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Von Siemensstadt zum BER : Fahrgastverband schlägt neuen S-Bahntunnel in Berlin vor

Der Fahrgastverband Igeb wünscht sich einen dritten S-Bahn-Tunnel durch die Berliner Innenstadt. Die Senatsverwaltung für Verkehr sieht keinen Bedarf.

Ein Tunnel der künftigen S 21, aufgenommen bereits 2011. Hier im Bild der Tunnel vom Potsdamer Platz zum Brandenburger Tor.
Ein Tunnel der künftigen S 21, aufgenommen bereits 2011. Hier im Bild der Tunnel vom Potsdamer Platz zum Brandenburger Tor.Kitty Kleist-Heinrich

Es ist eine der größten Lücken im Bahnnetz der Hauptstadt. Knapp 14 Jahre nach Eröffnung ist der Hauptbahnhof in Nord-Süd-Richtung noch nicht per S-Bahn erreichbar. Der Ausbau des S21 genannten Projektes geht quälend langsam voran. Ab 2021 sollen die Berliner immerhin mit der S-Bahn von Gesundbrunnen zu Berlins wichtigstem Bahnhof fahren können. Aber bis die Züge zum Potsdamer Platz weiterrollen, wird es nach Angaben der Senatsverkehrsverwaltung noch bis 2035 dauern.

Doch nun schlägt der Fahrgastverband Igeb bereits den nächsten Nord-Süd-Tunnel vor. Am Potsdamer Platz will die Igeb von der S21-Strecke einen fünf Kilometer langen Tunnel abzweigen, der quer durch Kreuzberg in Richtung Plänterwald führen soll. Durch den „Kreuzberger Tunnel“ soll eine durchgehende Verbindung zwischen der Siemensstadt und dem neuen Flughafen BER entstehen. Dieses S6 genannte Projekt stellte der Fahrgastverband am Donnerstag vor.

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„Mit der S6 könnten Fahrgäste aus dem Südosten Berlins ohne Umwege direkt in die Innenstadt fahren“, sagte Jens Wieseke, der stellvertretende Igeb-Vorsitzende, dem Tagesspiegel. Die S-Bahn-Züge müsse man von der sogenannten Görlitzer Bahn, der Strecke nach Südosten, nicht mehr auf die Ringbahn leiten. Dadurch schaffe man eine dringend nötige Entlastung für die südöstliche Ringbahn und die Stadtbahn. „Denn am Ostkreuz werden dann weniger Passagiere auf die Stadtbahn umsteigen.“

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Von Spandau bis zum BER - die Visionen einer S-Bahnlinie 6Tsp

Ähnliche Pläne gab es bereits in den Dreißiger Jahren

Auf der neuen S-Bahn-Linie 6 sollen drei Umsteigemöglichkeiten zur U-Bahn geschaffen werden – in der Kochstraße (U6), am Moritzplatz (U8) und am Görlitzer Bahnhof (U1/U3). Zur Ringbahn sollen die Fahrgäste an einem neu zu schaffenden Bahnhof in der Kiefholzstraße umsteigen. In Kreuzberg will die Igeb im Kiez zwischen dem Görlitzer Park und dem Landwehrkanal einen weiteren Halt schaffen. Damit könne man dieses dicht besiedelte Quartier endlich ans Schnellbahnnetz anbinden, erklärte Wieseke.

Der Fahrgastverband konnte für seine Idee auf Pläne aus den Dreißiger Jahren zurückgreifen. Aus dieser Zeit gibt es angeblich auch bereits einige Vorarbeiten für einen Kreuzberger S-Bahn-Tunnel. So soll unter dem U-Bahnhof Moritzplatz ein 50 Meter langes Tunnelstück liegen.

Beim Bau der S21-Strecke solle nun ein zukünftiger Kreuzberger S-Bahntunnel von vornherein berücksichtigt werden, fordert Wieseke. So müsse beim Umbau des Bahnhofs Potsdamer Platz eine mögliche Ausfädelung der neuen Strecke vorbereitet werden. „Aus diesem Grund haben wir die S6-Idee nun lanciert“, sagte Wieseke.

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Wieseke ist überzeugt, dass die neue S-Bahn-Linie für die Verkehrswende in Berlin benötigt wird. „Wenn wir wirklich davon ausgehen, dass in 15 Jahren Autos im Berliner Verkehr nur noch rudimentär genutzt werden, brauchen wir dringend neue Kapazitäten auf der Schiene.“ Das gelte insbesondere, da auch immer mehr Berliner ins Umland zögen und damit weite Arbeitswege hätten. Wiesecke hofft, dass die neue Strecke ab 2030 geplant und bis Ende der Dreißiger Jahre fertiggestellt werden wird.

Ein sehr ambitionierter Zeitplan. Denn in Deutschland vergingen zuletzt bei derartig aufwendigen Schienenprojekten von der politischen Bewilligung bis zur Eröffnung der Strecke fast immer mindestens 30 Jahre. Und im aktuellen Bundesverkehrswegeplan, der noch bis 2030 läuft, ist die Strecke logischerweise noch nicht mal enthalten.

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Ein fünf Kilometer langer Tunnel mitten durch dicht besiedeltes innerstädtisches Gebiet wird zudem fast zwangsläufig sehr teuer. Jens Wieseke von Fahrgastverband Igeb rechnet damit, dass die Bau- und Planungskosten mindestens eine Milliarde Euro betragen werden.

Doch auch diese Schätzung könnte sich als zu optimistisch erweisen. Zum Vergleich: Die neue S-Bahn-Stammstrecke in München (bei der allerdings auch der Hauptbahnhof aufwendig umgebaut werden muss) soll nach aktuellen Planungen mindestens drei Milliarden Euro kosten. Wieseke geht jedoch davon aus, dass für Schienenprojekte in den kommenden Jahrzehnten deutlich mehr Geld als bisher zur Verfügung stehen wird. In den 20er Jahren werde es definitiv eine ökologische Verkehrswende geben, sagt er.

Der Senat blockt den Igeb-Vorschlag ab

Der Senat will sich den Kreuzberger S-Bahn-Tunnel allerdings nicht zu eigen machen. „Wir halten andere Projekte für dringender“, sagte Jan Thomsen, der Sprecher von Verkehrssenatorin Regine Günther, dem Tagesspiegel. Dazu zähle natürlich die S21, mit der Kreuzberg über den Halt am Gleisdreieck ein weiteres Mal erschlossen werde. Und auch für die Fahrt zum BER gebe es mit dem zukünftigen Flughafenexpress sowie der bereits vorhandenen S-Bahn-Linie 9 gute Alternativen. „Ein großer Teil der Verbindungen, die eine S6 herstellen soll, ist somit schon durch andere Strecken und Streckenplanungen abgedeckt“, resümiert Thomsen.

Abgeordnete der rot-rot-grünen Koalition reagierten dagegen zumindest neugierig auf die Igeb-Idee. „Die Pläne klingen sehr interessant und lohnenswert, darüber nachzudenken“, sagte SPD-Verkehrsexperte Tino Schopf der „Berliner Morgenpost“. Auch die Grünen zeigten sich aufgeschlossen. S-Bahn-Chef Peter Buchner sagte dem „Neuen Deutschland“: „Man wird ja wohl noch träumen dürfen.“ Buchner hält die Idee aber grundsätzlich für plausibel und sinnvoll.

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