Volkszählungen : Warum Berlins Einwohnerzahl so schwer zu schätzen ist

Die Hauptstadt wächst, doch die Daten stimmen nicht exakt. Warum ist es so schwierig, die Zahl der Einwohner von Berlin zu berechnen?

Silhouette der Hauptstadt. Wie viele Menschen wirklich hier leben, weiß niemand so genau.
Silhouette der Hauptstadt. Wie viele Menschen wirklich hier leben, weiß niemand so genau.Foto: Getty Images/iStockphoto

Es gibt Städte, deren Bevölkerung kaum noch zählbar ist. Guangzhou zum Beispiel, im Süden Chinas, mit mehr als 46 Millionen Menschen die größte Stadt der Welt. Gefolgt von Kairo, Jakarta und Tokio – urbane Monster, bei denen Volkszählungen versagen und die Statistiker versuchen, die Zahl der Einwohner mit Satellitenaufnahmen und geografischen Daten zu schätzen. Da kommt es auf die eine oder andere Million nicht an. Im Vergleich dazu ist Berlin ein Dorf.

Grundlage für wissenschaftliche Forschungen und politische Planungen

Aber es gibt auch in der deutschen Hauptstadt verschiedene Antworten auf die Frage: Wie viele Menschen wohnen in Berlin und wie dynamisch wächst die Bevölkerung? Das amtliche Melderegister zählte Ende Juni 3 723 914 Berliner mit Hauptwohnsitz. Das Statistische Amt Berlin-Brandenburg veröffentlichte dazu einen Bericht mit großer Tiefenschärfe, der beispielsweise offenbart, dass am genannten Stichtag in Lichtenberg 47 418 Menschen mit Migrationshintergrund in mittlerer Wohnlage lebten. Oder in der gesamten Stadt 539 Kubaner im Alter von 15 bis 45 Jahre.

Diese Daten sind Grundlage für wissenschaftliche Forschungen, für die amtliche Bevölkerungsprognose und politische Planungen (Wohnungsbau, zusätzliche Kitas und Schulen, neue Verkehrswege), aber auch für die Aufstellung von Wählerlisten. Doch darf man nicht glauben, dass sie exakt stimmen. Denn nicht jeder, der wegzieht, meldet sich pünktlich ab und manche Sterbefälle werden erst mit Verzug registriert. Das Melderegister erlaubt es zwar, die Hauptstädter bis in den Kiez hinein statistisch unters Mikroskop zu legen, trotzdem ist es nur scheingenau. Außerdem gibt es noch eine zweite Einwohnerzahl, die auf der Fortschreibung der Bevölkerung nach der letzten Volkszählung (Zensus 2011) beruht. Eine statistische Rechengröße. Demnach gab es Ende 2017 nur 3 613 495 Berliner.

Die Lage ist verwirrend

Diese Einwohnerzahl wird gebraucht, um den Finanzausgleich zwischen Bund und Ländern zu berechnen, die Länderstimmen im Bundesrat zu verteilen oder Wahlkreise neu zuzuschneiden. Ist diese Zahl richtiger als die Daten des Melderegisters? Regina Eck, Fachfrau im Amt für Statistik, lacht: „Es ist eine andere Zahl, beide haben ihre Funktion und kommen auf unterschiedliche Weise zustande.“ Noch verwirrender wird die Lage, wenn auf Grundlage der aktuellen Statistik eine Bevölkerungsprognose für die nächsten zwei Jahrzehnte erarbeitet werden soll.

Gerade erst hat das Wirtschaftsforschungsinstitut Prognos vorhergesagt, dass Berlin im Jahr 2030 rund 3,9 Millionen Einwohner haben wird. Das entspräche einem Wachstum von jährlich rund 15 000 Menschen. Zum Vergleich: In den vergangenen zehn Jahren kamen jedes Jahr fast 35 000 reale Berliner hinzu. Auch die Stadtentwicklungsverwaltung des Senats geht davon aus, dass sich das Bevölkerungswachstum in der deutschen Hauptstadt verlangsamt und 2030 etwa 3,85 Millionen Menschen in Berlin leben. Die Bertelsmann-Stiftung sagte bis 2030 sogar nur ein Wachstum auf 3,7 Millionen Berliner voraus und der Allianz- Konzern ging davon aus, dass die 3,9-Millionenschwelle erst 2045 erreicht wird. Beide Prognosen wurden allerdings 2015/16 veröffentlicht und standen noch nicht unter dem Eindruck des starken Zuzugs geflüchteter Menschen.

Das Grundproblem von Bevölkerungsprognosen

Das ist das Grundproblem von Bevölkerungsprognosen, die für die Politik eine wichtige Orientierungshilfe sind, um auf Wachstum, Stagnation oder Schrumpfung rechtzeitig zu reagieren: Für Fruchtbarkeit und Sterblichkeit der Bevölkerung, Zuzug und Fortzug aus dem Ausland und innerhalb Deutschlands müssen realistische Annahmen gemacht werden, ansonsten sind die Berechnungen wertlos. Um einen „Korridor möglicher Entwicklungen aufzuzeigen“, so die Stadtentwicklungsbehörde, müsse in mehreren Varianten gerechnet werden.

Wie schwierig das ist, zeigt die vorletzte amtliche Prognose von 2002. Damals wurde in drei Szenarien für 2020 eine Bevölkerung von 3,3 bis 3,5 Millionen vorausgesagt. Anschließend werde Berlin wahrscheinlich schrumpfen.

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