Verkehr in Berlin : Grüne Welle für alle? Schön wärs!

Alle wünschen sich die Grüne Welle, wenn sie durch die Stadt fahren - nicht nur zur Grünen Woche. Doch nicht jeder erwischt sie. Ein Bericht aus dem Alltag der Ampelschaltung.

Der Berliner wünscht sich möglichst viel Grün auf seinen Straßen. Das Problem: Alle anderen auch.
Der Berliner wünscht sich möglichst viel Grün auf seinen Straßen. Das Problem: Alle anderen auch.Foto: Mike Wolff

Wenn Pendler einen Wunsch frei hätten, dann würden viele wohl eine grüne Welle auf ihrem täglichen Weg durch die Stadt ordern. Na, dann versuchen wir’s doch einfach mal. Allerdings wären vorher noch ein paar Fragen zu klären: Wie fahren Sie denn zur Arbeit? Mit dem Auto, also möglichst Tempo 50 auf Hauptstraßen?

Und Sie versprechen, dass Sie auch ja nicht 55 fahren und folglich auch nicht zu früh an der nächsten Ampel sind und bremsen müssen und den ebenfalls ein bisschen zu schnell gefahrenen Pulk hinter sich zusammenbremsen, sodass der Verkehrsfluss dann doch stockt, statt geschmeidig auf der grünen Welle zu surfen? Oder fahren Sie etwa mit dem Fahrrad, bräuchten also die Welle für Tempo 18 bis 20? Ach so, Sie haben ein Elektrorad, also eher Tempo 25? Hm.

Leider hat sich Ihr Nachbar ebenfalls eine Grüne Welle gewünscht. Er fährt aber mit der Straßenbahn. Erst geht er zur Haltestelle, wobei er natürlich keinesfalls möchte, dass ihm Abbieger oder Querverkehr schon über die Haxen fahren, sobald seine Fußgängerampel auf Rot springt. Also bräuchte er ein paar Sekunden Puffer.

Grüne Welle für alle?

Und die Straßenbahn, die eigentlich so schön mit dem Autoverkehr mitschwimmen könnte, muss leider anhalten, damit er ein- und aussteigen kann. Aber eine vorrangige Grüne Welle für die BVG ist doch wohl selbstverständlich – oder sollen 100 Fahrgäste in der Tram oder im Bus an jeder Ecke erst ein Dutzend Autofahrer abwarten? Ach so: Das gilt genauso für den Bus in der Querstraße? Oh weh!

Was auch noch zu klären wäre: Ihr Chef hat zwar dasselbe Fahrziel wie Sie, aber er wohnt woanders und möchte ebenfalls nicht im Stau stehen. Aber wenn Sie die Grüne Welle bekommen, steht er in der Querstraße im Stau. Außerdem muss er an der letzten großen Kreuzung, an der Sie gern ungehindert durchrauschen würden, links einbiegen, was wegen der vielen Fahrspuren, Radfahrer und Fußgänger sowie der Tramgleise in der Mitte wirklich nur mit einer eigenen Ampelphase geht. Herrje.

Ihr bester Freund möchte übrigens ebenfalls eine Grüne Welle, fährt aber morgens auf Ihrer Straße in die Gegenrichtung. Und Zweirichtungswellen sind in Berlin mit seinem unregelmäßigen Straßenraster leider fast nirgends möglich.

Busspurparker, Lückenspringer, Drängler, Trödler

Was, das glauben Sie nicht? Dann rechnen wir’s mal für den einfachsten aller Fälle durch: Sie fahren auf einer Straße 30 Sekunden bis zur nächsten Kreuzung. Die Ampel muss also nach 25 Sekunden grün geworden sein, damit Sie ohne zu bremsen durchfahren können. Danach kommt noch eine Kreuzung, die Sie nach weiteren 40 Sekunden erreichen.

Also bitte grünes Licht nach 65 Sekunden, denn fünf Sekunden Vorlauf müssen schon sein, damit der Verkehr fließt. So weit, so gut. Aber wir haben die Rechnung ohne den Gegenverkehr gemacht. Der durfte bei Sekunde 65 an der zweiten Kreuzung zwar auch losfahren, um dann ebenfalls 40 Sekunden später die erste Kreuzung zu erreichen. Also die, an der Sie 80 Sekunden zuvor Grün hatten.

Wo also jetzt Rot ist, denn der Querverkehr will ja auch durch. Es wird also nichts mit der Grünen Welle für beide Richtungen. Dabei haben wir die Rechnung schon ohne Fuß- und Radverkehr gemacht, ohne Grundstücksausfahrten und erst recht ohne Busspurparker, Lückenspringer, Drängler, Trödler, Abbieger und den Jongleur an der Ampel, der zu lange auf der Fahrbahn herumturnt.

Ach, und seit auch Radfahrer die Fahrbahn benutzen dürfen, musste die Pufferzeit verlängert werden, damit die Radler bei Gelb noch heil über die Kreuzung kommen.

Ingenieurbüros programmieren die Ampeln

All das macht die Ampelprogrammierung so komplex, dass Berlin seit den 1990ern externe Ingenieurbüros damit beauftragt. Bei der Verkehrslenkung werden die Schaltpläne dann geprüft – und Prioritäten festgelegt wie die Frage, zu welchen Zeiten welche Richtung bevorzugt werden soll, wie viele grüne Bonussekunden ein nahender Bus bekommen darf und wie lange Fußgänger höchstens warten sollen.

Linderung bringen in vielen Fällen verkehrsabhängige Steuerungen, bei denen die Ampelprogramme sich dem aktuellen Verkehrsaufkommen aus verschiedenen Richtungen anpassen. Aber während nach Uhrzeiten gestaffelte Programmvarianten relativ verbreitet sind, fehlt vielen Ampeln die dafür nötige Technik – oder sie ist deaktiviert.

Der Verteilungskampf um die Grünphasen verschärft sich mit dem Wachstum des Stadtverkehrs. Und solange die Autos mit Verbrennungsmotoren fahren, hängt an ihm auch ein großes Umweltthema: Die Abgasreinigung der Autos funktioniert am besten bei gleichmäßigem Tempo, während der Stau und vor allem starkes Beschleunigen mehr Dreck produzieren.

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Auch deshalb prüft die Verkehrsverwaltung, auf einigen Hauptstraßen Tempo 30 anzuordnen, um die Luftbelastung zu verringern. Und höhere Geschwindigkeiten sind per se stauanfälliger, weil stärker gebremst und beschleunigt wird und die Abstände zwischen den Fahrzeugen stärker schwanken: Wenn die Ampel grün wird, können nicht alle zugleich losfahren, sondern nur nacheinander, um die Abstände zu vergrößern.

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