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Unwetterbilanz in Berlin : Regenmenge war ein „Jahrhundertereignis“

61 Liter kamen in Wedding vom Himmel, innerhalb einer Stunde. Das passiert in Berlin nur alle hundert Jahre. Das hilft nur die „Schwammstadt“.

Die Tiergartenstraße in Mitte war von den Regenmassen besonders betroffen.
Die Tiergartenstraße in Mitte war von den Regenmassen besonders betroffen.Foto: Michael Kappeler/dpa

Beim Unwetter vom Freitag sind pro Stunde punktuell mehr als 60 Liter Regen gefallen. Das ist nach Einschätzung der Berliner Wasserbetriebe ein "Jahrhundertereignis", kommt also statistisch nur einmal in 100 Jahren vor. Wasserbetriebe-Sprecher Stephan Natz möchte aber nicht ausschließen, dass sich die Wahrscheinlichkeit solcher Regenmengen wegen der Klimaveränderung inzwischen erhöht hat. "Die 100-jährlichen Regen inflationieren", twitterte er.

Die höchsten Regenmengen gab es nach Messung der Wasserbetriebe in Wedding, 61 Liter pro Quadratmeter und Stunde, das ist mehr als ein durchschnittliches Monatssoll. In Kreuzberg waren es 48, in Schöneweide 45 und in Mitte 44 Liter. Dass viele Straßen in der Innenstadt zeitweise überflutet waren, das Wasser also nicht mehr über die Kanalisation ablaufen konnte, sei bei solchen Regenmengen unvermeidbar.

Mehr Rückstauräume werden bei solchen Wassermassen kaum helfen

Auch der laufende Ausbau der Kanalisation mit zusätzlichen Rückstauräumen wie derzeit unterm Mauerpark werde daran nicht viel ändern. Dieser Ausbau solle verhindern, dass bei normalen Gewitterschauern im Sommer, also kurzen intensiven Wolkenbrüchen, verschmutztes Regenwasser in die Spree und ihre Zuflüsse gelange.

Die Berliner Feuerwehr verzeichnete bis 22 Uhr 200 regenbedingte Einsätze. Vor allem Keller und Tiefgaragen waren voll Wasser gelaufen, betroffen waren auch einige Supermärkte. Nach Angaben eines Sprechers war Wasser in den Keller der Amerika-Gedenkbibliothek in Kreuzberg gelaufen, dort habe die Feuerwehr größere Schäden verhindern können. Im Keller des Stadions Neukölln an der Oderstraße stand das Wasser 1,5 Meter hoch.

Wassereinbrüche gab es auch bei der Feuerwehr selbst, in den Wachen Urbanstraße, Moabit, Tiergarten und im Technischen Dienst in Charlottenburg. Über konkrete Schäden sei derzeit noch nichts bekannt. In die U-Bahntunnel der BVG sei zwar an einigen Stellen Wasser eingedrungen, aber das habe problemlos ablaufen und versickern können, erklärte Sprecherin Petra Nelken.

Das schwere Gewitter war absehbar

Schon am Freitagmorgen sei eine recht hohe Gewitterwahrscheinlichkeit für Berlin absehbar gewesen, erklärt Norbert Becker-Flügel von der Wettermanufaktur Tempelhof. Welche Bezirke es treffen würde und in welcher Wucht, sei aber nicht vorhersehbar. 60 Liter pro Stunde sei schon ein „guter Wert“, es seien in Berlin aber auch schon mal 100 Liter Regen pro Stunde gefallen. In der nächsten Woche stünden weitere Regengüsse in Aussicht, aber nicht mehr so heftig wie in den vergangenen Tagen.

Während die Berliner Wälder und Parks wohl von den großen Regenmengen profitierten, habe das plötzliche Überangebot an Wasser den unter Trockenheit leidenden Straßenbäumen kaum etwas gebracht, vermutet Christian Hönig, Baumschutzreferent des BUND. „Das Wasser kann gar nicht in die Erde eindringen.“ Der Boden sei zu stark verdichtet.

Die Wissenschaftsstadt Adlershof wurde als "Schwammstadt" konzipiert

Berlin unternehme schon einiges in Sachen Prävention gegen den zunehmenden Starkregen, glaubt Stephan Natz. So wurde die Wissenschaftsstadt Adlershof nach dem neuen Modell der „Schwammstadt“ konzipiert. Das Regenwasser von den Straßen wird in Senken und Gräben aufgefangen und versickert dort. Auch begrünte Dächer und Zisternen zur Nutzung von Regenwasser trügen zur Entspannung bei, so könne jeder Hausbesitzer seinen Beitrag leisten. Seit vergangenem Jahr müssten Bauherren dafür sorgen, dass der Regen auf dem Grundstück selbst genutzt wird oder versickern kann. „Wir brauchen einen Paradigmenwechsel, eine sinnvolle Nutzung von Regenwasser“, sagt Natz. Das helfe auch gegen die langen Trockenperioden zwischen den Starkregenfällen.

Gegen "temporäre Überflutungen" sei derzeit nichts zu machen, sagen die Wasserbetriebe.
Gegen "temporäre Überflutungen" sei derzeit nichts zu machen, sagen die Wasserbetriebe.Foto: Annette Riedl/dpa

Temporäre Überflutungen wird es in einer stark verdichteten Innenstadt trotzdem weiterhin geben. Um die Schäden gering zu halten, arbeitet der Senat an einem „Starkregenrisikomanagement“. Zunächst gilt es herauszufinden, wo solche Überflutungen auftreten können und wie man sich dagegen wappnen könnte.

Eine Risikozone ist etwa die „Friedenauer Senke“ am Friedrich-Wilhelm-Platz, dort wurde bereits ein Stauraumkanal gebaut, der 3500 Kubikmeter Wasser aufnehmen kann. Bei einem Jahrhundertregen dürfte auch dieser Kanal überlaufen. Um die Gebäude besser zu schützen, könnten auch Flutschutztore eine Option sein, sagt Natz. So etwas kennt man bisher nur von Flussanliegern wie Köln oder Frankfurt (Oder). Oder man baut Polder wie an Elbe und Oder. Geeignet dafür wären laut Natz Sportplätze, man müsste sie nur etwas tiefer legen.

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