Von Tag zu Tag : Gelebtes Leben

Elisabeth Binder erinnert sich an Begegnungen mit Heidi Hetzer.

Heidi Hetzer
Heidi HetzerFoto: dpa

Niemand kann wissen, wann er stirbt. Besonders dann nicht, wenn er im Alter noch ein so aktives und riskantes Leben führt wie Heidi Hetzer, die Rallyefahrerin und frühere Autohausbesitzerin. Bei einem Besuch in ihrem Büro im Oktober 1998 kamen wir auf das Metermaß zu sprechen, das zwischen den Pokalen und Trophäen klebte, die sie bei ihren Rallyes gewonnen hat. Jeweils ein Zentimeter stand für jedes Lebensjahr. Die Strecke bis 61, so alt war sie damals, war bereits schwarz durchgestrichen. Aufgerollt war es bis zur 81. „Das Band erinnert mich daran, dass ich noch so viel machen will und dass ich mich damit ein bisschen beeilen muss, weil nur noch eine kurze Strecke bleibt“, sagte sie damals. Sie träumte davon, das 100-jährige Bestehen des Familienunternehmens zu erleben, das ihr Vater 1919 gegründet und ihr bei seinem Tod 1969 in schlechter wirtschaftlicher Verfassung hinterlassen hatte. Es zu retten und auszubauen, auch aus Verantwortungsgefühl für die Mitarbeiter, ist ihr gelungen. Erst 2012 trennte sie sich davon, konzentrierte sich dann auf die Vorbereitung ihrer Weltumrundung in dem Oldtimer „Hudo“, der sieben Jahre älter war als sie.

Sie lebte nicht weit vom ursprünglichen Standort des Autohauses Hetzer in der Nähe der Deutschen Oper. „Heidi! Heidi!“, riefen Passanten, wie man eine uralte Freundin ruft, wenn sie sie auf der Straße erkannten. „Toll gemacht“, sagten spontan fremde Bewunderer, die jedes auf einem Blog veröffentlichte Detail ihrer Tour kannten. Durch 40 Länder ging es, 84 000 Kilometer lang. Viele Pannen gab es, nichts konnte sie aufhalten. Als ihre Hand in Kanada in den Motor geriet und sie einen Finger verlor, bedeutete das eine Unterbrechung, aber keineswegs das Ende des Abenteuers. Und als sie eine Krebsdiagnose bekam, flog sie für die notwendige Operation nach Deutschland. Knapp vier Wochen später war sie aber schon auf dem Weg zurück zu „Hudo“, der in Lima auf sie wartete.

„Geht nicht, gibt’s nicht“, lautete Heidi Hetzers Motto, das sie wohl aus einer prägenden Zeit als junge Automechanikerin in Kalifornien mitgebracht hatte. Dort erfuhr sie auch viel über Public Relations, Kenntnisse, die ihr bei der Rettung des väterlichen Unternehmens halfen. Der Opel der, gut sichtbar von der Stadtautobahn aus, drei Jahrzehnte lang auf dem Dach ihres Autohauses thronte, war fast ein inoffizielles Wahrzeichen. Berühmt waren die Handtaschen in Autoform, die sie in jeder Farbe besaß.

Ihren 80. Geburtstag feierte sie nach der Rückkehr von der strapaziösen Reise, wie sie es sich gewünscht hatte mit einem großen Fest und 250 Gästen. Da war sie schon eine Legende. Gerührt war sie über 1600 Fans, die im vergangenen September zur Präsentation ihres Buches „Ungebremst“ kamen. Mit dabei war der amerikanische Vater ihrer beiden Kinder, mit dem sie auch nach der Trennung nach 24 Jahren Ehe befreundet blieb.

Erst kürzlich gegen Ende ihrer jüngsten Tour längs durch den afrikanischen Kontinent wurde sie in Kapstadt mal wieder ausgeraubt. Neben anderen Wertsachen ist auf der Weltreise jeder Talisman gestohlen worden, den sie besaß. Das brachte sie zu der Einsicht, dass ein Schutzengel am allerbesten im Kopf aufgehoben ist. Positives Denken, manchmal fast am Rande der Naivität, war ihre große Stärke. Bis zum Schluss hat sie ihre Fähigkeit behalten, zu staunen und dankbar zu sein, offen auf Fremde zuzugehen und sie zu mögen. Oft ist sie gefragt worden, ob sie keine Angst habe. „Nein“, hat sie dann immer gesagt. „Mit Angst kommst du nicht weit.“

Gerade für eine Sommerpause zurückgekehrt, bevor es im Herbst weitergehen sollte, ist sie am Osterwochenende im Alter von 81 Jahren in ihrer Wohnung gestorben. Im Stadtgedächtnis bleibt sie unsterblich als eine mutige, abenteuerlustige, warmherzige und einfallsreiche Frau, die ihre Träume wahr gemacht hat.

Einen Nachruf lesen Sie auf Seite 9.

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