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Demonstration gegen das reformierte Infektionsschutzgesetz von Corona-Skeptikern in Berlin Ende November 2021.

© imago images/photothek

Tagesspiegel Plus

Veranstaltung gegen Corona-Proteste in Berlin : „Wir wollen dieser Minderheit nicht die Straße überlassen“

Das Bündnis für Demokratie und Toleranz gedenkt der Corona-Toten – und protestiert gegen sogenannte „Montagsspaziergänge“. Ein Interview mit Bündnis-Sprecher Lars Düsterhöft.

Von Lisa Rakowitsch

Herr Düsterhöft, das Bündnis für Demokratie und Toleranz hat für Montagabend zu einer Gedenkkundgebung aufgerufen. Warum?

In Treptow-Köpenick haben in der Vergangenheit ja einige sogenannte Montagsspaziergänge stattgefunden und wir haben uns überlegt, wie wir darauf entsprechend reagieren können, um dieser Entwicklung etwas entgegenzusetzen. Letztendlich wollten wir den Fokus wegbekommen von der Auseinandersetzung mit den Corona-Maßnahmen hin zum Wesentlichen: Nämlich den Menschen, die von Corona betroffen gewesen sind, beziehungsweise jenen, die in unserem Bezirk wegen Corona gestorben sind – 247 Menschen nach aktuellem Stand. Hinzu kommen die Tausenden Menschen, die coronapositiv waren und unter Umständen immer noch mit den Spätfolgen zu kämpfen haben.

Lars Düsterhöft (SPD), Sprecher des Bündnisses für Demokratie und Toleranz und Mitglied des Abgeordnetenhauses.

© Sabrina Wagner, Rechte: Lars Düsterhöft

Es geht uns nicht vordergründig darum, uns zu den Corona-Maßnahmen zu positionieren, sondern vor allem darum, darauf hinzuweisen, dass die Situation real ist: Viele leiden, Familien sind betroffen und es sterben weiterhin Menschen. Das ist keine Kleinigkeit, die man beiseiteschieben darf. Natürlich muss man das Handeln des Staates immer hinterfragen und auch kritisieren können. Aber es ist wichtig und richtig zu sagen, dass der Staat uns im Grunde gut schützt.

Warum ist es wichtig, ein Zeichen gegen die so genannten Montagsspaziergänge zu setzen?

Diese Menschen sind klar in der Minderheit und uns ist es wichtig, dass wir dieser die Straße nicht überlassen und diese Protestbewegungen nicht unbeantwortet lassen. Die schweigende Mehrheit darf nicht einfach hinnehmen, dass an einem Montag überall in deutschen Städten Menschen „spazieren“ gehen, die die Politik und die Corona-Maßnahmen in einer Heftigkeit infrage stellen, die nichts mehr mit Kritik zu tun hat, sondern einfach nur mit fundamentaler Ablehnung. Wobei es dabei zu teils gewaltsamen Auseinandersetzungen mit der Polizei kommt und unter den unterschiedlichen Gruppen insbesondere die rechte Szene relativ erfolgreich versucht, die Bewegung zu übernehmen.

Welches Konfliktpotential birgt diese Protestgruppe Ihrer Ansicht nach? Gibt es etwas, was sie besonders gefährlich macht?

Die Situation ist im Moment ganz schön dynamisch und mein Eindruck ist, dass sehr viele Menschen, die bisher kritisch der Sache gegenüberstanden, eine immer ablehnendere Haltung einnehmen und sich zunehmend radikalisieren. Ich finde es sehr in Ordnung, unterschiedlicher Meinung zu sein und kann oft auch nachvollziehen, wenn Menschen sich aus durchaus vernünftigen Gründen nicht impfen lassen wollen, ohne dass ich diese Haltung teilen muss. Worüber ich mir als Abgeordneter und als Mensch wirklich große Sorgen mache, ist das Auseinanderdriften von Lebensrealitäten, was nichts mehr mit unterschiedlichen Meinungen zu tun hat, sondern dazu führt, dass man nicht mehr miteinander reden kann.

Das wird eine riesige Herausforderung für die Politik

Lars Düsterhöft über die Einigung auf eine gemeinsame Lebensrealität

Was wollen Sie langfristig erreichen?

Langfristig geht es mir darum, dass wir uns als Mehrheitsgesellschaft gemeinsam damit befassen, wie wir damit umgehen, dass Menschen unsere Lebensrealität leugnen. Wir haben kein Problem damit, dass es Leute gibt, die die Maßnahmen hinterfragen. Und wir alle haben Fragezeichen bezüglich der letzten zwei Jahre. Kritik ist vollkommen in Ordnung, aber es ist nicht in Ordnung, mit rechtsextremistischen Kräften zu demonstrieren. Zuzuschauen, dass Leute gewalttätig werden oder sich mit diesen zu solidarisieren und die Sache an sich zu leugnen ist nicht in Ordnung.

Wir müssen es schaffen, als Menschen, als Gesellschaft ins Gespräch zu kommen und ich glaube, dass es im nächsten Jahr darauf ankommen wird, mit den Leuten, die an diesen „Spaziergängen“ mitgelaufen sind und Ängste bezüglich der Impfung haben, ins Gespräch zu kommen. Das wird eine riesige Herausforderung für die Politik. Mir ist ganz wichtig, dass wir nicht aus den Augen verlieren, dass es auch Dinge gibt, die wichtiger sind als Corona oder Schutzmaßnahmen, wie zum Beispiel der Zusammenhalt in der Familie und dass wir über solche Gemeinsamkeiten hoffentlich zusammenfinden können.

Planen Sie weitere Gegenproteste?

Wir haben darüber intern noch gar nicht gesprochen, aber ich gehe fest davon aus, dass wir es nicht bei dieser einen Aktion belassen werden. Wir müssen noch absprechen, wie wir die nächsten Montage auch kreativ und „personalarm“ gestalten können: „Personalarm“, weil ich es in der derzeitigen Situation nicht für sehr verantwortungsvoll halte, auf der Gegenseite Tausende Menschen zusammenbringen zu wollen. Wir müssen eher mit kreativen Ideen zeigen, dass es noch viele andere Menschen gibt, die diese „Spaziergänge“ nicht gut finden.

Sind Sie vernetzt mit anderen Protestbewegungen gegen die Bezirkspaziergänge?

Ja, es gibt einen regen Austausch. Ich selbst bin innerhalb Treptow-Köpenick gut vernetzt und aus meiner Vernetzungsgruppe wiederum gibt es zahlreiche Menschen, die auch auf Landesebene vernetzt sind.

Gibt es die Möglichkeit für Interessierte, sich bei Ihnen weiter zu engagieren?

Auf jeden Fall! Wir sind offen für alle und wer Interesse hat, kann sich einfach beim Zentrum direkt oder bei mir als Sprecher persönlich melden.

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