„Verletzte Familienehre“ : 130 Schläge und ein Schuss

Sechs Mitglieder einer Familie stehen vor Gericht. Ein Mann wurde fast erschlagen, eine Frau aus Versehen erschossen.

Der Prozesse begann heute am Kriminalgericht Moabit.
Der Prozesse begann heute am Kriminalgericht Moabit.Foto: Jens Kalaene/dpa

Der Vater, seine drei Söhne sowie der Schwiegersohn wurden aus der Haft zum Prozess gebracht, eine 16-jährige Verwandte huschte in Begleitung ihrer Anwälte in den Gerichtssaal: Gegen sechs Mitglieder einer bosnischen Familie hat der Prozess vor dem Berliner Landgericht begonnen.

130 Mal sollen sie auf einen 39-Jährigen eingeprügelt habe. Weil sie sich in ihrer „Familienehre“ verletzt gefühlt hätten. Während der Tat habe sich aus einer Pistole, die einer der Angreifer in der Hand gehalten habe, ein Schuss gelöst. Die Kugel habe seine Schwester getötet.

Samir O., ein 29-jähriger Autohändler, soll der Mann mit der Schusswaffe gewesen sein. Er schluchzte und wischte sich Tränen aus den Augen, als der Staatsanwalt am Dienstag die Anklage verlas. Aus Sicht der Ermittler war es eine blutige Racheaktion.

Die Hintergründe der Tat seien bislang noch nicht geklärt. Vermutet wird allerdings, dass alte Rivalitäten bei einem zufälligen Treffen auf einer Hochzeit aufbrachen. Von einem „alten Streit zwischen mindestens zwei Roma-Familien“ war am Rande des Prozesses die Rede.

Es begann mit einem rauschenden Fest. Hunderte Gäste sollen auf einer Hochzeit in Spandau getanzt haben. Doch in der Nacht zum 27. Oktober 2018 waren plötzlich Pöbeleien zu hören. Äußerungen wie „ich ficke eure Toten“ sollen die Gewalttätigkeiten ausgelöst haben. Der 49-jährige Ismet H. sowie weitere Mitglieder seiner Familie hätten den Gegner verfolgt. Der ebenfalls aus Bosnien stammende 39-Jährige saß in einem Café in der Prinzenallee in Gesundbrunnen, als er attackiert wurde.

Mit Beil, Hammer und Hockeyschläger bewaffnet

Eine Videokamera war auf den Eingangsbereich des Lokals gerichtet. Die Bilder zeigen den Angaben zufolge: Die Angreifer waren mit einem Beil, mit einem Hammer, einem Hockeyschläger und einer Eisenstange bewaffnet. „Ismet H. versetzte dem Opfer etwa 27 Schläge mit der stumpfen Seite eines Beils“, heißt es in der Anklage.

Sein Sohn Amir O. habe etwa 29 Mal auf den Geschädigten eingeschlagen. 14 Hiebe habe Samir O. dem Mann versetzt – „zweimal mit einem Stuhl“. Die 16-jährige Angeklagte soll sogar 39 Mal zugeschlagen haben – „26 Mal mit einem Hammer auf die Beine“.

Erst als der Geschädigte sich schwer verletzt und blutüberströmt kaum noch geregt habe, hätten sie von ihm abgelassen. Der 39-Jährige habe durch die Attacke lebensgefährliche Kopfverletzungen erlitten. Er sei „dauerhaft gezeichnet“, hieß es.

Frau von Samir O. soll Waffe beseitigt haben

Allen sechs Angeklagten wird versuchter Totschlag und gefährliche Körperverletzung zur Last gelegt. Samir O., aus dessen Waffe sich versehentlich eine Kugel gelöst und seine 23-jährige Schwester getroffen haben soll, muss sich zudem wegen fahrlässiger Tötung verantworten.

Ursprünglich sollte die Frau von Samir O. mit auf der Anklagebank sitzen. Sie habe die Pistole beiseite geschafft, lautet der Vorwurf. Weil die 30-Jährige vor wenigen Tagen ihr viertes Kind geboren habe, sei ihr eine Teilnahme am Prozess derzeit nicht zuzumuten, entschied das Gericht. Das Verfahren gegen die Frau wurde von dem gegen die anderen Familienangehörigen abgetrennt.

Als die fünf Männer rund zwei Wochen nach dem Überfall festgenommen wurden, hüllten sie sich in Schweigen. Im Prozess soll es jetzt Aussagen geben. Samir O. werde mit einer Erklärung beginnen und dann Rede und Antwort stehen, kündigten die Verteidiger an. Die Verhandlung wird an diesem Freitag fortgesetzt.

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