Unterwegs in Berlins Ortsteilen : Wo die Pferde schöner traben

96 Ortsteile hat die Stadt. Unser Kolumnist bereist sie alle – von A wie Adlershof bis Z wie Zehlendorf. Mühling kommt rum, Folge 40: Karlshorst.

Mit warmen Jacken. Auf dem Außengelände des Pferdesportparks haben es diese Rappen gut.
Mit warmen Jacken. Auf dem Außengelände des Pferdesportparks haben es diese Rappen gut.Foto: Jens Mühling

Im Pferdesportpark Karlshorst sah ich drei Rappen beim Grasen zu. Ruhigen Schrittes bewegten sich die Tiere über die Weide – bis plötzlich etwas in sie fuhr. Eines stellte sich wiehernd auf die Hinterbeine, ein anderes wälzte sich auf dem Rücken, das dritte keilte schnaubend nach hinten aus. Nach ein paar Minuten war der Anfall vorbei, ruhig grasten die Pferde weiter – um kurz darauf unvermittelt wieder loszutoben. Ratlos fragte ich zwei vorbeilaufende Pferdemädchen, was mit den Tieren los sei. Sie warfen einen Blick auf die Rappen. „Männer“, sagten sie trocken und liefen weiter.

Der Pferdesportpark liegt unmittelbar neben der Trabrennbahn, der Karlshorst seinen Aufstieg zum „Dahlem des Ostens“ verdankte: Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert ließen sich hier solvente Rennsportliebhaber die phantastischsten Landhäuser bauen. Welche Art von Publikum damals in der Gegend verkehrte, kann man sich auf den vergilbten Fotos ansehen, die im Café unter der alten Renntribüne die Wände zieren: Damen mit voluminösen Hüten und Kleidern, Herren mit Kneifern und spitz gezwirbelten Bärten.

Zwei Männer sehen gebannt zu. „Fehlstart“, brummt einer

Abgesehen von den Fotos war in der „Sportkantine“ nicht mehr viel vom alten Karlshorster Glamour zu spüren. An den Cafétischen löffelten Rentner Erbsensuppe. Andere füllten Wettscheine aus oder studierten Ergebnislisten – das Café ist gleichzeitig ein Sportwettladen. Dutzende von Fernsehern übertrugen Fußball- und Handballspiele, dazu alle Arten von Pferdesport und sogar ein britisches Windhundrennen. Nur auf einem Bildschirm lief die Karlshorster Königsdisziplin: ein Trabrennen, ausgetragen irgendwo in Frankreich. Zwei Männer sahen gebannt zu. „Fehlstart“, brummte einer. „Sieht das denn keiner? Mann, Mann, Mann...“

Ich kam mit einem Veteranen ins Gespräch, der hier schon zu DDR-Zeiten auf Pferde gewettet hatte. „Bei den Rennen war es damals so voll, dass man mit den Ellbogen kaum Platz zum Applaudieren hatte“, erzählte er. „War ja die einzige Trabrennbahn der DDR. Heute kommt an Renntagen höchstens noch ein Zehntel des Publikums von damals. Ist ein Alte-Leute-Sport geworden.“ Ein Schwarz-Weiß-Foto an der Wand zeigte Trabgespanne beim Zieleinlauf. Die Aufnahme war offenbar von 1977, laut Bildunterschrift gewann das Pferd „Zauberer“ den „Pokal des 60. Jahrestages der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution“. Ich lachte über den pompösen Titel. „Die hießen damals alle so“, sagte der Wett-Veteran. „Bersarin-Gedächtnisrennen und solche Scherze. Alles für die Russen.“

Kapitulationserklärung in Endlosschleife

Pferde und Russen – beide haben in Karlshorst ihre große Zeit hinter sich. Dass hier nach dem Krieg die sowjetische Militäradministration angesiedelt war, merkt man heute nur noch im Deutsch-Russischen Museum, dem ehemaligen „Museum der bedingungslosen Kapitulation des faschistischen Deutschlands im Großen Vaterländischen Krieg“, wo 1945 drei Wehrmachtvertreter den Kapitulationsvertrag mit den Alliierten unterzeichneten. Auf Filmaufnahmen, die im großen Saal laufen, wird die Unterzeichnung in Endlosschleife gezeigt. Zwei holländische Touristen sahen sich das Video wieder und wieder an, als sei ihnen der immergleiche Bewegungsablauf so rätselhaft wie mir der Tanz der drei Karlshorster Rappen.

Fläche: 6,6 km² (Platz 57 von 96)
Einwohner: 26.780 (Platz 47 von 96)
Durchschnittsalter: 40,4 (ganz Berlin: 42,7)
Lokalpromis: Hedwig Courths-Mahler (Schriftstellerin), Sahra Wagenknecht (Politikerin)
Gefühlte Mitte: Trabrennbahn
Alle Folgen: tagesspiegel.de/96malberlin

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