Wolf Biermann sang noch 1965 vom "dreigeteilten deutschen Land"

Seite 2 von 3
Vertriebene in Berlin : Was ist Heimat?
Johannes Laubmeier
Vertriebene 1945 in Berlin.
Vertriebene 1945 in Berlin.Foto: akg-images

Am Ende des Gesprächs erzählt sie von den Reisen, die sie seit den 70er Jahren fast jedes Jahr nach Polen unternimmt. Sie besucht die Orte aus den Erzählungen ihrer Eltern und der Erinnerung ihres Mannes, der zehn Jahre älter ist als sie. Auch dieses Jahr ist wieder eine solche Reise geplant, Sibylle Dreher fiebert ihr entgegen, will lieber früher als später nach Polen fahren.

Ganz überzeugt von der Idee, einen Fremden dorthin mitzunehmen, ist Dreher allerdings noch nicht. Was der Artikel denn genau bezwecken solle, fragt sie spät nachts am Telefon. Beim ersten Treffen war sie noch offen, jetzt klingt ihre Stimme leicht reserviert. Zu oft habe sie Texte über die Vertriebenen gelesen, die ihr nicht gefielen, zu oft sei negativ berichtet worden. Gerade in der deutschen Berichterstattung fühle sie sich oft missverstanden. „Im Ausland berichtet man über die Vertriebenen viel objektiver“, sagt sie. Es dauert, bis sie bereit ist, tatsächlich gemeinsam nach Westpreußen zu reisen.

Klar ist: Das Thema Vertreibung ist in Deutschland ein Reizthema. Bis heute fordert der Berliner Landesverband der Vertriebenen auf seiner Webseite unter anderem einen Ausgleich für das erlittene Unrecht. Und obwohl, so erfährt man auf Nachfrage, damit keinesfalls ein materieller Ausgleich gemeint ist sondern nur, dass die Erinnerung an das Geschehene aufrecht erhalten werden soll, stoßen derartige Forderungen in der Öffentlichkeit oft auf Ablehnung, man unterstellt Revanchismus, manche sogar den Versuch, die Verbrechen der NS-Zeit verharmlosen zu wollen.

Noch in den 50ern forderten alle Parteien den Wiederanschluss

Das war nicht immer so. Noch in den 50er Jahren unterstützten alle großen Parteien die Heimatvertriebenen und forderten bei den Bundestagswahlen einen Wiederanschluss der von Polen verwalteten ehemaligen Ostgebiete. Allzu verlockend waren Millionen von Wählerstimmen. „Dreigeteilt. Niemals“, war damals auf Plakaten in Westdeutschland zu lesen. Doch nicht nur in der Politik galten die Grenzen von 1937, gehörten Pommern, Schlesien und die übrigen Gebiete in der Vorstellung zu Deutschland. In seinem Lied „Die hab ich satt“ sang Wolf Biermann noch im Jahr 1965 über „dies dreigeteilte deutsche Land“.

In den späten 60er Jahren änderte sich die Lage schlagartig. Mit der neuen Ostpolitik erkannte Willy Brandt die politischen Tatsachen und die Oder-Neiße-Linie als Deutschlands neue Ostgrenze an. Die Rückkehr, auf die viele Vertriebene noch lange nach der Ankunft in Deutschland gehofft hatten, wurde endgültig unmöglich. Gleichzeitig veränderte sich ihr Ansehen in der Bundesrepublik. Die junge Generation der 60er Jahre begann, die Naziverbrechen aufzuarbeiten. Sie konnte die Vertriebenen nicht mehr als die „vom Leid dieser Zeit am schwersten Betroffenen“ sehen, wie diese sich in ihrer Charta von 1950 bezeichneten. Das Wissen um den millionenfachen Massenmord an den europäischen Juden und die Tatsache, dass auch andere europäische Bevölkerungsgruppen ihre Heimat verloren hatten, machten eine solche Betrachtung unmöglich. Die Gegenwart hatte die Vertriebenen überholt.

Doch Erinnerung folgt keiner politischen Realität, sie glüht nach, ob man will oder nicht. Um das zu verstehen, ist vor der Reise nach Westpreußen erst einmal ein Besuch in Berlin-Schöneberg nötig. Dort, im dritten Stock eines gelben Hauses, sitzt Ursula Mechler in ihrem Arbeitszimmer und blättert in einem Fotoalbum. Hinter der kleinen 83-Jährigen mit den weißen Haaren stapeln sich Bücher auf einem Regal. „Die Deutschen im Osten“ steht da neben „Märchen und Sagen aus dem Posener Land“, „Kalte Heimat“ neben „Damals war’s“. Es ist ihre Bibliothek, aber es ist auch ihr persönliches Archiv, das hier gewichtig auf die Regalbretter drückt, ein Teil ihres Lebens.

Als sie 13 Jahre alt war, kam Ursula Mechler aus der polnischen Industriestadt Lódz nach Deutschland – auf der Flucht vor der Roten Armee, wie sie betont, als Flüchtling, nicht als Vertriebene. Das mit der Landsmannschaft habe erst 1962 angefangen, mehr als 15 Jahre nach der Ankunft in Deutschland. Damals, nach dem Tod ihres Vaters, zog ihre Mutter zu ihr nach Berlin und traf an der Bushaltestelle zufällig eine Frau, die den gleichen Dialekt sprach wie sie selbst. Die Frau war auf dem Weg zu einem Treffen der Landsmannschaft Weichsel-Warthe, in der sich Flüchtlinge und Vertriebene aus Posen, Mittelpolen, Galizien und Wolhynien zusammengeschlossen hatten. Dort, unter Menschen, die ein ähnliches Schicksal erlitten hatten, fand ihre Mutter Anschluss. Zuvor hatte sie in Berlin niemanden gekannt. „Da war Normalität“, sagt Ursula Mechler. Irgendwann begann sie, ihre Mutter zu den Treffen zu begleiten.

Die Jahrbücher der Landsmannschaft stehen im Regal

Und sie blieb dabei. Auf einem der unteren Regalbretter stehen die Jahrbücher der Landsmannschaft, alle Ausgaben von 1955 bis 2014, so dicht gedrängt, dass man kaum ein Buch herausnehmen kann, ohne die daneben mitzuziehen. Seit mehr als 20 Jahren ist Ursula Mechler die Berliner Vorsitzende der Landsmannschaft. Sie organisiert Treffen, Kulturabende und Ausstellungen und fährt immer wieder zu den Treffen des Bundesvorstands, in dem sie ebenfalls Mitglied ist.

Mindestens einmal im Jahr fährt auch sie nach Polen. Die Erinnerungen an diese Reisen füllen mehrere Aktenordner. „Reisen nach Polen bis 2000“ hat sie auf einen geschrieben, „Reisen nach Polen ab 2001“ auf einen anderen. Sie schreibt „Polen“, nicht Westpreußen, nicht Schlesien.

Die Teilnehmer sind fast immer dieselben, Bekannte aus ihrer und aus anderen Landsmannschaften. Mechler öffnet einen der Ordner und nimmt ein Foto heraus. Eine Gruppe Männer und Frauen posiert vor einem alten Salzbergwerk in der Nähe von Krakau. Weiße Haare vor Salzsäulen.

Warum es Mechler immer wieder nach Polen zieht, kann sie nicht sagen, denn eigentlich sind es für sie keine Besuche in der Heimat mehr. „Das sind Reisen in ein anderes Land“, sagt sie. „Obwohl man da schon mal gewohnt hat.“ Sie genieße es, hin zu fahren, aber geweint habe sie nie. Am Anfang, kurz nach der Flucht, habe sie das freilich noch anders gesehen. „Damals dachte ich immer: Wenn ich noch in der alten Heimat wäre, wäre alles besser.“ Ganz lässt sie die Vergangenheit bis heute nicht los, aber in Berlin fühlt sie sich zu Hause. „Es geht mir doch gut hier“, sagt sie.

Im Restaurant Marjellchen gibt es Königsberger Marzipan

Auch wenn sich die Vertriebenen mit dem Leben in Berlin arrangiert haben, sind bei vielen trotzdem Orte beliebt, an denen die Vergangenheit fortlebt. Das Restaurant „Marjellchen“ in der Mommsenstraße in Charlottenburg ist so eine Enklave. In geschwungenen Buchstaben steht der Name des Lokals über der Tür, daneben das Wappen der ostpreußischen Landsmannschaft, ein schwarzes Elchgeweih auf weißem Grund. In den Schaufenstern sind zwei große Fotografien aufgestellt, links das Danziger Krantor, rechts das Königsberger Schloss, darunter ein Bismarckdenkmal. Durch einen dicken Vorhang tritt man ins Innere des Restaurants. Das Licht ist gedimmt, aus der Stereoanlage singt Hildegard Knef.

Gegenüber der Eingangstür, in einer mannshohen Vitrine, liegen Schachteln mit Königsberger Marzipan. Darunter stehen kleine Schnapsfläschchen, Trakehner Blut, 42-prozentiges Ostpreußen im Jackentaschenformat. Die Enkelin einer Vertriebenen führt das Restaurant, kocht hier nach den Rezepten, die ihre Großmutter ihr aus der Zeit vor der Vertreibung überliefert hat. Die Speisekarte ist viersprachig: deutsch, englisch, französisch, russisch. Das Marjellchen ist ein Touristenliebling, Reisende aus aller Welt loben auf Online-Portalen die „authentische deutsche Küche“. Jetzt, im Frühjahr, ist allerdings Nebensaison, und so sind es größtenteils ältere Männer und Frauen, zu zweit oder allein, die an den Tischen sitzen und auf ihr Essen warten.

Tilman Fischer, der Enkel eines Vertriebenen, engagiert sich in der westpreußischen Landsmannschaft.
Tilman Fischer, der Enkel eines Vertriebenen, engagiert sich in der westpreußischen Landsmannschaft.Foto: Georg Moritz

Zwischen ihnen, an einem Ecktisch, sitzt Tilman Fischer, Tweed-Jacket, Karohemd und Hornbrille, Föhn-Frisur und kurzer Kinnbart. Als „überaus engagierten jungen Westpreußen“ hat Sibylle Dreher den 24-Jährigen empfohlen, als einen, mit dem man unbedingt reden müsse, wenn man mehr über die Heimatvertriebenen in Berlin erfahren wolle. Fischer studiert evangelische Theologie an der Humboldt-Universität. Eines seiner Facebook-Fotos zeigt das Rathaus des Ortes Chelmno in der polnischen Woiwodschaft Kujawien-Pommern, der früher Kulm hieß und in Westpreußen lag – Sibylle Dreher hat ein „Gefällt mir“ darunter gesetzt. Außerdem ist Fischer seit zehn Jahren SPD- und Juso-Mitglied. Die Kellnerin kommt an den Tisch. „Guten Tag, Herr Fischer, schön Sie wieder hier zu haben, was darf es sein?“ Als Aperitif gibt es Pillkaller, klaren Schnaps, der mit einer Scheibe Leberwurst und einem Spritzer Senf serviert wird. Als Hauptgang bestellt Fischer, ohne auf die Karte zu schauen, „Schlesisches Himmelreich“: Rauchfleisch mit Backobst und Hefekloß. Fischer hat das Lokal als Treffpunkt gewählt, weil es ein „kleines ostpreußisches Restaurant“ sei, so stand es in seiner SMS.

Beim Essen beginnt er zu erzählen. Erst vor acht Jahren begann er, sich für den Herkunftsort seiner Großeltern in Westpreußen zu interessieren. Sein Großvater, der aus Walcz kam, einem Ort, der früher „Deutsch Krone“ hieß, war zu diesem Zeitpunkt schon verstorben. Die Vertreibung war nie ein Thema in der Familie gewesen, irgendwann jedoch überredete Fischer seinen Vater, mit ihm zu einem Treffen der Westpreußischen Landsmannschaft zu gehen. „Ich habe mit 16 zum ersten Mal einen Bildband von Westpreußen gesehen – und das war Liebe auf den ersten Blick.“

Von da an begannen Vater und Sohn, sich zu engagieren, übernahmen Ämter in der Landsmannschaft und anderen Organisationen. Heute ist Fischer Vorsitzender des Bezirks Nord der Westpreußischen Jugend, Bundeskulturreferent der Landsmannschaft Westpreußen und stellvertretender Vorsitzender des Vereins AGMO, der sich für die deutsche Minderheit in Polen einsetzt. Außerdem schreibt er für die „Der Westpreuße – Unser Danzig“, die Zeitung der Landsmannschaft, die monatlich erscheint.

Seite 2 von 3 Artikel auf einer Seite lesen
Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

4 Kommentare

Neuester Kommentar