Unterwegs in Berlins Ortsteilen : Wo Franzosen Kugeln warfen

96 Ortsteile hat die Stadt. Unser Kolumnist bereist sie alle – von A wie Adlershof bis Z wie Zehlendorf Nr. 95: Wittenau

Die Cité Foch in Wittenau (Archivfoto)
Die Cité Foch in Wittenau (Archivfoto)Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Ganz im Norden von Wittenau, an der Grenze zu Waidmannslust, lebten zu Mauerzeiten die französischen Besatzungstruppen. Das grüne Neubauviertel mit den französischen Straßennamen gibt es noch, nur die Franzosen sind mit der Mauer verschwunden. Heute trifft man hier nur noch Botschaftsangehörige aus französischsprachigen Ländern in Afrika, die aus alter Verbundenheit Wohnungen in der „Cité Foch“ mieten.

Mit etwas Glück trifft man außerdem einen kleinen Mischlingshund namens Zizou, aufgelesen in Kroatien während der Fußball-WM 2006 und benannt nach Frankreichs damaligem Nationalspieler Zinedine Zidane. Zizous Herrchen erzählte mir, dass in Wittenau ansonsten wenig französisches Erbe geblieben sei.

Erst später entdeckte ich den riesigen Pétanque-Platz neben dem Wittenauer Rathaus, auf dessen Sandbahnen ein einsamer Mann Boule-Würfe probte. Er erzählte mir, dass zu den Vereinsturnieren bis heute viele ehemalige Truppenangehörige aus Frankreich anreisen.

Wenn die Berliner „Dalldorf“ sagten, meinten sie plemplem

Ansonsten gruppieren sich in Wittenau um die hübsche Kirche auf dem alten Dorfanger unscheinbare Ein- und Mehrfamilienhäuser. Dalldorf hieß der Ort, als er noch kein Berliner Ortsteil, sondern ein Dorf nordwestlich der Stadtgrenze war. Im Jahr 1903 aber wandten sich die Bewohner mit einer überraschenden Bitte an den Landkreis Niederbarnim: Sie wollten nicht länger Dalldorfer heißen – weil sie es satt hatten, von den Berlinern für verrückt gehalten zu werden.

Was war geschehen? Im Jahr 1863 hatte am Dorfrand die „Irren- und Idiotenanstalt Dalldorf“ eröffnet, eine psychiatrische Heilstätte, die in Berlin bald bekannter war als der namensgebende Ort. Wenn die Berliner „Dalldorf“ sagten, meinten sie plemplem, meschugge, nicht ganz dicht.

Der Landkreis Niederbarnim gestattete den Dalldorfern, sich fortan Wittenauer zu nennen, nach ihrem Gemeindevorsteher Peter Witte. Leider löste das ihr Problem nicht. Wenn die Berliner gaga, ballaballa, piep-piep meinten, sagten sie fortan „Wittenau“. Vielleicht wäre es klüger gewesen, nicht den Dorfnamen, sondern den Namen „Irren- und Idiotenanstalt“ zu ändern. Aber darauf kam man erst später.

Systematischer Patientenmord durch die Nazis

Die Nazis verlegten sich in den 30er Jahren auf eine ganz andere Lösung des Wittenau-Problems. Sie setzten einen neuen Anstaltsarzt ein, den Autor eines Buchs namens „Aufartung durch Ausmerzung: Sterilisation und Kastration im Kampf gegen Erbkrankheiten und Verbrechen“. Der Arzt begnügte sich bald nicht mehr mit Sterilisationen, sondern ging zur systematischen Ermordung seiner Patienten über.

Eine finstere Dauerausstellung auf dem Klinikgelände dokumentiert etwa den Fall der Berlinerin Ida B., die im Oktober 1943 eingeliefert wurde. „Schreit und tobt tagelang“, heißt es in ihrer Krankenakte. „Auch beschimpft sie oft den Führer.“ Ein paar Monate nach ihrer Einlieferung schimpfte die 49-Jährige nicht mehr. Sie war tot, gestorben angeblich an einer Bauchfellentzündung, wie man ihrem entsetzten Mann mitteilte.

Die weitläufige Anstalt wurde nach dem Krieg umbenannt in Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik, woraus der Berliner Volksmund „Bonnies Ranch“ machte. Inzwischen wird sie nur noch teils als psychiatrische Ambulanz genutzt, den weitaus größeren Teil belegen ein Gefängniskrankenhaus und eine Notunterkunft für Asylbewerber. Letztere soll bis Ende 2019 zu Berlins neuem Ankunftszentrum für Geflüchtete ausgebaut werden – für das der Name Wittenau dann bald zum Synonym werden dürfte.

Fläche: 5,9 km² (Platz 68 von 96)

Einwohner: 25.118 (Platz 49 von 96)

Durchschnittsalter: 46,8 (Berlin: 42,7)

Lokalpromis: Peter Witte (Gemeindevorsteher), Anton Saefkow (NS-Widerstandskämpfer)

Gefühlte Mitte: Dorfkirche

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91 Ortsteile hat unser Kolumnist Jens Mühling schon besucht. Alle Folgen von „Mühling kommt rum“ zum Nachlesen finden Sie unter: www.tagesspiegel.de/96malberlin

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