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Vor der Wahl : Wie tickt Berlin?

WELCHES VERHÄLTNIS HAT BERLIN ZU SEINER VERGANGENHEIT?

Aus diesen zwei Vergangenheiten der Stadt lässt sich schwer eine einheitliche zusammenbauen. „Es war nicht alles schlecht“ ist der Kernsatz der trotzigen Selbstbehauptung (Ost), der nur selten auf selbstkritische West-Reflexion trifft – man geht im Westen einfach mal davon aus, dass so weit alles gut war seit den großen Zeiten von Ernst Reuter. Beiden Seiten ist gemeinsam, dass sie Symbole ihrer Vergangenheit wie den Palast der Republik oder den Flughafen Tempelhof bis zum Platzen mit Bedeutung aufladen; auch das nicht endende Gerangel um den Wiederaufbau des Schlosses lässt sich ja als westlicher Versuch der Revision eines DDR-Verbrechens lesen. Schließlich gibt es noch die etwas weiter zurückliegende, sehr viel dunklere Vergangenheit, mit der der Berliner gern abschließen würde – zu diesem Zweck hat er Mahnmal um Mahnmal errichtet, ohne dem Ziel wesentlich näher gekommen zu sein.

WAS MUSS DER NEULING ÜBER DIE BERLINER WISSEN?

Der aktuell in freier Wildbahn vorkommende Mainstream-Berliner trägt wesentliche Merkmale seines Stadtoberhaupts. Es ist zwar meist wesentlich schlechter angezogen als jener, zeigt aber die gleiche, zwischen herzlicher Jovialität und abrupter Pampigkeit schwankende Haltung, die im Dialekt mit „Mir kann keener“ umschrieben wird. Zu dieser trotzigen Selbstgewissheit gehört die Angewohnheit, durch die Abwesenheit von Missfallensäußerungen höchstmögliches Lob auszudrücken; nicht wenige, vor allem süddeutsche Zuwanderer haben diesen Mangel an offener Herzenswärme schon so persönlich genommen, dass sie auf dem Absatz kehrtmachten.

WAS WIRD NACH DER WAHL AUS DER STADT?

Nur wenige Persönlichkeiten von draußen fühlen sich berufen, an der politischen Gestaltung der Stadt mitzuwirken. Deshalb ist der Rollentausch je nach Wahlergebnis das obwaltende Prinzip. Nehmen wir an, dass die Grünen künftig an der Macht beteiligt sind, dann läuft dies auf eine gewisse Erhöhung des landespolitischen Lärmpegels hinaus, auf eine demonstrative Konfliktbetonung zugunsten der eigenen Klientel. Man wird sich ein wenig mehr streiten, über Windräder, Tempolimits und neue Autobahnen, aber die üblichen Probleme von Hundekot über Graffiti und Autobrände bis zur Arbeitslosigkeit mit der gleichen Nonchalance verwalten wie die Vorgänger. Berlin bleibt doch Berlin – dieser Kernsatz lässt sich als Segen oder Seufzer artikulieren. Und Klaus Wowereit würde anfügen: Das ist auch gut so.

Berlin in Zahlen

AUSDEHNUNG

Mit 892 Quadratkilometern ist Berlin das drittkleinste Bundesland – vor Hamburg und Bremen). Aber: 3,44 Millionen Einwohner bedeuten Rang 8 unter den Bundesländern.

AUSKOMMEN

Das verfügbare Jahreseinkommen je Einwohner liegt in Berlin bei 15 843 Euro. Das sind nur 83,5 Prozent des Bundesdurchschnitts.

AUSSTATTUNG

In Berlin gibt es 74 Krankenhäuser, 51 Bühnen, 170 Museen und 284 Kinos. 108 784 Hunde können sich auf 428 000 Straßenbäume verteilen.

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