Berlin : Volkes Stimmen

Singen macht glücklich: In Berlin gibt es 1500 Laienchöre. Fast alle suchen noch Mitglieder. Was das hohe C wert sein kann

Verena Friederike Hasel

Durch den Raum fluten die letzten Töne von Hans Leo Hasslers „Ein alter Greis“, tun das mit einer Wucht, dass man glaubt, man könnte sich anlehnen an dieser Klangmauer, wenn sie einen erreicht. Vorne steht Bernd Medek, er neigt seinen Oberkörper dem Chor zu, den Kopf leicht schräg, die Lippen gespitzt. So sieht einer aus, der mit dem ganzen Körper hört. Der letzte Ton brandet auf, hält sich einen Moment, erlischt dann. Bernd Medek atmet aus, nickt langsam: „Ja.“ Und dann noch einmal: „Ja. Aber nun nochmal, und stellt euch dieses Mal eine goldene Kuppel über dem Ton am Schluss vor.“

Die letzte Note als Krönung, das Lied ein Schloss, das man errichtet – was jeden Montagabend bei den Proben vom Chor Mitte passiert, mag Außenstehenden befremdlich vorkommen, zum Lachen reizen. Doch dem Chorleiter ist es ernst mit dem, was er sagt: Singen sei, so Medek, eine ironiefreie Zone. Und genau das schätze er so daran: „Ironie schafft Distanz, Singen dagegen ist direkt.“

Singen als Kanal für pure Emotion – das kann man auch alleine haben. Doch selbst in Zeiten von Fließband gefertigter Rampensau-Musik à la „Deutschland sucht den Superstar“ gibt es sie noch, die Menschen, die sich einmal wöchentlich im Halbkreis aufstellen, mit Notenblättern rascheln und miteinander singen: 1500 Laienchöre hat Berlin – von Soul bis Klassik, von gemischtem Ensemble bis zur reinen Männerbesetzung.

Der Sonari Chor, der dieses Jahr sein 50. Jubiläum feiert, nimmt nur Männer auf. Das sei kein Zeichen der Antipathie gegenüber dem anderen Geschlecht, darauf legt Chormitglied Thomas Möller wert: „Wir lieben unsere Frauen, aber sie sollen bitte nicht mitsingen.“ Tiefe Stimmen allein für sich, das habe eine besondere Schönheit. Außerdem geht seiner Meinung nach gerade für ältere Männer eine besondere Sogwirkung vom Singen aus – spätestens dann, sagt Möller, wenn andere Hobbys wie Fußball wegen körperlicher Gebrechen nicht mehr möglich seien.

Ein anderer Berliner Männerchor, der Shantychor, ist 1985 als Ensemble von Seeleuten gestartet. Heute haben nur noch 12 Mitglieder einen maritimen Einschlag, so gibt es einen Funkoffizier einer Reederei und einen Binnenschiffahrtskapitän, ansonsten ist die Besetzung vom Bankdirektor bis zum Taxifahrer bunt gemischt. Das sei das Schöne, sagt Hans-Georg Rammelt, seit elf Jahren dabei: „Im Chor mischt sich, was ansonsten nicht zusammenfindet.“

Diesen sozialen Aspekt streicht auch der Wiener Musikpsychologe Thomas Biegl heraus: „Manchmal ist es leichter, zusammen zu singen als jemandem etwas zu erzählen.“

Auch für Sascha Soydan, eine der Soprainistinnen vom Chor Mitte, liegt in diesem Miteinander der besondere Reiz des Chorsingens – vor allem in der Mischung seiner Anforderungen: Einerseits den Klang mittragen, andererseits sich zurücknehmen. „Es geht darum, den eigenen Ton zu bewahren und gleichzeitig auf den der anderen zu hören.“ Außerdem fühlt sich die Schauspielerin durch den Chor in ihre Kindheit zurückversetzt, an Schulzeiten erinnert, vor allem während der Chorfahrten.

Ein bisschen Klassenfahrten-Memorial also, ein wenig kleine Schule in Sachen Gemeinschaft. Und dann wartet da noch der Kick-Moment, der Augenblick des Auftritts – für die 33-jährige Cordelia Krause von Studiosi Cantandi ein Moment, der sich niemals abnutzt: „Das ist Wahnsinn, wenn da plötzlich 400 Leute auf uns schauen.“ Zuletzt trat ihr Chor in der Sankt Matthäus am Kulturforum auf, dort sangen sie Haydns „Schöpfung“, ein Zwei-Stunden-Stück. Um danach nicht heiser zu sein, braucht es, wenn man Chormenschen fragt, vor allem eins: Atmen. Richtig atmen. „Weder drücken noch pressen“, sagt Luise Prehm, die seit 2002 den Chor d’accord leitet. „Und bloß nicht fleezen!“ Die Mitglieder ihres Chors halten sich gerade, wenn sie singen, sitzen auf der äußersten Stuhlkante, darauf achtet Prehm: „Nur ein schwingender Körper gibt einen guten Sound.“ Beate Dittmann von den Schönebergern Akazien Grazien legt besonderen Wert aufs Warmsingen am Anfang jeder Probe: Das Zwerchfell mobilisieren, indem man eine Lokomotive nachahmt, Tonleitern singen, um die Stimmbänder in Schwung zu bringen. „Ein Marathonläufer rennt ja auch nicht einfach so los“, sagt Ditttmann.

Klingt einleuchtend, und überhaupt scheint Singen dem Sport artverwandt zu sein: Genau wie Joggen oder Fahrradfahren stärkt es die Immunabwehr und regt die Endorphin-Ausschüttung an. Und dann sagt Singen laut Thomas Biegl auch noch etwas über die Fitness aus, zumindest in Darwins Sinne: „Wer das höhere C hat, erscheint als der potentere Partner.“

Tatsächlich hat das Chorsingen schon Ehen gestiftet, so etwa im Berliner Soulchor: Dort haben sich schon mehrere Paare gefunden, inzwischen gibt es sogar zwei Chorbabies. Und die können sich sicherlich nicht beklagen über zu wenig Musik in ihrem Leben.

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