Volkswagen GTI-Familie : Das eilige Trio

Mit dem up! GTI hat VW sein Sortiment besonders sportlicher Kompaktwagen komplettiert - Anlass, ihn samt Golf und Polo auf der Rennstrecke vorzuführen

Der Große und der Kleine. Vorne der Golf GTI, dahinter der up! GTI, fotografiert auf dem Circuito Ascarin bei Málaga.
Der Große und der Kleine. Vorne der Golf GTI, dahinter der up! GTI, fotografiert auf dem Circuito Ascarin bei Málaga.Foto: Andreas Conrad

„Jetzt voll Speed! Und dranbleiben!“ Die Anweisungen aus dem Walkie-Talkie werden drängender, eine Stallorder gewissermaßen, nur kommt sie diesmal nicht vom Streckenrand, sondern aus dem Wagen an der Spitze des Pulks. „Richtig drauftreten! Aufholen!“ Hat ja recht, der Mann. Zwei Wagenlängen Sicherheitsabstand hatte er vor dem Start empfohlen, es sind jetzt deutlich mehr. Doch nun lockt vor uns die lange Gerade: Schluss mit der Bummelei, der Drehzahlmesser schnellt hoch, aber da jagt wieder eine enge Rechtskurve heran, hinter der schon die nächste Schikane lauert. Hektische Kurbelei, um sich da irgendwie durchzumogeln, das Schalten lassen wir jetzt einfach mal, soll der Motor doch heulen.

Das Spielzeug der Superreichen. der Fahrzeugpark in der Großgarage des Circuito Ascari.
Das Spielzeug der Superreichen. der Fahrzeugpark in der Großgarage des Circuito Ascari.Foto: Andreas Conrad

Nein, hier donnern keine Verrückten über die Landstraße, Gegenverkehr ist ausgeschlossen. Volkswagen hat zu seinen GTI Performance Days auf den Circuito Ascari geladen, eine private Rennstrecke nordwestlich von Málaga. Sonst ist das ein beliebter Anlaufpunkt für schwerreiche Freunde des hochmotorisierten Rasens, die hier unbehelligt ihrem teuren Hobby frönen können, in der nahen Großgarage stehen ihre Spielzeuge zu Dutzenden herum. Diesmal nun will VW, das seine GTI-Reihe nach dem Golf und dem Polo nach unten hin um den up! ergänzt hat, mal zeigen, was in den Kraftprotzen wirklich steckt. Im normalen Verkehr wäre das wenig empfehlenswert.
Trotzdem: Bloß nichts übertreiben, also für den Anfang den up! bitte. Das Einstiegsmodell für jüngere, noch nicht ganz so betuchte Autofahrer, die dennoch gerne Tempo machen. Er hat zwar einen Zylinder weniger als die beiden anderen Familienmitglieder, dafür ist das vordere VW-Emblem noch mal zwei Zentimeter größer als das schon recht ausladende am Golf. Und immerhin ist der up! mit 115 PS ausgestattet, fünf mehr als der erste Golf GTI von 1976. Auch der steht auf dem Ascari-Gelände heute für nostalgische Testfahrten bereit und erweist sich – in den Siebzigern bei gern etwas großspurig auftretenden Fahrern eine beliebte Rakete, mit coolem Golfball am Schaltknüppel – bei einer kleinen Spritztour als vergleichsweise spurtschwache Rappelkiste. Aber er bleibt doch eine Legende.

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GTI-Vorführung in Spanien
GTI-Vorführung in Spanien

Nun aber auf in den up! Und da er trotz gelungenen Sounddesigns – das kernige Röhren im Innenraum überrascht ein wenig – doch der Langsamste ist, darf er zunächst direkt hinter dem Führungswagen auf die Strecke, und das ist gut so. Denn das berichten ja auch unerfahrene Ski-Schüler: Direkt hinter dem Lehrer geht es noch ganz gut – einfach hinterherwedeln, das klappt schon, aber wehe, man verliert den Anschluss. Und der geht, als die Reihenfolge in der mit kurzem Abstand durch Kurven und Schikane sich schlängelnden GTI-Kette getauscht wird und der up! nun Schlusslicht ist, schnell flöten. Vorne fegt das Führungsfahrzeug auf der Ideallinie durch die Kurven, hier hinten aber…


Mit Vollgas durch die Kurve? Lieber nicht

Doch es kommt noch ärger, als wir nun auch die Autos tauschen, statt des up! der Golf mit seinen 245 PS über den Rundkurs gehetzt werden soll. Mehr als das Dreifache des im Alltag gewohnten Golf II mit bescheidenen 75 PS! Schon wieder das weit abgeschlagene Schlusslicht, so weit, das selbst das Walkie-Talkie den Kontakt verliert? Das kann nicht mehr am Auto liegen. Es ist wohl der im Oldtimer trainierte Überlebensinstinkt, der dagegen aufbegehrt, jetzt in der Kurve gegen alles Gefühl Vollgas zu geben, was mit dem Sportfahrwerk des Golf GTI und all den eingebauten Assistenzsystemen sicher kein Problem wäre. Ist es dann auch nicht, als eine Schikane viel zu rasant genommen wird und es plötzlich auf dem Instrumentenbrett warnend aufleuchtet: ein Dreieck, darin ein Auto mit sich schlängelnden Fahrspuren. ESP, das Elektronische Stabilitätsprogramm, hat eingegriffen. Elchtest bestanden.

Veteranentreffen. Rennfahrerlegende Hans-Joachim Stuck mit dem Ur-GTI
Veteranentreffen. Rennfahrerlegende Hans-Joachim Stuck mit dem Ur-GTIFoto: Volkswagen

Dennoch, eine trotz aller Gewöhnungsprobleme und Schrecksekunden vergnügliche Fahrt, ein spannendes, im normalen Straßenverkehr tunlichst zu vermeidendes Erlebnis, wie später auch der Slalomtest im Polo, förderlich dem Vertrauen ins Auto, wenngleich nicht dem in die eigenen Fahrkünste.
Aber egal, nicht jeder ist zum Rennfahrer geboren. Das meint dann tröstend auch Hans-Joachim Stuck, als Formel-1-Veteran selbst eine Legende, nun „Repräsentant Motorsport“ für Volkswagen und ebenfalls auf dem Circuito Ascari präsent – ein Mann voller Rennfahrer-Anekdoten, sogar zum GTI. Der spielte in seinem Leben immer eine große Rolle, seit dem Ur-Golf, so hat er es jedenfalls am Vorabend in geselliger Runde erzählt: Den alten GTI besitze er immer noch. Damit sei man stets cool und gut angezogen unterwegs gewesen. Clay Regazzoni und Jochen Mass, seine Formel-1-Kollegen, hätten den neuen Wagen zu gerne mal ausprobiert. Er habe sie aber nicht ans Steuer gelassen.

"Der alte GTI ging ab wie Schmidts Katze"

Jetzt sei er geradezu verliebt in den Polo GTI, „toll zu fahren, so einen brauche ich noch“. Beim Golf erwarte man ja das Tempo. Der Polo dagegen, das sei wie damals mit dem ersten Golf: „Optisches Understatement, wie ein aufgemotzter Käfer“, lobt Stuck. Und das mag ja hier auch seine Aufgabe sein: Irgendwie glaubt man es ihm – Striezel Stuck, Typ ehrliche Haut, als Sympathieträger unbezahlbar, schon weil er nicht von dynamischem Fahren fabuliert, lieber davon schwärmt, dass schon der erste GTI abgegangen sei „wie Schmidts Katze“.

Nichts für den normalen Straßenverkehr: der Golf GTI TCR
Nichts für den normalen Straßenverkehr: der Golf GTI TCRFoto: Andreas Conrad

Der Zufall will es, dass zur gleichen Zeit, als Volkswagen seine GTI-Familie auf dem Circuito Ascari im Kreis rasen lässt, Konkurrent Suzuki in Málaga seinen neuen Swift Sport vorstellt – mit 140 PS in der Motorleistung zwischen up! und Polo angesiedelt, dem GTI-Konzept verwandt, aber ohne das berühmte Markenzeichen im Namen, Abkürzung für „Gran Turismo Injektion". Einen Swift GTi gab es auch mal, der Rechtsstreit um das kostbare Kürzel ging bis vor den Europäischen Gerichtshof, der 2012 entschied, GTI und GTi seien nicht zu verwechseln, aber da war der umstrittene Swift ohnehin schon Vergangenheit, die Baureihe eingestellt.
So kann Volkswagen seine GTI-Geschichte nun unbehelligt weiterschreiben, die 1976 mit dem Golf I und dem Scirocco I begann, zu der zeitweise als Studie der Passat I und später der Winzling Lupo gehörten und die in den aktuellen Dreiklang up!, Polo und Golf mündete. Fahrzeuge, die sich von den jeweiligen Basismodellen neben allerlei optischen Insignien bis hin zum Karo-Sitzmuster „Clark“ nicht nur durch stärkere Motorleistung unterscheiden, sondern ebenso durch ein Sportfahrwerk, das, wie es heißt, „ein ausgewogenes Fahrverhalten bis in den Grenzbereich“ bieten soll und dessen Fahrdynamik mit jeder GTI-Generation verbessert worden sei. Na Gott sei Dank, den Fahrfehler vorhin in der Schikane hätte der allererste Golf nicht verziehen. Der neue hat nur mal kurz protestiert.

"Renntaxi" Golf GTI TCR auf dem Circuito Ascari
"Renntaxi" Golf GTI TCR auf dem Circuito AscariFoto: Volkswagen

Der King der GTI-Reihe dagegen hätte wohl nicht mal gemuckt: der Golf GTI TCR, die Rennversion, für den normalen Straßenverkehr nicht zugelassen, von 0 auf 100 in 5,2 Sekunden, ab 95 000 Euro ist er zu haben. Den lassen sie hier auf dem Circuito Ascari nur einen Profi fahren, Renntaxi heißt dieser Fahrspaß. Also hinein in den feuerfesten Overall, den Helm aufgesetzt, was die Sicht doch arg einschränkt, aber sicher ist sicher. Nun bloß nicht zu unbeholfen auf den Beifahrersitz klettern, vorbei an all dem der Sicherheit dienenden Gestänge. Ziemlich eng hier. Hilfreiche Hände schnallen dich am Sitz fest, und das heißt: richtig fest. Nicht dass es nachher, beim wilden Zickzack in den Schikanen, blaue Flecken gibt.
Grünes Ampellicht, rauf auf die Piste, und Speed, aber jetzt richtig. 350 PS heulen über den Hügel, jagen auf die Kuppe zu, als wollten wir abheben, der ersten scharfen Linkskurve entgegen. Bremsen???!! Jetzt doch noch nicht…

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GTI-Vorführung in Spanien
GTI-Vorführung in Spanien

TECHNISCHE DATEN

up! GTI
Antrieb: 115-PS-Turbodreizylinder, max. Drehmoment 200 Nm, Schadstoffklasse Euro 6 AG
Höchstgeschwindigkeit: 196 km/h; 0-100 km/H: 8,8 Sekunden
Getriebe: 6-Gang-Schaltgetriebe
Verbrauch: (kombiniert gemessen) 5,7 – 5,6 Liter Super auf 100 km
Preis: ab 16 975 Euro

Polo GTI
Antrieb: 200-PS-Turbovierzylinder, max. Drehmoment 320 Nm, Schadstoffklasse Euro 6 W
Höchstgeschwindigkeit: 237 km/h; 0-100 km/h: 6,7 Sekunden
Getriebe: 6-Gang-Doppelkupplungs-Automatikgetriebe, ab 2. Halbjahr 2018 auch mit 6-Gang-Schaltgetriebe
Verbrauch: (kombiniert gemessen) 5, 9 Liter Super auf 100 km
Preis: ab 23 950 Euro

Golf GTI
Antrieb: 245-PS-Turbovierzylinder, max. Drehmoment 370 Nm, Schadstoffklasse Euro 6 ZD
Höchstgeschwindigkeit: 250 km/h; 0-100 km/h 6,2 Sekunden
Getriebe: 6-Gang-Schaltgetriebe; 7-Gang-Doppelkupplungs-Automatikgetriebe
Verbrauch: (kombiniert gemessen) 6,6-6,5 Liter/100 km
Preis: ab 30 425 EUR

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Golf GTI TCR
Antrieb: 350-PS-Turbovierzylinder, max. Drehmoment 420 Nm
Höchstgeschwindigkeit: 250 km/h; 0-100 km/h 5,2 Sekunden
Getriebe: Sechs-Gang-Renngetriebe; Doppelkupplungs-Automatikgetriebe mit Schaltwippen am Lenkrad
Preis: ab 95 000 Euro (plus MwSt.)

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