Unterwegs in Berlins Ortsteilen : Mariendorf: Wo die Trappen sprechen können

96 Ortsteile hat die Stadt. Unser Kolumnist bereist sie alle – von A wie Adlershof bis Z wie Zehlendorf. Mühling kommt rum, Folge Nr. 54: Mariendorf.

Schattenspiel. Am U-Bahnhof Alt-Mariendorf, dem südlichen Ende der U6.
Schattenspiel. Am U-Bahnhof Alt-Mariendorf, dem südlichen Ende der U6.Foto: Jens Mühling

In Mariendorf sammelte ich viele unverbundene Eindrücke, die sich nicht recht zu einem Gesamtbild fügten – oder doch?

Wer den U-Bahnhof Alt-Mariendorf verlässt, läuft auf ein Bestattungsgeschäft zu, in dessen Schaufenster ein Motorrad neben einem Sarg steht. Unmittelbar angrenzend liegt die Raucherkneipe „Zum Sargnagel“. Irgendwie machte dieses Ensemble auf mich den Eindruck, als sei es Teil einer rätselhaften Verwertungskette.

Auf der Trabrennbahn zogen ein paar Gespanne ihre Kreise. Interessiert blieb ich stehen. Wenn die Pferde an mir vorbeitrabten, renkten sie sich die Hälse aus, um mich anzusehen, als suchten sie verzweifelt nach Ablenkung von der Eintönigkeit des kreisförmigen Trabens. Die Jockeys mit ihren Sonnenbrillen dagegen mieden meinen Blick. Sie stierten stur geradeaus, als suchten sie verzweifelt nach Ablenkung von der Eintönigkeit des menschlichen Umgangs.

"Die A-Bahn sind wir. Die großen Rennen finden hier statt"

Eine Traberin hatte ihren Hund mitgebracht. Auf schwarzen Stummelbeinen hechelte er tapfer hinter Frauchens Sulky her, mit fliegenden Ohren und wehender Zunge. Er schien der Einzige hier zu sein, dem das Traben Spaß machte.

Bei den Ställen kam ich mit einer Pferdewirtin ins Gespräch. Sie erzählte mir, dass die Rennbahn bei den Derby-Wochen im Sommer brechend voll sei. „Da blühen wir hier alle auf“, sagte sie. „Dann kommen wieder die normalen Rennen, wo kaum jemand hingeht. Jetzt im Winter ist überhaupt nichts los.“ Als ich sie auf die zweite Berliner Trabrennbahn in Karlshorst ansprach, entfuhr ihr ein verächtliches Pferdeschnauben. „Auch ganz nett“, sagte sie. „Aber die A-Bahn sind wir. Die großen Rennen finden hier statt.“

Zwei Spaziergängerinnen führten zwischen den Ställen ihren Hund Gassi. „Damit der mal ein paar interessante Gerüche in die Nase bekommt“, sagte eine.

In Mariendorf liegt das Regionalmuseum Tempelhof. Falls Sie dort mal vorbeikommen, lassen Sie sich unbedingt einen Audio-Guide geben. Sie werden dann die Stimme einer ausgestopften Trappe hören, die hier gewissermaßen als Museumsführerin arbeitet. Sie erklärt alle Exponate, angefangen mit sich selbst. Vor langer Zeit, erzählt die Trappe, sei sie gegen eine Berliner Stromleitung geflogen und gestorben. Der Jäger, der sie auflas, habe sie ausstopfen lassen und dem Wirt Lehmann aus Lichtenrade vermacht, in dessen Lokal die Trappe stand, bis der Wirt starb. Weil es lebendige Trappen zu diesem Zeitpunkt in Berlin schon nicht mehr gab, vermachte die Wirtstochter das rare Präparat der Lichtenrader Grundschule, von wo es 1960 ins frischgegründete Museum Tempelhof wechselte.

Der Dorflehrer war ständig besoffen

Bis 1960 war das Museum eine Dorfschule. Eine Aufseherin zeigte mir im Gästebuch den Eintrag eines Besuchers, der hier im April 1953 eingeschult worden war: „Es riecht noch wie damals!“ Was der Mann nicht dem Gästebuch, aber der Aufseherin anvertraute: Der Dorflehrer war damals ständig besoffen.

Die Museumsaufseherin trug eine riesige Sonnenbrille. Sie war in der Badewanne ausgerutscht, ihre ganze rechte Gesichtshälfte war lila marmoriert. „Zum Glück arbeite ich nicht irgendwo, wo ständig Leute vorbeikommen“, sagte sie.

Es roch im Museum wirklich irgendwie nach 1953.

Fläche: 9,38 km² (Platz 37 von 96)

Einwohner: 51.540 (Platz 23 von 96)

Durchschnittsalter: 46,4 (Berlin: 42,7)

Lokalpromis: Mario Barth (Komiker), Gerda und Wolfgang Szepansky (Antifaschisten)

Gefühlte Mitte: U-Bahnhof Alt-Mariendorf

Alle Folgen: tagesspiegel.de/96malberlin

Diese Kolumne erschien am 31. März 2018 im Tagesspiegel-Samstagsmagazin Mehr Berlin.

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