Versteigerter Ort in Brandenburg : Alwine soll Erfinderdorf werden

Verrückte Ideen sind ihr Geschäft. Nun wollen Marijan Jordan und Gerhard Muthenthaler in Brandenburg das verkaufte Dorf Alwine in die Zukunft führen.

Gerhard Muthenthaler und Marijan Jordan vor ihrem Erfinderladen in Prenzlauer Berg.
Gerhard Muthenthaler und Marijan Jordan vor ihrem Erfinderladen in Prenzlauer Berg.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Am Anfang war das Wort. „Erfinderdorf“. Als der Begriff gefallen war, sagt Gerhard Muthenthaler, „war die Sache für uns klar.“ Gerhard Muthenthaler und Marijan Jordan wollen ein Dorf neu erfinden. Die beiden wirken nach mehr als 20 Jahren Freundschaft und „beruflicher Unzertrennlichkeit“, wie sie sagen, wie ein perfekt eingespieltes Team: Muthenthaler berichtet lebhaft und ausführlich, Jordan liefert die Zusammenfassung.

Ähnlich mag es sich abgespielt haben, als die beiden 45-Jährigen in ihrem Erfinderladen in Prenzlauer Berg überlegten, ob sie das wollten, ein verschlafenes brandenburgisches Örtchen zu überholen.

Gut 100 Kilometer südlich Berlins liegt Alwine, mit den etwa 20 Bewohnern, wo sich zuletzt nicht einmal mehr jemand die Mühe machte, die Miete einzutreiben. Verfallen und vergessen, bis die Siedlung Ende vorigen Jahres durch ihre Versteigerung in die Schlagzeilen gelangte. Jetzt sollte ausgerechnet dieser Ort, einst entstanden aus Werksgebäuden einer stillgelegten Braunkohle-Zeche, wegweisendes Zukunftsprojekt werden?

"Wir machen ein Erfinderdorf"

In das Gespräch hinein sagte Jordan: „Wir machen ein Erfinderdorf.“ Das sei in dem Moment eher als Witz gemeint gewesen, sagt er. „Doch dann stand der Begriff im Raum.“ Muthenthaler sagt: „Da wurde aus etwas, das eher was von einem Immobilienprojekt hatte, auf einmal genau das, was wir eh schon immer machen.“

Mit ihrem Unternehmen und dem Erfinderladen helfen Jordan und Muthenthaler anderen Erfindern dabei, ihre Ideen auf den Markt zu bringen. „Wenn es richtig verrückt ist, wird es für uns erst interessant“, sagt Muthenthaler.

Was die Versteigerung von Alwine betrifft, hatten vermutlich viele, die die Berichterstattung verfolgten, ein diffuses Gefühl, was man damit alles anstellen könnte. Jordan erinnert sich, als er vom Verkauf Alwines erfuhr. „Als ich das beim Autofahren im Radio hörte, dachte ich: Schade.“ Als sei das eine verpasste Chance gewesen.

Aber ein ganzes Dorf zu kaufen, wäre wohl selbst ihnen zu weit gegangen. Offenbar musste das Schicksal nachhelfen. Vergangene Woche wurde vermeldet: Der ursprüngliche Käufer ist abgesprungen. Die Verkaufssumme von 140.000 Euro übernimmt ein Immobilienmakler aus Berlin. Er beauftragt die Unternehmer Jordan und Muthenthaler – sie sollen das Dorf „aus dem Dornröschenschlaf in die Zukunft führen“, heißt es in der Pressemitteilung.

Zunächst werden die Sanierungen in Angriff genommen, dann soll das Dorf Modellcharakter bekommen. Die Solardachziegel von Elon Musk sind so ein Beispiel. „Die sind in Europa noch nicht auf dem Markt“, sagt Muthenthaler. „Klar wäre es toll, sie als Erste zu bekommen.“

Erdwärme, Wasseraufbereitung, ökologische Lebensmittelproduktion sind weitere Schlagwörter. Schon jetzt denken die beiden dazu an ein Erfinderdorf-Museum. Der neue Besitzer von Alwine, der im Hintergrund bleibt, ist ein Freund von ihnen. „Er hat beim Kauf schon an uns gedacht“, sagt Jordan.

Erfinderladen in Prenzlauer Berg

Dass er und Muthenthaler sich überhaupt kennengelernt haben, damals beim Studium in Salzburg, geschah ebenfalls durch Initiative eines Außenstehenden. „Ein Freund von uns war überzeugt, wir sollten uns kennenlernen und was zusammen machen“, sagt Muthenthaler. Der Freund sollte recht behalten: Schon ihr drittes Treffen fand beim Firmengericht statt, um ihr Unternehmen anzumelden.

Der Vorgänger ihrer Erfindungsschmiede war geboren, mit der sie später nach Berlin zogen. Im Erfinderladen gibt es neben der Wasserwaage, die um die Ecke misst, und einer im Kochtopf stehenden Suppenkelle auch Monsterfallen und Sicherheitsschlösser für Nutella-Gläser. Eine der ersten Ideen, die sie umsetzten, schaffte die Technologie zum Dimmen der Gasentladungslampen bei Straßenlaternen.

„Der Markt war da von den Großen beherrscht und in der Literatur stand noch, dass das technisch überhaupt nicht möglich wäre“, sagt Muthenthaler. Da kam ein älterer Herr auf sie zu, gelernter Schneider und Beleuchter in einem Marionettentheater, und zeigte ihnen, dass es eben doch ging. „Mit der Erfindung konnten über 70 Prozent der Energiekosten gespart werden“, sagt Muthenthaler.

Er hält inne. „Da fällt mir auf, wie sich ein Kreis zu schließen beginnt.“ Die Dimmvorrichtung auch auf die Straßen zu bringen, habe viel Überzeugungsarbeit gekostet. Jetzt haben Muthenthaler und Jordan ein ganzes Dorf, um neue Technologien zu präsentieren.

Sie wollen eng mit den Bewohnern zusammenarbeiten. „Wir werden nicht sagen: Ey Leute, in zwei Jahren wohnt ihr in Las Vegas“, sagt Jordan. Am Freitag findet das erste Treffen mit allen Beteiligten statt.

In der Woche seit das Erfinderdorf öffentlich wurde, sind Dutzende Vorschläge bei Jordan und Muthenthaler eingegangen, von Privatpersonen genauso wie von Firmen. Auch Berliner sind darunter, die sich als Testbewohner für das Dorf anbieten. „Ich möchte es auf jeden Fall so gestalten, dass ich selbst dort wohnen würde“, sagt Muthenthaler. Sein Traum wäre es, dass es irgendwann über Alwine heißt: Das Erfinderdorf, das musst du gesehen haben.

Mehr zum Projekt können Sie hier lesen.

Südwestlich von Cottbus liegt das Dorf Alwine.
Südwestlich von Cottbus liegt das Dorf Alwine.Foto: TSP
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