• Von der Kegelbahn zum Kulturspäti: Wie sich die Kultkneipe „Kugelbahn“ durch die Coronakrise rettet

Von der Kegelbahn zum Kulturspäti : Wie sich die Kultkneipe „Kugelbahn“ durch die Coronakrise rettet

Im Lockdown stand die Bar „Kugelbahn“ vor dem Aus, doch die Betreiberinnen sattelten schnell um. Nun verkaufen sie Honig und Seife, ab und zu legt ein DJ auf.

Regale statt Barhocker. Die Unternehmerinnen Jess Schmidt (links) und Ann Franke in den Räumen ihrer Kneipe.
Regale statt Barhocker. Die Unternehmerinnen Jess Schmidt (links) und Ann Franke in den Räumen ihrer Kneipe.Foto: Christoph Assmann

Wenn das so weitergeht, machen wir Pleite. Der Gedanke kam Jess Schmidt zu Beginn der Corona-Pandemie oft. Sie und ihre Geschäftspartnerin Ann Franke saßen vor dem Laptop und verfolgten die Nachrichten im Zehn-Minuten-Takt. Am 14. März war klar: Sie müssen ihr Lokal zusperren.

Seit 2011 betreiben die beiden die „Kugelbahn“ in Gesundbrunnen – ein kultiges Nachtlokal mit eigener alter Kegelbahn im Keller. Der kleine Club steht in einer Baulücke vor einem Plattenbau. Vor Corona drängten sich hier nachts die Menschen an der Bar. Oben wurde getrunken, unten im Keller gekegelt. Es fanden Live-Konzerte statt. Das Licht war schummrig, die Luft verraucht. Das Wort „Kugelbahn“ spiegelte sich in Neon-Buchstaben in den großen Fenstern.

Der Schriftzug hängt immer noch da. Ansonsten ist nicht viel übrig von der alten Einrichtung. Wo früher geraucht, getanzt und getrunken wurde, gibt es nun Eis und Honig von Berliner Imkern zu kaufen. Daneben stehen Schnäpse in bunten Flaschen und allerlei andere hübsch verpackte Lebensmittel in Regalen. Die Kugelbahn hat sich in einen Shop für lokale Produkte verwandelt. Draußen auf der Straße stehen Bierbänke, es gibt Kaffee, Wein und Limo zu kaufen.

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Wir haben uns neu erfunden“, sagt Jess Schmidt, eine der beiden Betreiberinnen. Sie sitzt auf einer Couch in ihrem neuen Laden. Ihre Partnerin Ann Franke ist gerade im Urlaub. Die Idee kam von beiden. Sie wollten in der Coronakrise etwas Neues ausprobieren. Nicht einfach zusperren und aufgeben. „Die laufenden Kosten wären sonst zu viel geworden, ohne neue Idee hätten wir den Laden aufgeben müssen.“

Im März hatte sich Jess Schmidt mit dem Coronavirus infiziert. Zwei Wochen lang lag sie im Bett und „konnte gar nichts. Danach hab ich mich in die Arbeit gestürzt“, erinnert sie sich. Ein Darlehen von Freunden half den beiden, das Lokal umzugestalten. In nur sechs Wochen wurde aus der Kugelbahn der Kulturspäti.

Eiskugeln für die Kinder und günstiges Bier to go

Späti, weil es drinnen Lebensmittel und Getränke zu kaufen gibt. Kultur, weil ab und zu DJs auflegen. Auch die Kegelbahn ist wieder in Betrieb, allerdings nur unter Auflagen für kleine Gruppen. „Esskultur meets Barkultur meets Musikkultur“, so fasst es Jess Schmidt zusammen. „Hier im Kiez fehlte ein Geschäft, in dem es hochwertige Lebensmittel gibt.“ Die Produkte sind nicht billig, aber dafür regional oder handgemacht, viele kommen direkt aus dem Kiez.

Die Kegelbahn im Keller soll aus den 50er Jahren stammen, erzählen die Betreiberinnen.
Die Kegelbahn im Keller soll aus den 50er Jahren stammen, erzählen die Betreiberinnen.Foto: Christoph Assmann

Ein junger Mann fragt an der Bar nach Flaschenbier. Auch das gibt es hier günstig to go. Ebenso wie Eiskugeln aus einer Kühltruhe für Kinder. „Das soll hier ein Ort für die Nachbarschaft sein“, sagt Schmidt. Mütter ganz unterschiedlicher Herkunft und Teenager aus der Nachbarschaft seien ebenso willkommen wie Menschen, die ihr Geld für regionalen Honig und vegane Seife ausgeben.

Das neue Konzept bringt den Betreiberinnen immerhin 80 Prozent ihres bisherigen Umsatzes ein. „So können wir den Laden halten“, sagt Ann Franke, die sich um die Finanzen der Kugelbahn kümmert. „Das war unser Ziel.“

Für viele andere Bars und Restaurants läuft es schlechter, wie eine Umfrage des Gastro-Verbandes (Dehoga) in Berlin zeigt. 97 Prozent der Betriebe haben demnach wieder geöffnet. Davon beklagen 28 Prozent im zweiten Quartal Umsatzeinbußen von mehr als 75 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, 35 Prozent der Betriebe machten zwischen 50 und 75 Prozent weniger Umsatz. Bei lediglich elf Prozent liege der Umsatzverlust unter 25 Prozent.

5000 Euro Preisgeld für „Unternehmergeist in Krisenzeiten“

Für ihren „Unternehmergeist in Krisenzeiten“ haben die Betreiberinnen der Kugelbahn den mit 5000 Euro dotierten „Leuchtturm“-Preis erhalten. Der wurde vom Online-Dienstleister für Marketingprodukte Vistaprint und dem Verband der Gründer und Selbstständigen in Deutschland (VGSD) vergeben. 720 Kleinunternehmen aus ganz Deutschland hatten sich dafür beworben. Die Wahl sei auf die Kugelbahn gefallen, weil „die Betreiberinnen in kürzester Zeit ein neues, nachhaltiges Geschäftskonzept entwickelt, die vorhandenen Räumlichkeiten umgebaut und sich Lieferanten aus der Region gesucht haben, die ihrerseits vom neuen Modell profitieren“, heißt es in der Begründung der Jury.

Finanziell ist die Coronakrise für die Kugelbahn trotzdem noch belastend. „Das Preisgeld reicht, um eines von vielen Löchern zu stopfen“, sagt Schmidt. Vor allem laufende Kosten für Miete und Strom empfinden die beiden als sehr belastend. Für sie selbst bleibe momentan nicht viel übrig. „Ich verstehe nicht, wieso nicht mehr Kleinunternehmern ein Teil der Miete oder der Stromkosten erlassen wird, dafür sollte sich die Politik einsetzen“, sagt Franke und ergänzt: „Das würde viele retten.“

Die Kugelbahn wird bald abgerissen

Wenn sie an den Herbst denken, wird den beiden schon etwas mulmig zumute. Mit den Tischen im Freien und der Eistheke ist das neue Konzept vom Sommer abhängig. „Wir wälzen schon ein paar neue Ideen in unseren Köpfen“, sagt Jess Schmidt. „Aber das wird noch nicht verraten.“ Generell wollen die beiden Frauen Geschäftskonzepte entwickeln, die sie nach der Corona-Pandemie weiterführen können.

Denn die Kugelbahn soll Ende nächsten Jahres abgerissen werden und mit ihr die alte Kegelbahn im Keller, die vermutlich aus den 50er Jahren stammt. Der Eigentümer will dort neu bauen. „Ich finde es prinzipiell o. k., wenn alte Dinge verschwinden und Neues entsteht“, sagt Jess Schmidt. „Aber solange es diesen tollen Ort gibt, sollte er genutzt werden.“ Das haben die beiden mit ihrem neuen Konzept geschafft.

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