Unterwegs in Berlins Ortsteilen : Schmargendorf: Wo die Liebe den Tod besiegt

96 Ortsteile hat die Stadt. Unser Kolumnist bereist sie alle – von A wie Adlershof bis Z wie Zehlendorf. Teil 75: Schmargendorf.

Das Rathaus Schmargendorf wurde 1900 bis 1902 nach Plänen von Otto Kerwien im Stil der märkischen Backsteingotik errichtet.
Das Rathaus Schmargendorf wurde 1900 bis 1902 nach Plänen von Otto Kerwien im Stil der märkischen Backsteingotik errichtet.Foto: Jens Mühling

Im kleinen Ortsteil Schmargendorf gibt es zwei Butter-Lindner-Filialen, eine Wiener-Conditorei-Filiale, eine Udo-Walz-Filiale, viele große Autos und viele schicke Villen. Im Vergleich zum Rest des wohlhabenden Südwestens machte Schmargendorf auf mich trotzdem einen eher bodenständigen, um nicht zu sagen berlintypisch wurstigen Eindruck. In der Rheinbabenallee fiel mir ein Mann auf, der auf dem Fahrersitz seines geparkten Porsche Cabrio eine Currywurst vertilgte. Das Bild schien mir den Ortsteil ganz gut zusammenzufassen.

Ansonsten begegneten mir in Schmargendorf zwei Häuser mit schwerer Vergangenheit. Das eine steht in der Heydenstraße 30, eine weiß getünchte Villa, die sich in den 30er Jahren Leni Riefenstahl bauen ließ. Das andere, ein fünfstöckiges Mietshaus, steht nicht weit entfernt in der Friedrichshaller Straße 23, und an eine seiner beiden prominenten Bewohnerinnen erinnert ein Stolperstein vor der Haustür: Felice Schragenheim, Jahrgang 1922, deportiert 1944. Nicht auf dem Stolperstein stehen die berühmt gewordenen Kosenamen, die sich Felice Schragenheim und ihre Geliebte Elisabeth Wust hier in den Kriegsjahren ins Ohr flüsterten: Aimée und Jaguar.

Leni Riefenstahls Villa

Im April 1943 zieht die versteckt lebende Jüdin Felice bei der deutschen Hausfrau Elisabeth ein. Ihre Schmargendorfer Nachbarin Leni Riefenstahl verfilmt zu diesem Zeitpunkt Eugen d'Alberts Oper „Tiefland“. Bei den Aufnahmen in Berlin kommen zwangsrekrutierte Sinti- und Roma-Komparsen zum Einsatz, die nach dem Dreh in Auschwitz ermordet werden.

Am 2. September 1943, ein halbes Jahr nach ihrer ersten Liebesnacht, schenken Felice und Elisabeth einander Eheringe. Leni Riefenstahl heiratet am 21. März 1944 den Gebirgsjägeroffizier Peter Jacob. Am 21. August 1944 fahren Felice und Elisabeth mit ihren Fahrrädern zur Havel. Am Flussufer nehmen sie mit dem Selbstauslöser von Elisabeths Leica ein Foto auf, das die beiden in Badekleidern zeigt, sich küssend. Es wird das letzte Bild der Liebenden sein. Bei der Rückkehr lauert ihnen in der Schmargendorfer Wohnung die Gestapo auf.

Leni Riefenstahl verkauft nach dem Krieg ihre Villa in der Heydenstraße und zieht nach Bayern, wo sie 2003 im Alter von 101 Jahren stirbt. Elisabeth Wust sucht lange erfolglos nach ihrer deportierten Geliebten, deren Spuren sich in Auschwitz verlieren. Nach zwei misslungenen Selbstmordversuchen lebt sie bis zu ihrem Tod im Jahr 2006 in der Schmargendorfer Wohnung, wo sie ihre Geschichte im hohen Alter der Schriftstellerin Erica Fischer anvertraut.

Die Buchhandlung in der Breiten Straße hatte „Aimée und Jaguar“ nicht vorrätig. Seit der Verfilmung sei das Interesse am Buch etwas abgeflaut, erzählte mir die Buchhändlerin, die, wie der Zufall es will, heute im Hofgebäude von Elisabeth Wusts ehemaligem Wohnhaus lebt. Im Buch, fuhr sie fort, sei beschrieben, wie Felice am Tag ihrer Festnahme um ein Haar der Gestapo entkam. Sie stürzte durch die Wohnungstür ins Treppenhaus, rannte hinab in den Hof und versteckte sich in der Hinterhauswohnung einer Nachbarin. Leider beobachtete sie dabei ein anderer Nachbar, der sie aus der Wohnung zerrte und der Gestapo übergab.

„Ich hoffe bis heute“, sagte die Buchhändlerin, „dass das nicht meine Wohnung war.“

Fläche: 3,59 km² (Platz 81 von 96)

Einwohner: 21258 (Platz 51 von 96)

Durchschnittsalter: 48,4 (ganz Berlin: 42,7)

Lokalpromis: 48,4 (ganz Berlin: 42,7)

Gefühlte Mitte: Rathaus

Alle Folgen

73 Ortsteile hat Jens Mühling bereits besucht, alle Folgen seiner Kolumne „Mühling kommt rum“ finden Sie auf unserer Internetseite unter: tagesspiegel.de/96malberlin

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