriff auf die gesamte Gesellschaft. Antisemitismus, Rassismus und Rechtsextremismus müsse entschlossen entgegengetreten werden. Ein schwerbewaffneter Rechtsextremist hatte am Mittwoch versucht, in die Synagoge in Halle einzudringen, in der rund 50 Gläubige den jüdischen Feiertag Jom Kippur begingen. Als der Plan scheiterte, erschoss der Täter eine Passantin und einen Mann in einem Döner-Imbiss. Der 27 Jahre alte Rechtsextremist sitzt in Untersuchungshaft. Er hat antisemitische und rechtsextremistische Motive bestätigt.

Die Demonstration begann am Sonntag um 13 Uhr auf dem Bebelplatz in Mitte und führte zur Neuen Synagoge in Berlin-Mitte. Bereits am Samstag hatten mehrere tausend Menschen in verschiedenen Städten gegen Rechts demonstriert.

Bei der heutigen Auftaktveranstaltung auf dem Bebelplatz sprach unter anderem Lala Süskind vom Jüdischen Forum für Demokratie und Antisemitismus, das die Veranstaltung gemeinsam mit dem Unteilbar-Bündnis angemeldet hat. Auch Ferat Kocak (Linke), auf den Anfang Februar 2018 ein rechter Anschlag verübt worden war, hielt eine Rede.

Beim Abschlusskonzert vor der Synagoge Oranienburger Straße treten der Pianist Igor Levit und Avitall Gerstetter, die Kantorin der Synagoge, auf.

Bischof Dröge will christliche Werte gegen Menschenfeindlichkeit verteidigen

Auch der Berliner Bischof Markus Dröge nimmt als Vertreter der evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz an dem Protestmarsch teil. Nach dem Terroranschlag in Halle fordert Dröge härtere Maßnahmen gegen Rechts. Es reiche nicht mehr, „nie wieder“ zu rufen, teilte der Geistliche am Sonntag anlässlich der am Mittag geplanten Demo gegen Antisemitismus „Unteilbar“ in Berlin mit.

„Der Verfassungsschutz und die Sicherheitskräfte müssen wesentlich konsequenter gegen rechte Netzwerke und rechtspopulistische Funktionäre vorgehen, die erwiesenermaßen verfassungsfeindliche Thesen verbreiten.“ Dröge betont: „Auch wir in den Kirchen dürfen nicht nachlassen, die christlichen Werte gegen Menschenfeindlichkeit zu verteidigen.“

In den vergangenen Tagen hat es in Berlin mehrere Solidaritätskundgebungen anlässlich des Attentats in Halle gegeben, hier eine Veranstaltung an der Neuen Synagoge.
In den vergangenen Tagen hat es in Berlin mehrere Solidaritätskundgebungen anlässlich des Attentats in Halle gegeben, hier eine...Foto: Christoph Soeder/dpa

Die erste "Unteilbar"-Demonstration hatte vor einem Jahr am 18. Oktober 2018 als Reaktion auf fremdenfeindliche Demonstrationen stattgefunden. 240.000 Menschen demonstrierten in Berlin für eine offene Gesellschaft und gegen Rassismus. Etliche Organisationen, Parteien und Verbände waren mit eigenen Wagen vertreten, auch zahlreiche Künstler hatten den Aufruf unterstützt, darunter Prominente wie der Schauspieler Benno Fürmann, der Fernsehmoderator Jan Böhmermann und die Band Die Ärzte.

Aufseiten der Linken nahmen unter anderem die Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau und Berlins Stadtentwicklungssenatorin Katrin Lompscher teil. Die Hauptstadt-CDU distanzierte sich von dem Bündnis, das tat auch Sahra Wagenknecht. Im August 2019 fand eine Folgedemonstration in Dresden statt.

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