Vorderer Kreuzbandriss : Aus der Balance

Der vordere Kreuzbandriss ist die häufigste Sportverletzung. Was passiert dabei genau, und welche Therapien sind möglich?

Leonard Hillmann
Größtes Gelenk. Diskuswerfer Robert Harting schützt sein Knie.
Größtes Gelenk. Diskuswerfer Robert Harting schützt sein Knie.Foto: Michael Kappeler/dpa

Unser Knie ist ein Wunderwerk. Laufen, Rennen, Bücken, Springen oder Hocken sind nur einige Beispiele für Bewegungen, die ohne Knie unmöglich wären. Nicht ohne Grund ist es unser größtes Gelenk. Ohne dass wir es merken, leistet es den ganzen Tag eine Menge Arbeit und hält dabei Belastungen wie dem Achtfachen unseres eigenen Körpergewichtes stand. Das ist umso faszinierender, wenn man bedenkt, wie viele teils filigrane Strukturen hier zusammenkommen.

Aber gerade weil das Kniegelenk bei vielen verschiedenen Bewegungen stark beansprucht wird, ist es auch anfällig für Verletzungen. „Der vordere Kreuzbandriss ist die häufigste Sportverletzung im Kniegelenk“, sagt Wolf Petersen, Chefarzt für Orthopädie und Unfallchirurgie im Martin-Luther-Krankenhaus. Durch unglückliche Belastung können aber auch andere Bänder im oder am Knie reißen, etwa das Innenband, das Außenband oder das hintere Kreuzband. Einen Knieschaden zu behandeln, lohnt sich allein schon, um wieder fit und mobil zu sein, aber auch auf lange Sicht. Denn unbehandelte Schäden an Bändern im Knie können das Risiko für einen verfrühten Gelenkverschleiß erhöhen.

Wie entsteht ein vorderer Kreuzbandriss? Werden die Bänder, etwa beim Sport, über ihre elastische Maximalgrenze hinaus beansprucht, kann es zu einem Bänderriss – oder Bänderruptur – kommen. Der vordere Kreuzbandriss wird vor allem durch eine ungünstige Position begünstigt, in der Kraft von außen auf das Knie einwirkt, was prinzipiell bei jeder Sportart mit plötzlichen Drehbewegungen und schnellem Richtungswechsel auftreten kann. „Allerdings kommt es dazu besonders häufig beim Fußball, Handball, Diskuswerfen oder Skifahren“, so Petersen. Aber auch andere Faktoren spielen eine Rolle: Frauen haben statistisch gesehen ein höheres Risiko für einen vorderen Kreuzbandriss als Männer. Außerdem scheint das Risiko zuzunehmen, wenn man sich vor dem Sport nicht ausreichend aufgewärmt hat.

Oft hört man ein Knackgeräusch

Bei einem vorderen Kreuzbandriss hört man manchmal ein Knackgeräusch. Oft werden auch andere Kniestrukturen wie die Menisken geschädigt, wodurch es zu starken Knieschmerzen kommen kann. Aber manchmal bemerken Betroffene auch erst mit zeitlicher Verzögerung, dass sie nicht mehr sicher laufen können oder das Gefühl haben, als ob ihr Knie bei Bewegung wegknicken würde. „Bei der Verletzung können auch umliegende Blutgefäße in Mitleidenschaft gezogen worden sein, wodurch Blut ins Gelenk einströmt“, sagt Petersen. Dadurch könne sich eine schmerzhafte Schwellung im Gelenk bilden und die Gelenkkapsel unter Spannung stehen. Normale Bewegungen wie Laufen oder Treppensteigen sind dann nur noch eingeschränkt möglich und fühlen sich häufig instabil und unsicher an.

Wie wird Kreuzbandriss diagnostiziert? Wenn die Knieschmerzen nicht zu stark sind und orthopädische Handgriffe erlauben, kann der Arzt testen, wie funktionsfähig das schmerzende Knie im Vergleich zum unauffälligen ist. Erhärtet sich der Verdacht auf einen vorderen Kreuzbandriss, eignet sich frühzeitig eine Magnetresonanztomografie (MRT), um die feinen Strukturen des Knies darzustellen und auf dem Bild einen Bänderriss sicher diagnostizieren zu können.

Konservativ oder operativ?

Bei einem Kreuzbandriss sollte das Knie nach der akuten Verletzung geschont, hoch gelagert und gekühlt werden. „Wie die Behandlung weitergeht und ob der Bänderriss konservativ oder operativ versorgt wird, richtet sich danach, wie alt und sportlich aktiv der Patient ist und welche Strukturen wie stark geschädigt wurden“, sagt Petersen. Die konservative Therapie bietet sich an, wenn man sportlich nicht mehr aktiv ist, oder der Arzt vom chirurgischen Eingriff etwa wegen des Lebensalters oder wegen Begleiterkrankungen abrät. Dann entlastet man das betroffene Kniegelenk, so gut es geht, etwa mit einer Orthese oder Unterarmgehstützen. Zur konservativen Therapie, die sich meist über mehrere Wochen erstreckt, gehört auch Physiotherapie zur Stärkung der Beinmuskulatur.

Bei Leistungssportlern und körperlich aktiven Menschen mit einem vorderen Kreuzbandriss kann eine Operation dem Knie helfen, möglichst schnell wieder stabil zu werden. Dazu tauschen die Operateure in einer Arthroskopie (Gelenkspiegelung) das geschädigte Band durch anderes körpereigenes Material aus, etwa durch Teile gesunder Beugesehnen der Beinmuskulatur. „Potenzielle Begleitverletzungen wie etwa Meniskusschäden können dabei gleich mitbehandelt werden“, sagt Petersen. Wie bei der konservativen Behandlung spiele auch nach der operativen Versorgung des Bänderrisses im Knie die Krankengymnastik eine große Rolle beim Muskelaufbau. Die Prognosen auf eine langfristige Beschwerdefreiheit seien in der Regel gut, jedoch könne es bis zu einem Jahr dauern, bis der Patient wieder sportlich einsatzbereit sei.

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