"Preußisch korrekt" nennt die Zeitung ihre Linie

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Vertriebene in Berlin : Was ist Heimat?
Johannes Laubmeier
Vertriebene 1945 in Berlin.
Vertriebene 1945 in Berlin.Foto: akg-images

Warum dieses Engagement für eine Heimat, in der er nie gelebt hat, ein Land, das mehr als 40 Jahre vor seiner Geburt aufhörte zu existieren? „Je weiter ich nach Nordosten komme, desto heimischer fühle ich mich. Ich glaube, da gab es einfach einen unbewussten Schnitt in meiner Familie.“ Mit Revanchismus habe er nichts am Hut, sagt Fischer. Zwar bezeichnet er sich selbst als Westpreuße, doch das habe mit seinem Interesse für Geschichte und Tradition zu tun, nicht mit dem Wunsch, irgendetwas zurückhaben zu wollen.

Neben der Garderobe des „Marjellchens“ liegen ein paar Ausgaben der „Preußischen Allgemeinen Zeitung“. Die solle man besser erst nach der Recherche lesen, sagt Fischer lachend. Er selbst liest viele der Vertriebenenzeitungen, aber bei dieser, die sich im Untertitel „Ostpreußenblatt“ nennt, frage er sich mitunter, ob sie nicht eher ein bestimmtes politisches Spektrum ansprechen wolle als die Gesamtheit der Ostpreußen. Die „Preußische Allgemeine“ ist das offizielle Presseorgan der Ostpreußischen Landsmannschaft, ein Blatt, das nach Eigenaussage „gegen den politisch korrekten Zeitgeist“ anschreibt. „Preußisch korrekt“ nennt die Zeitung die eigene Linie, neu-rechts nennen sie ihre Gegner. Auch andere Vertriebenenzeitungen bieten Angriffsflächen für solche Vorwürfe, so plädiert etwa die „Pommersche Zeitung“ noch heute für ein „freies Pommern im geeinten Deutschland und vereinten Europa“.

Er sagt, er habe sich sein Heimatgefühl "nicht ausgesucht"

Tilman Fischer schreibt anders, klarer. Von Versöhnung handeln seine Artikel, von gegenseitiger Annahme und kulturellem Austausch. Revanchistische Positionen, so steht es in einem seiner Texte, seien die einer „kleinen, aber nicht einflusslosen Minderheit von Funktionären und Aktivisten“, mit der er sich nicht identifizieren kann und will. Er setzt sich für eine Annäherung zwischen der deutschen und polnischen Öffentlichkeit und den Vertriebenen ein. Sein jüngerer Bruder sage ihm oft, dass das alles keine Zukunft habe – die Verbände, die Treffen, sein Engagement. Trotzdem will Fischer weitermachen, obwohl auch er nicht weiß, wie viel Zukunft das alles hat. „Ich habe mir mein Heimatgefühl nicht ausgesucht.“

Eine Solidarisierung der Verbände mit den heutigen Flüchtlingen fände Fischer gut, wenn sie ernst gemeint und nicht nur ein „moderner Anstrich“ sei. Auch müsse man prüfen, ob man so etwas neben dem „Kerngeschäft“ leisten könne. Das Kerngeschäft des Berliner Landesverbandes beinhaltet heute neben der Arbeit mit den Heimatvertriebenen auch Projekte für Russlanddeutsche, die nach dem Gesetz von 1953 ebenfalls als Vertriebene gelten. Projektarbeit mit aktuellen Flüchtlingen sei derzeit nicht geplant, heißt es beim Verband, man sei mit dem Auffangen deutschstämmiger Neuankömmlinge voll ausgelastet.

Die Freundinnen Ursula Mechler (l.) und Christa Suhr in Mechlers Wohnung.
Die Freundinnen Ursula Mechler (l.) und Christa Suhr in Mechlers Wohnung.Foto: Sven Darmer/DAVIDS

Einige Tage später lädt Ursula Mechler noch einmal in ihre Wohnung ein, zu Kaffee und Kuchen in der Bibliothek ihres Lebens. Sie will mehr erzählen, auch von ihrer Freundin Christa Suhr, ebenfalls Heimatvertriebene, aber aufgewachsen in Ost-Berlin. Auf einem Foto neben dem Regal sind die beiden gemeinsam zu sehen, zwei ältere Damen lachen aus dem Bild. Es wurde vor ein paar Jahren aufgenommen, an Ursula Mechlers Geburtstag. Sie legt ein zweites Foto daneben, ein abgegriffenes Schwarzweißbild. Auch das wurde an ihrem Geburtstag fotografiert, wieder sind die beiden Freundinnen zu sehen, nur dass sie statt grauen Kurzhaarfrisuren geflochtene Zöpfe tragen. Das Foto wurde 1942 in Lódz aufgenommen. Ursula Mechler und Christa Suhr waren Schulfreundinnen, im deutschen Gymnasium besuchten sie dieselbe Klasse. Damals ahnten sie nicht, dass sie sich bald für fast 50 Jahre aus den Augen verlieren und später jahrzehntelang in derselben Stadt leben würden, ohne voneinander zu wissen.

In der DDR war das Wort "Vertriebene" tabu

Heute wohnt Christa Suhr nur neun U-Bahn-Stationen von ihrer Freundin entfernt, in Berlin-Mitte, doch bis 1989 lag ihre Wohnung hinter der Mauer, in einer anderen Realität, auch für die Heimatvertriebenen. Wenn es nach den Sowjets und der SED gegangen wäre, hätte es in Ost-Berlin wie in der gesamten DDR gar keine Vertriebenen gegeben. „Umsiedler“ wurden die Deutschen aus den Ostgebieten und Osteuropa genannt, das Wort Heimatvertriebene war tabu, ebenso die Gründung von Vertriebenenverbänden, wie es sie in der BRD gab. Auch die Oder-Neiße-Linie wurde hier bereits im Jahr 1950 anerkannt. Die Umsiedler – oder Neubürger, wie die Flüchtlinge und Vertriebenen auch genannt wurden – sollten sich in den neu gegründeten Arbeiter- und Bauernstaat einbringen. Die Verbindung zu einer verlorenen Heimat erschien dabei als Hindernis.

„Hoffentlich laufen Sie mit mir mal nicht ins Messer.“ Christa Suhr stellt Gebäck und Kaffee auf den Wohnzimmertisch und setzt sich in ihren Sessel. In ihrer Wohnung in einem ehemaligen Funktionärswohnblock in Berlin-Mitte deutet nichts darauf hin, dass auch sie eine Heimatvertriebene ist. Die 84-Jährige hat keine thematische Bibliothek wie ihre Freundin Ursula Mechler, keine Wappen und Karten wie bei den Drehers füllen ihre Wände. „Ich wohne doch nicht in einem Museum.“ Das öffentliche Auftreten der Heimatvertriebenen stört sie, im Besonderen das der Verbände, die den Anspruch erhöben, Sprachrohr für alle Vertriebenen zu sein. „Wenn ich mich immer auf das konzentriere, was mal war, dann bin ich doch für Neues nicht offen. Dann nutze ich doch die Möglichkeiten, die mir gegeben werden, nur halb oder gar nicht.“

Auch die Behandlung der Heimatvertriebenen in der DDR sei kein Problem für sie gewesen. „Uns hat keiner gefragt: Woher kommst du? Wichtig war nur, was einer kann.“ Einmal sei sie nach dem Krieg in Lódz gewesen, ja, aber Heimatgefühl sei dabei nicht aufgekommen. „Es ist ein blödes Gefühl, wenn man durch Straßen geht, wo man die Fassaden kennt, aber niemanden besuchen kann.“

Heimat sei für sie da, wo sie an die Tür des Nachbarn klopfen könne, wenn sie Hilfe brauche, und die finde sie in Berlin. Für eine verlorene Heimat hat Suhr keine Zeit. „Ich hätte das Thema schon lange begraben“, sagt sie zum Abschied. Klar, es habe sie in den Kriegswirren aus Lódz hierher verschlagen – ist passiert, ist halt so. Aber dass die Verbände immer noch den Schulterblick kultivieren, kann sie nicht nachvollziehen. Sie zitiert die Internationale: „Es rettet uns kein höh’res Wesen / Kein Gott, kein Kaiser noch Tribun / Uns aus dem Unglück zu erlösen / Können wir nur selber tun!“ Nostalgie habe in ihren Leben keinen Platz, sagt sie dann.

"Wir sind jetzt in der Heimat", sagt sie

Zwei Wochen später sitzt Sibylle Dreher in ihrem roten Opel Zafira, den Kofferraum voller Geschenke. Es sind die Spenden, die sie eigentlich ins Flüchtlingsheim in der Nähe ihrer Lankwitzer Wohnung bringen wollte: ein alter Staubsauger, getragene Schuhe ihres Mannes, ein paar Kleidungsstücke. Angesichts der Reise hat sie sich anders entschieden. Statt sie Flüchtlingen zu spenden, will sie die Sachen jetzt Freunden in Polen schenken, Mitgliedern der kleinen, noch dort lebenden deutschen Minderheit.

Als Dreher die Stadt hinter sich lässt, „auf der ehemaligen Reichsstraße 1“, wie sie sagt, wirkt sie aufgekratzt. Später, als die deutsch-polnische Grenze schon hinter ihr liegt, wird sie ruhiger, sie beschleunigt auf 100, fixiert das Handgas, lässt rollen. Dreher hat Proviant mitgenommen, belegte Brote, Äpfel, Kuchen. Am Straßenrand ziehen die Bäume vorbei, knotig und kahl deuten sie an, wie grün es hier im Sommer sein muss. Dahinter ducken sich Hügel unter den mattgrauen Nachmittagshimmel. An die lange verschwundene Grenze, die sie wenig später überquert, erinnert nichts mehr. Sibylle Dreher bemerkt sie trotzdem, sie greift zum Handy und ruft ihren Mann an: Ja, sie komme gut voran, gerade sei sie über die „Reichsgrenze“ gefahren. „Wir sind jetzt in der Heimat“, sagt sie.

Sie legt auf, draußen verschwimmt das Grün, irgendwo mitten in Polen, zweieinhalb Stunden östlich von Berlin. Sibylle Dreher lächelt. Wenn ihr Mann und sie die Strecke gemeinsam fahren, singen sie manchmal das Westpreußenlied: „Westpreußen, mein lieb Heimatland, wie bist du wunderschön“, heißt es darin, und: „Bleibt deutsches Wesen, deutsche Art für alle Zeit bewahrt.“ Den Text kann Sibylle Dreher auswendig. Dieses Mal singt sie ihn nicht. Der Opel zieht weiter, die Bäume verschwinden. Am Straßenrand ein Schild: Droga Krajowa 22, Nationalstraße 22.

"Diese Flamme mahnt: Nie wieder Vertreibung"

Später, am Nachmittag nach dem Spaziergang am Kanal von Bydgoszcz, schon halb auf der Rückfahrt, wird Sibylle Dreher das Auto noch einmal zum Stehen bringen, am Rand einer Kleinstadt, die auf einem Hügel über der Weichsel liegt. Sie steigt aus und geht ein paar Schritte über den lehmigen Boden. Es ist kein schöner Ort, in der Nähe steht eine Gruppe Männer neben einem dreckigen Haus. Sie scheinen schon seit einer Weile zu trinken, nach der Lautstärke ihres Gesprächs zu schließen. Doch Sibylle Dreher beachtet das alles gar nicht. Bis ganz zum Rand des Hügels tritt sie vor und schaut auf den Fluss. Es ist der Strom, der auf der Karte in ihrem Wohnzimmer zu sehen ist, der Strom, den sie schon als Kind kannte, ohne sich an ihn erinnern zu können. „Das ist jetzt das berühmte Urstromtal. Das ist für mich Heimat“, sagt Sibylle Dreher.

Zurück in Berlin: Ein letztes Treffen mit Tilman Fischer steht an, an einem öffentlichen Erinnerungsort der Vertriebenen. Es gebe nicht viele davon, sagt er, aber der Theodor-Heuss-Platz sei einer. „Freiheit, Recht, Friede“ steht in großen Lettern auf dem mannshohen Quader aus Kunststein, der auf der Ostseite des Platzes über einen Metallzaun ragt, zwischen dem ehemaligen Amerikahaus, in dem heute die „Wühlmäuse“ spielen, und dem Turm des RBB-Gebäudes. Fischer geht um den Steinblock herum, zur Rückseite. Dort steht, auf einer Metalltafel, in kleinerer Schrift: „Diese Flamme mahnt: Nie wieder Vertreibung.“

Die Landsmannschaften haben das Denkmal gestiftet. Eingeweiht wurde es 1955, da hieß der Platz noch Reichskanzlerplatz, daneben entzündete man eine ewige Flamme. Bis heute legen Politiker und Vertriebene hier jedes Jahr zum Tag der Heimat Kränze nieder.

Heute, an einem Frühjahrsnachmittag, ist der Platz völlig leer, Tilman Fischer steht allein auf dem hellen Pflaster. Keine Kränze liegen auf dem Boden, keine Schulklassen und Touristen machen Selfies vor dem Mahnmal. Wie ein blinder Fleck in der Stadt wirkt der Ort, stetig umrundet vom Strom der Autos. Oben auf dem Quader brennt, in einer Eisenschale, die ewige Flamme. Eigentlich war geplant, sie zu löschen, sobald Deutschland wiedervereinigt würde. Sie brennt immer noch.

Was ist an der Situation heutiger Flüchtlinge anders als bei denen, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland ankamen – und was ist ähnlich? Lesen Sie hier Ansichten über Flucht und Vertreibung von einer, die vor 70 Jahren selbst eine Angekommene war.

Dieser Beitrag erschien am 24. April 2015 gedruckt in der Tagesspiegel-Samstagsbeilage Mehr Berlin.

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