Es ist eine fragwürdige Erfahrung, mit einem geliebten Menschen eine Beziehung zu unterhalten, ohne die banalsten Dinge des Alltags teilen zu können.

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Verbotene Liebe : Eine Beziehung im multikulturellen Ausnahmezustand
Christian Weber


Manchmal entscheiden sich junge Frauen wie Amal für den radikalen Ausbruch. In Deutschland gibt es dafür Anlaufstellen. Wie Kronzeugen in einem Mafia-Prozess erhalten sie von staatlichen Stellen eine andere Identität und fangen an einem fremden Ort ein völlig neues Leben an. Danach darf es keinen Kontakt mehr mit der Familie geben. Oft sehen die jungen Frauen darin schon deswegen keinen Ausweg, weil sie in ihren Großfamilien von frühauf die Last der Hauptverantwortung für jüngere Geschwister tragen müssen. Sie glauben sich in der Pflicht und hängen an diesen Geschwistern. Dieses Pflichtgefühl übersteigt den inneren Drang nach Freiheit und lässt sie jede Schikane ertragen. Einen Ausbruch empfänden sie als Verrat an der Familie. Was sie nicht sehen, sind die Schäden, welche die familiären Repressionsstrukturen an ihren Seelen hinterlassen.
Was an Amals Berichten überrascht, ist Fremdenfeindlichkeit gegenüber Deutschen. Jemanden als „deutsch“ zu bezeichnen, gilt als Beschimpfung. Viele Migranten kamen über das Asylrecht zu uns. Sie suchten Schutz und Sicherheit vor Verfolgung und erhielten es. Warum lehnen manche von ihnen uns Deutsche, unser Land, unsere Freiheit, unsere Demokratie und unsere Kultur dann ab? Und warum bleiben sie? Einmal sagte Amal, Christen zu heiraten ist bei ihr verboten. Sie müssen vorher konvertieren. Alles andere würde mindestens den Verstoß aus der Familie nach sich ziehen. Ihre Betonung lag auf „mindestens“.
Es ist eine fragwürdige Erfahrung, mit einem geliebten Menschen eine Beziehung zu unterhalten, ohne die banalsten Dinge des Alltags teilen zu können. Und all das nur, weil bestimmte Gruppen hartnäckig an frauenfeindlichen und unzivilisierten Vorstellungen festhalten. Für mich stellt sich daher immer die Frage nach der Zukunft. Einmal sprach ich mit einem katholischen Geistlichen darüber. Er bestärkte mich und sagte, die junge Frau sei mir „von Gott anvertraut“. „Achte und unterstütze sie auf ihrem Weg. Alles andere wird sich fügen.“ Ich hoffe, er hat recht. Ich kann aber niemandem empfehlen, es mir gleichzutun. Denn dafür ist das Leben eigentlich zu kurz.

Andererseits habe ich eine Muslimin kennen- und lieben gelernt, die sich durch den Zwang zur viel zu frühen Übernahme von Verantwortung wertvolle charakterprägende Eigenschaften und Fähigkeiten angeeignet hat, die einem so nur selten begegnen. Amal ist in ihrem zerrissenen Innersten mit Haut und Haaren Deutsche. In ihrer Familie, die tagtäglich darum kämpft, über die Runden zu kommen, steht sie damit noch relativ allein. Vielleicht auch deshalb, weil ein völlig wehrloses Familienmitglied vor einigen Jahren Opfer rechtsextremer Gewalt wurde. Der hinterhältige Übergriff war außerordentlich brutal. Mit den körperlichen Schäden wird das Opfer für immer leben müssen. Die volljährigen Täter wurden nach Jugendstrafrecht verurteilt und saßen nur kurz ein. Zivilrechtlich wurden sie für ihre Tat nie belangt.

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