Versorgungslücke an Berlins Schulen : Notplan: Berlin sucht hunderte Lehrer

„Wir haben ein Problem“, warnt Bildungssenatorin Scheeres. Erstmals nennt sie konkrete Zahlen, wie groß die Lücke im kommenden Schuljahr sein könnte.

Sandra Scheeres (SPD), Senatorin für Bildung, Jugend und Wissenschaft
Sandra Scheeres (SPD), Senatorin für Bildung, Jugend und WissenschaftFoto: dpa/Gregor Fischer

"Spalt, Lücke, Kluft" - so lautet die deutsche Übersetzung des englischen Wortes "gap". Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) zog es am Montag vor, durchgängig von "gap" zu sprechen, als sie die Versorgungslücke bei den Lehrern meinte. Wie groß diese genau sein wird, konnte sie noch nicht beziffern, rechnete aber vielsagend vor, was es bedeuten würde, wenn der "gap" bei 500 bis 600 Lehrern liegen würde.

Berlin braucht nach Scheeres' Angaben rund 2150 Lehrer zum Sommer, hat aber bisher nur 900 reguläre Lehrer einstellen können. 1250 Verträge sind somit noch nicht unterschrieben. Von rund 2000 Kräften, die sich als Quereinsteiger beworben hatten, erfüllten nur rund 1000 die Voraussetzungen. Diese 1000 wurden eingeladen, es erschienen aber nur rund 800. Selbst wenn sich diese 800 alle im Vorstellungsgespräch als geeignet erweisen würden, bliebe ein Lücke von 450 zuzüglich 50, die man braucht, um die Quereinsteiger zu entlasten. Weil "Berlin somit ein Problem hat", lud Scheeres ausnahmsweise schon vor den Ferien zum Ausblick auf das kommende Schuljahr.

Rund 100 Pensionäre wollen länger arbeiten

Um diese Lücke von rund 500 Lehrern auszufüllen, wurden bereits Pensionäre ermuntert, weiterzuarbeiten. Rund 160 haben daran Interesse, hieß es am Montag. Aber weil das nicht reicht, hält die Senatorin am Programm, "Unterrichten statt Kellnern" fest, obwohl die Hochschulen dagegen protestiert haben: Sie fürchten, dass sich das Studium verlängert, wenn die Masterstudenten bis zu eine halbe reguläre Lehrerstelle ausfüllen.

Sprachlernassistenten statt Lehrer

Schulen, die ihre freien Stellen nicht besetzen können, erhalten die Möglichkeit, stattdessen pädagogische Unterrichtshilfen, Betreuer und Sozialarbeiter einzustellen. Bald soll es auch wie berichtet "Sprachlernassistenten" geben - eine neue Profession in der Berliner Schule. Dieses Vorhaben befindet sich aber noch in der gesetzlichen Mitbestimmung. In Kürze soll es zudem erlaubt sein, weitere Berufe wie Logopäden und Ergo- und Musiktherapeuten oder Psychologen statt Lehrern zu beschäftigen.

Quereinsteiger werden nur um eine Stunde entlastet

Der akute Mangel führt dazu, dass die Quereinsteiger nicht so entlastet werden, wie von der SPD-Fraktion gewünscht: Im Haushalt finanziert ist eine Entlastung um zwei Stunden, es wird aber nur eine Stunde geben, sagte Scheeres. Andernfalls wäre die geschätzte Personallücke um noch 60 Vollzeitstellen größer. Ebenfalls als Beitrag zur Lückenschließung dient das Vorhaben, freiwillige bezahlte Mehrarbeit zu ermöglichen: Wer zwei zusätzliche Stunden arbeitet, kann rund 350 Euro mehr verdienen.

Abstriche bei der "Giftliste"

Wie berichtet sollen etliche Lehrer in den Unterricht zurückgeholt werden, die bisher für andere Aufgaben freigestellt sind. Die genaue Zahl der Stellen, die auf diese Weise generiert werden könnten, sei noch nicht klar, wie Scheeres sagte. Zwei besonders strittige Punkte musste sie aber vorerst zu den Akten legen, darunter der Plan, die Zusammenarbeit zwischen Schulen und Hochschulen bei der Lehrerbildung zu schwächen. Diese Stellen bleiben erstmal bei den Hochschulen - zumindest bis zum Sommer 2019.

Auch der Plan, den Staatlichen Europaschulen Berlin (SESB) 200 Lehrerstunden wegzunehmen, erwies sich inzwischen als wenig fundiert und wird sogar komplett verworfen, wie Scheeres am Montag mitteilte. Denn die 32 Europaschulen konnten nachweisen, dass sie die Zusatzstunden unbedingt brauchen. So entwickeln die betreffenden Lehrer die Prüfungsaufgaben für den Mittleren Schulabschluss und das Abitur, da es für Sprachen wie Polnisch und Griechisch keine zentralen Aufgaben gibt. Zudem kümmern sich diese Lehrkräfte um die Einschulungstests, denn es muss für jedes Kind nachgewiesen werden, dass es entweder Deutsch oder die jeweilige Partnersprache – darunter etwa Englisch, Türkisch, Französisch oder auch Spanisch – auf dem „Muttersprachlerniveau“ spricht.

Die Europaschulen können aufatmen

Auch der Einsatz von Teilungsunterricht, Sprachförderstunden oder Exkursionen, Projekte und Wettbewerbe sowie Schüler-Austausch auf europäischer Ebene müssen koordiniert werden, was bei 32 Grund- und Oberschulen nicht nebenbei zu schaffen sei, betonten die Schulen. Zumal es auch Daueraufgaben gibt wie die Zusammenarbeit zwischen Klassen der SESB und den Regelklassen an den jeweiligen Schulen.

Ganz abgesehen davon steht nicht nur die Sicherung, sondern sogar der Ausbau der SESB im Koalitionsvertrag, was den Kürzungen ebenfalls entgegensteht.

Die Arbeitsgemeinschaft der SESB, die schon vor zwei Jahren vor Kürzungen warnte, hat für diesen Montag, unter dem Motto: „SESB – die Zukunft gehört uns!“ zu einer Demonstration aufgerufen. Anlass ist ein Auftritt der Bildungssenatorin im Europäischen Haus Unter den Linden: Dort wollen sich Eltern und Lehrer der SESB mitsamt Schulklassen zwischen 14.30 und 15 Uhr versammeln, bevor die Senatorin einige Europa-Schulen für besondere Leistungen auszeichnet. „Frau Scheeres soll durch die Demonstration erkennen, dass schöne Worte und glänzende Urkunden nicht die wertvolle Arbeit unserer Lehrerinnen ersetzen. Diese bildet das organisatorische Rückgrat der SESB", sagte die Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft der SESB, Caroline Schmidt-Lucke, bevor am Montag bekannt wurde, dass die Kürzungen nicht umgesetzt werden.

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