Von TISCH zu TISCH : Night Kitchen

Ein Trend aus Tel Aviv: Man speist ungezwungen familiär, die Kellner verstehen sich als Gastgeber, und die moderne Küche spielt gekonnt mit Zutaten

Nostalgisch-rustikales Ambiente, offene Küche - und am Tresen speist es sich so gut wie an den Tischen: Night Kitchen in der Remise in den Heckmann-Höfen an der Oranienburger Straße.
Nostalgisch-rustikales Ambiente, offene Küche - und am Tresen speist es sich so gut wie an den Tischen: Night Kitchen in der...Foto: Boaz Arad / Night Kitchen / promo

Tel Aviv scheint derzeit eine Quelle nahezu unerschöpflicher kulinarischer Konzepte zu sein. Dieser Tatsache verdankt auch die alte Pferderemise in der Oranienburger Straße einen ganz erstaunlichen Schub Leben. Ohne Reservierung kriegt man hier kein Bein mehr auf die Erde. Wir wurden an der Bar mit dem absichtlich breiten Tresen platziert. Über Eck saßen Besucher aus Israel, die mit dem Service auf Hebräisch parlierten.
Eine sehr warmherzige Kellnerin erläuterte uns, was „Family Style“ bedeutet: Es werden Gerichte aus der Speisekarte zum Festpreis so aufgetragen, dass man sie miteinander teilen kann. Man darf sagen, was man mag oder auch nicht, und sie sucht dann aus. „Es ist, als wenn ihr bei mir Hause essen würdet“, sagte sie lächelnd. „Nur, dass nicht ich koche.“ Die Kellner verstehen sich hier als Gastgeber.

Es lebe die Nostalgie

Unterm Rundbogen öffnet sich hinter dem Tresen der Blick in eine Showküche. Der Gastraum war fast übervoll. Hohe Tische stehen an gemusterten Tapeten, auf den Regalen findet sich allerlei Nippes, Bilder von Hirschen und Trabis, ein grünes Telefon aus der Zeit, als Kinder in dem Zusammenhang mit dem Wort „Schnur“ noch etwas anzufangen wussten. Die Karte ist nicht groß, umfasst eine Seite für Getränke, eine andere für Speisen. Der Preisunterschied von drei Euro machte die Wahl zugunsten des deutschen Winzersekts (4 Euro) gegen den spanischen Cava (7 Euro) leicht. Dazu wurden zwei jeweils halbierte Scheiben absolut köstlichen Brioches aufgetragen, mit einem Schlag warmer, mit Tahini verfeinerter Butter. „Yellowtail Tataki“ wirkte in seinem abwechslungsreichen Arrangement mit gerösteten Tomaten, Pesto, Büffelmozzarella, Lauchkringeln und Basilikumblättern zwischen den Fischscheiben fast so wuselig wie das Ambiente (9 Euro).

Alle mal anstoßen

Als hätte sie meine Gedanken gelesen, tauchte unsere Gastgeberin hinter dem Tresen mit fünf kleinen Gläsern für uns und die Umsitzenden und einer großen Flasche Apfel-Wodka auf. Jetzt sollten erstmal alle anstoßen, lautete die Ansage. Sehr gut und modern wirkte die einsame Jakobsmuschel in einer kleinen Schale, die mit einer richtig schön scharfen „Haraime“ Sauce gut aufgefüllt war. Kühlung brachten die fein geschälten Limettenstreifen (4,50 Euro). Der „Octopus à la Plancha“ war dann robust zubereitet. Beim Tintenfisch merkt man an der leicht zähen Konsistenz, wenn die Küche nicht ausreichend Zeit in die Vorbereitungsarbeiten gesteckt hat. Dazu gab es eine irgendwie lässig wirkende Zutaten-Vielfalt aus einem Erbsen-Meerrettich-Püree, Topinambur und Macadamia-Nüssen. Die auch hier sehr angenehme Schärfe gab das Chili-Öl dazu (18 Euro). Ganz und gar köstlich war die mediterrane Porchetta, eine überaus zarte, fast sanfte Kombination aus Lamm- und Spanferkelfleisch auf einer reichen Sauce aus Kurkuma-Joghurt. Dazu passte ein etwas sperriges, an den Rändern teils leicht verbranntes Stück Kohl (22 Euro).

Dunkel wie die Nacht

Diese Küche hat was Unbeschwertes in ihrer fröhlichen Umgehung von Perfektion und Akkuratesse und schmeckt trotz reichhaltiger Zutaten so leicht wie Ferien. Die Weinkarte ist nicht sehr groß. Der rheinhessische Riesling schmeckte auf eine eher schlicht trockene Art. Hier israelische Weine zu servieren, wäre keine schlechte Idee (22 Euro).
Auch unsere Nachbarn hatten sich für den „Night Cheesecake“ entschieden, der – Überraschung – tatsächlich nachtblau war und, wohl um den Effekt etwas abzumildern, mit Walnussstreuseln und Himbeeren etwas aufgeheitert wurde. Der müsse so dunkel sein, erklärte die nette Kellnerin, das Lokal heiße doch Night Kitchen. Ob diese Küche an dieser etwas zurück gelegenen Stelle älter wird als die Vorgänger? Das Internet kennt keine Hemmschwellen.

- Night Kitchen. Oranienburger Str. 32, Mitte, Tel. 23 57 50 75, täglich ab 17 Uhr

Der neue Morgenlage-Newsletter: Jetzt gratis anmelden!