Volvo S60 - der erste Schwede aus den USA : Diesel ade

Mit seinem neuen und überaus ansehnlichen Mittelklasse-Wagen macht Volvo dem 3er von BMW Konkurrenz.

Der Volvo S60 ist eine Herausforderung für den 3er BMW.
Der Volvo S60 ist eine Herausforderung für den 3er BMW.Foto: Weigl.biz/promo

Der 3er von BMW wird angepriesen als das Auto für die „Freude am Fahren“. Elegant, dynamisch, sportlich. So suggerieren es die Münchner Marketing-Strategen – und so ist es tatsächlich im Alltag. Doch nun kommt mit dem Volvo S60 eine schwedische Mittelklasse-Limousine auf den Markt, die das BMW streitig machen will. Ein zu großer Anspruch für den Schweden-Happen? Der übrigens nicht aus Göteborg kommt, sondern aus Charleston im US-Bundesstaat South Carolina – der erste Schwede aus den USA.
Der amerikanische Produktionsstandort ist nicht die einzige Besonderheit des S60. Er ist auch die erste Volvo-Limousine, die ohne einen Dieselmotor angeboten wird. Bereits vor zwei Jahren hatten die Schweden angekündigt, keine neue Dieselgeneration mehr zu entwickeln und ab 2019 auch keine mehr in neuen Modellen anzubieten. Das hängt nicht nur mit der elektrischen Zukunft zusammen, sondern auch mit dem neuen Eigentümer: Für den chinesischen Geely-Konzern spielt der Diesel auf dem Heimatmarkt, wo Volvo stark vertreten ist, keine Rolle. In den USA ist es ähnlich.
Und der S60 muss zudem, anders als die mittlerweile sehr erfolgreichen SUV-Modelle der Marke, gegen das noch immer nicht ganz ausgeräumte Vorurteil der Vergangenheit „anfahren“, einen Volvo kaufe man nur, um sicher ans Ziel zu kommen – nicht, um Spaß zu haben. Bestes Beispiel ist die vor 53 Jahren gestartete Mittelklasse-Limousine Volvo 140 mit einer neuen Designsprache, von der die Schweden in acht Jahren über 1,25 Millionen Autos verkauften. Er avancierte zu Volvos erstem Millionen-Typ, mit dem eingängigen Slogan „Sicherheit aus Schwedenstahl“.

"Freude am Fahren" oder "Liebe am Fahren"?

Doch nun, 53 Jahre später? Da soll der neue S60 für die neue Zeit bei Volvo stehen, denn die Schweden reklamieren jetzt für ihre neue Limousine „dynamische Formen für ein inspirierendes Fahrerlebnis“. Ein interessantes Duell: bayrische „Freude am Fahren“ gegen schwedische „Liebe am Fahren“.
Als letztes Modell wechselte die Limousine S60 auf die neue skalierbare Produkt-Architektur-Plattform der Schweden. Mit der streckt sie sich 12,6 Zentimeter mehr in die Länge, 9,6 Zentimeter beim Radstand, und duckt sich 5,3 Zentimeter tiefer, was den S60 eleganter macht.
In der Größe sind die beiden Mittelklässler nahe beieinander: Der Schwede erscheint fast als Kopie des Bayern. Mit 4,76 Meter Länge, 1,85 Meter Breite und 1,43 Meter Höhe ist der S60 fünf Zentimeter länger, zwei Zentimeter breiter und einen Zentimeter flacher. Fast-Gleichstand auch beim Kofferraum: Volvo 442 Liter, BMW 480 Liter.
Auch rein optisch trennt sie nicht so viel. Den ehemaligen Chef-Designer Thomas Ingenlath, jetzt Chef von Polestar, der Elektromarke von Volvo, darf man beglückwünschen: Der noch unter seiner Ägide entstandene S60 ist ein bildschönes Auto geworden. Die Dachlinie ist nun wesentlich flacher gehalten, fast schon wie bei einem viertürigen Coupé. Die auffälligen Scheinwerfer mit dem Thors-Hammer-Tagfahrlicht verleihen dem S60 viel Charakter – mehr als die Scheinwerfer beim 3er BMW. Die steile Front mit dem prägnanten Grill und den großen Lufteinlässen verschafft dem Volvo einen Schuss Aggressivität. Der scharf geschnittene Neue wirkt jetzt stimmiger. Dagegen erscheint der 3er fast schon etwas pummelig.

Die luxuriöse Inscription-Ausstattung gibt es vorerst nur für den teuren S60 Plug-in-Hybrid.
Die luxuriöse Inscription-Ausstattung gibt es vorerst nur für den teuren S60 Plug-in-Hybrid.Foto: Picasa/promo

Und innen? Volvo pur, ästhetisch, reduziert, hochwertig. Dass der S60 in den USA produziert wird, tut der gewohnt erstklassigen Fertigungsqualität keinen Abbruch.
Die speziell nordisch-edle Designlinie hält der S60 auch bei der reduzierten Einrichtung durch. Die Bedienung ist in einem neun Zoll großen Touchscreen konzentriert. Auf dem hochkant angeordneten Bildschirm gibt es Felder für drei Bereiche: oben Navigation, in der Mitte Medien, unten Klima. Wählt man ein solches Feld, vergrößert es sich, während sich die anderen verkleinern, aber sicht- und aktivierbar bleiben. Man muss sich also nicht wie bei Systemen anderer Hersteller erst durch verschiedene Untermenüs oder wieder zurück klicken, um zu einer neuen Funktion oder zum Ausgangspunkt zu gelangen. Nach kurzer Übung gelingt das Wechseln zwischen den verschiedenen Funktionen recht einfach und auch schnell. Allerdings: Bedienen Sie den Bildschirm mal während der Fahrt!

Statt Starterknopf ein Rändelrad

Gestartet wird mit einem Dreh an einem Rändelrad. Die straffen Leder-Sportsitze fassen sich butterweich an. Auch die Fond-Passagiere reisen auf ebenso schön ausgeformten Sitzen mit bequemer Kopf- und Beinfreiheit.
Unter der S60-Haube stecken – die neue Firmenphilosophie – nur noch Turbobenziner mit vier Zylindern, von 190 bis 303 PS, mit jeweils zwei Litern Hubraum und teilweises mit elektrischer Unterstützung. Bei BMW hingegen dürfen die beiden leistungsstärksten Varianten (265 und 374 PS) ihre Kraft aus sechs Zylindern holen, ansonsten sind auch hier Vierzylinder-Turbobenziner das Maß der Dinge. Alle Volvo-Modelle sind serienmäßig mit einer Acht-Stufen-Automatik ausgestattet.
Wir haben uns für das Einsteigermodell S60 T4 mit 190 PS entschieden. Der langhubig ausgelegte Vierzylinder legt im Sport-Modus anfangs einen richtig beflissenen Tatendrang an den Tag, allerdings lässt sein Elan bei höheren Drehzahlen etwas nach. Überdies klingt er dann angestrengt laut – so richtig sportlich wirkt das nicht. Die Automatik wandelt eilfertig und weich durch ihre acht Stufen. Man spürt sie nicht, so muss es sein.
Die Fahrleistungen sind in Ordnung, und auch hier ist der Vergleich interessant. Der Volvo S60 mit 190 PS bei 6000 Touren und einem Drehmoment von 300 Newtonmeter bei 1700 bis 4000 Umdrehungen pro Minute kommt in 7,1 Sekunden von Null auf 100, bei einer Höchstgeschwindigkeit von 220 km/h. Das liegt weit über dem Volvo-Tempolimit von 180 km/h, das für alle neuen Modelle ab 2020 gelten soll. Der BMW 320i mit 184 PS bei 5000 bis 6500 Touren und einem Drehmoment von ebenfalls 300 Newtonmeter bei nahezu identischen 1350 bis 4000 Umdrehungen pro Minute schafft die 100 ebenfalls in 7,1 Sekunden. Die Höchstgeschwindigkeit liegt noch 15 km/h höher.

Den neuen S60 als Diesel bestellen? Geht nicht, es gibt ihn nur als Benziner.
Den neuen S60 als Diesel bestellen? Geht nicht, es gibt ihn nur als Benziner.Foto: Weigl.biz/promo

Apropos sportlich: Hinterradantrieb bei BMW gegen Frontantrieb bei Volvo. Bekanntermaßen ist das Auto mit den angetriebenen Rädern an der Hinterachse klar im Vorteil. Dennoch versuchen die Schweden, diesen Nachteil zu kompensieren, so gut es geht. Und so bietet Volvo den S60 derzeit nur in der sportlichen Top-Ausstattung R-Design an. Die luxuriösere, auf Komfort ausgerichtete Inscription-Ausstattung gibt es vorerst nur für den teuren S60 Plug-in-Hybrid mit 390 PS. Unser Testwagen hatte die aktive Four-C-Fahrwerksregelung an Bord, welche mittels zahlreicher Sensoren permanent den Fahrzustand überwacht und die Abstimmung der Stoßdämpfer in Sekundenbruchteilen der aktuellen Fahrsituation und der Geschwindigkeit anpasst. Zugleich reduziert das 900 Euro teure System die Nick-, Tauch- und Rollneigungen des Frontrieblers bei starker Beschleunigung, scharfem Abbremsen oder plötzlichen Lenkbewegungen. So nimmt der S60 Kurven aller Art mit einer Handlichkeit, die man diesem Fronttriebler nicht zugetraut hätte. Dazu trägt auch das serienmäßige Sportfahrwerk bei, welches den S60 um 15 Millimeter tiefer legt. So fährt er sich zwar betont stramm und federt ziemlich harsch über schlechte Straßen, aber zum Glück bleibt ein Großteil der Schläge in den ausgezeichneten Sitzen stecken. Dafür steckt er lange Wellen gut weg. Langstrecken kann er sowieso, nicht zuletzt wegen des ausgeprägt niedrigen Geräuschpegels.

Bei der Sicherheitsausstattung ist der S60 dagegen ganz vorn dabei. Viele Assistenzsysteme sind Serie, wie der aktive Spurhalteassistent und das Notbremssystem, welches Fußgänger, Radfahrer und Wildtiere erkennt. Es greift ab sofort auch dann ein, wenn eine Kollision mit einem entgegenkommenden Fahrzeug droht. Da legt der S60 eine Vollbremsung hin oder weicht aus. Insgesamt ist der neue (US-)Schwede auch bei der Aufpreis-Politik in der Premium-Klasse angekommen.
Die Preise zeugen ohnehin von gesundem Selbstbewusstsein. Derzeit sind drei Modelle verfügbar, weitere und auch günstigere sollen folgen. Den S60 T4 mit 190 PS gibt es ab 43.200 Euro, den T5 mit 250 PS ab 46.200 Euro und den T8 Plug-in-Hybrid mit 390 PS ab 59.000 Euro. Mit vielen Kreuzen in der ellenlangen Aufpreisliste lassen sich die Grundpreise locker im zweistelligen Bereich nach oben schrauben. Zum Vergleich: Der BMW 320i mit 184 PS ist in der höchsten Ausstattungsstufe M Sport 3050 Euro teurer als der Volvo. Unterm Strich liegen also der 3er von BMW und der „3er“ von Volvo auch bei den Preisen nicht weit auseinander. So entscheidet nicht selten der persönliche Geschmack. Denn der neue S60 ist zwar bewusst anders als der neue Dreier, aber keinesfalls schlechter, wenn auch nicht ganz so agil. Auf jeden Fall ist er zum allseits sichtbaren BMW-Mittelklässler die Design-Alternative, die nicht an jeder Ecke steht und so die Blicke auf sich zieht.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!