Urban Nation Museum in Schöneberg : Streetart verstehen lernen

Noch immer verweigert sich der traditionelle Galerie- und Ausstellungsmarkt oft Streetart-Künstlern. Das Urban Nation Museum will das ändern.

Der französische Künstler Ludo in seiner Installation im Urban Nation Museum
Der französische Künstler Ludo in seiner Installation im Urban Nation MuseumFoto: Nika Kramer/Urban Nation

"Jeder Mensch ist ein Künstler." Mit dieser provokanten Aussage prägte Aktionskünstler Joseph Beuys das Kunstverständnis einer ganzen Generation. Parallel zur Art Week will das Urban Nation Museum in Schöneberg dies erneut zur Debatte stellen – und zeigen, wie viel Kunstverständnis in der zeitgenössischen urbanen Kunst steckt.

Während Graffiti und Streetart kaum mehr aus Großstädten wegzudenken sind, bleibt vielen urbanen Künstlern der Zugang zu traditionellen Kunstmärkten und Ausstellungskonzepten verwehrt. „Wir wollen den Menschen eine Kunstform nahebringen, die aus Sicht vieler Menschen keine Kunst sein darf“, erklärt Museumsdirektorin Yasha Young das Konzept der neuen Dauerausstellung „UN-derstand“. Interaktiv soll diese die Entstehungsgeschichte der zeitgenössischen urbanen Kunst – und zugleich der Vision „Urban Nation“ – nachzeichnen.

Zum ersten Jahrestag der Eröffnung des Museums in der Bülowstraße will Kuratorin Young einen Blick zurückwerfen – und zwei nach vorne, wie sie sagt. In einer Retrospektive wird der Werdegang des Museums erklärt, von der ersten Idee bis zur Eröffnung. Zahlreiche Videos, Installationen und Wandbilder beleuchten die Projekte der vergangenen fünf Jahre und die Pläne für die Zukunft, die sich längst nicht nur auf die Museumsräume beschränken. Die Urban Nation führt parallel etwa soziale Projekte durch und gestaltet mit Künstlern Außenfassaden.

Die Vielfalt urbaner Kunst

Die Dauerausstellung will aber mehr sein als das: Nicht nur eine Retrospektive des Museums, sondern auch der zeitgenössischen urbanen Kunst. 50 Kunstwerke von Street-Art-Ikonen wie dem Berliner Duo Herakut und Shepard Fairey sollen die Vielfalt und das Faszinierende urbaner Kunst aufzeigen: die Rebellion, die in Graffiti steckt, die sozialen Missstände anzuprangern. Die kommunikative Funktion, mit der Street Art Wände zum Sprechen bringt. Oder auch die verbindende Funktion, die bunte Farben und Motive auf eine Nachbarschaft haben können.

Gleichzeitig wolle die Ausstellung einen Einblick in den Produktionsprozess urbaner Kunst geben, erklärt Young. Verschiedene Techniken werden präsentiert, vom klassischen Sprayen über Klebetechniken bis hin zu Guerilla Gardening, bei dem etwa aus Moos Wandkunstwerke entstehen.

Durch einen interaktiven Aufbau sollen traditionelle Sehgewohnheiten infrage gestellt werden. Besucher durchschreiten etwa einen medialen Tunnel, in dem 85 Filme über Projekte der Urban Nation zu sehen sind. Die Materialien können angefasst, die Kunstwerke bewegt werden. 1650 Spraydosen in verschiedenen Farben sind ebenso zu sehen wie Hunderte Marker. Auch das Museum selbst wird zum Kunstwerk: Zum dritten Mal gestalten Künstler die Außenfassade des Gebäudes um. Das englische Künstlerduo Snik Art will mit einem 3-D-Kunstwerk Passanten zu verstärktem Umweltschutz aufrufen.

Künstlern über die Schulter schauen

Parallel zur Dauerausstellung haben Besucher am Eröffnungswochenende und an späteren Terminen die Gelegenheit, Künstlern bei der Arbeit über die Schulter zu schauen. Seit einiger Zeit organisiert die Urban Nation Künstlerresidenzen, bei denen 11 Künstler jeweils drei bis sechs Monate in den Räumen über dem Museum leben und arbeiten. Für einen begrenzten Zeitraum öffnen die Künstler ihre Türen und lassen Besucher in ihre sehr intime Welt: das Studio, in dem die Konzepte und Entwürfe entstehen und dass zugleich Wohn- und Schlafplatz ist. Im persönlichen Gespräch sollen Künstler und Besucher sich annähern. Gleichzeitig soll die Kunst erfahrbar werden.

So versucht das Museum, dem demokratischen Anspruch urbaner Kunst gerecht zu werden – obwohl der Besucher dieser Kunst nicht auf der Straße, sondern in den kuratierten Räumen eines Museums begegnet.
Auch die Architektur ist Teil des Konzeptes: Schwarze Wände sollen den Eindruck von Dunkelheit vermitteln, von der Illegalität, in der gerade Graffiti häufig entsteht. Parallel täuscht die dunkle Farbe jedoch darüber hinweg, dass die im Museum präsentierte urbane Kunst fast ausschließlich in legalen Kontexten – also im Hellen – produziert wird.

Mit dem illegalen Graffiti, das auf U-Bahnzügen durch die Stadt rollt, hat die Ausstellung wenig zu tun. Vielmehr zeigen Künstler, die oft ihre Ursprünge in der illegalen Szene haben, was in legalen Kontexten mit den gleichen Techniken möglich ist. Für Besucher erleichtert das den Zugang zur urbanen Kunst – aber beschränkt zugleich auch die Perspektive.

Sprungbrett für junge Künstler

Der Blick zurück zeigt: Bislang sind nur wenige urbane Künstler wie das Duo Herakut und Shepard Faireyin in der internationalen Kunstszene angekommen. Sie sind von Kunstauktionen ebenso wenig wegzudenken wie aus Galerien – und seit einiger Zeit auch in Museen vertreten. „Ich wünsche mir einen Annäherungsprozess zwischen urbaner und traditioneller Kunst“, sagt Young. Sie hoffe, dass urbane Kunst künftig auch mehr in den Fokus traditioneller kultureller Veranstaltungen wie der Art Week gerate. Die Künstlerresidenzen sollen zu einem Sprungbrett für junge Künstler werden.

Mit der demokratischen Funktion von Graffiti im urbanen Raum hat das wenig zu tun. Auf der Straße braucht jeder Mensch nur einen Marker oder eine Spraydose, um Künstler zu sein. Für eine Ausstellung müssen die Menschen eine Jury überzeugen. Was der ästhetischen Qualität der Werke zu Gute kommt, entfernt sie gleichzeitig von ihren Ursprüngen. Die Professionalisierung urbaner Kunst macht aus ihr einfach das: Kunst.

„UN-derstand. The Power of Art as a Social Architect“, Vernissage am 27. September, 20 Uhr, im Urban Nation Museum für Urban Contemporary Art. Bülowstraße 7 in Schöneberg. Eintritt frei. Für den Besuch der Künstlerresidenzen ist die Reservierung vor Ort oder per E-Mail an office@urban-nation.com notwendig.

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