Der Urologe streift einen Gummihandschuh über

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Vorsorgeuntersuchungen bei Männern : Ich hab’s gecheckt
Internist Michael Rausch vom Ärztezentrum am Nollendorfplatz.
Internist Michael Rausch vom Ärztezentrum am Nollendorfplatz.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Frank König kommt gleich zur Sache. Ich möge die Hose bis zum Oberschenkel herunterziehen und mich seitlich auf die Untersuchungsliege in seinem Sprechzimmer legen, und das bitte ganz entspannt, was angesichts dessen, was man unter der „großen Hafenrundfahrt“ alles befürchtet, so manchem schwerfallen dürfte. Der Urologe streift einen Gummihandschuh über, trägt Gleitgel auf, schiebt seinen Zeigefinger ohne Zögern ins Rektum und tastet die Prostata rundherum ab. Das dauert nur wenige Augenblicke und ist tatsächlich nicht schlimm. Beim Vorgespräch hatten wir die eine unsichere Frage schon geklärt: Muss man sich, also den Enddarm, auf die Untersuchung vorbereiten, eventuell sogar einen Einlauf...? „Nein, nicht nötig“, ist die kurze Antwort des Urologen, der solche Untersuchungen häufig machen muss.

Kurz danach das Auswertungsgespräch. Die Untersuchung habe keine Auffälligkeiten gezeigt. Also alles gut? „Das ist das Problem bei der Prostataabtastung, dass man das so nicht beantworten kann“, sagt Frank König. Denn: „Wenn der Urologe eine Verhärtung ertasten kann, ist der Krebs sehr weit fortgeschritten. Da stehen die Heilungschancen schlecht.“ Von Früherkennung könne also keine Rede sein. Hinzu kommt, dass der Arzt mit seinem Finger nur die zum Darm zeigende Seite der Prostata ertasten kann. Die andere Seite des etwa kastaniengroßen Organs ist dafür unerreichbar – ein Krebs an dieser Stelle also auch nicht zu entdecken.

Der Unterschied von PSA-Wert und freiem PSA-Wert

Ist das dann eine sinnvolle Vorsorge? König antwortet ebenso diplomatisch. „Dass die Krankenkassen die regelmäßige Tastuntersuchung bezahlen ist gut dafür, die Männer überhaupt in die Vorsorgeuntersuchung zu bekommen“, sagt König. Auch um ihnen möglicherweise dabei auch einen Test anraten zu können, den die Krankenkassen zwar nicht bezahlen, den König aber für deutlich sinnvoller in der Krebsvorsorge hält. „Ich bin ein Fan des PSA-Wertes“, also des Gehalts an „prostataspezifischem Antigen“, eines in der Prostata gebildeten Eiweißes, im Blut. Und da sei er sich mit den meisten seiner Kollegen einig. „Wohl fast jeder Urologe kennt seinen PSA-Wert.“

Ein erhöhter PSA-Wert könne ein erster Hinweis auf Krebs sein, was weitere Untersuchungen klären können – etwa des sogenannten freien PSA-Wertes. Das ist eine weitere Kontrollzahl, deren Bestimmung aber aufwändiger und damit teurer ist als der PSA-Wert, für den die Patienten als Eigenleistung um die30 Euro bezahlen müssen. Wenn auch dieser auffällig ist, folgt eine MRT-Untersuchung des Organs. Letztendliche Gewissheit bringt aber nur eine Biopsie, also die Entnahme und Laboruntersuchung von Gewebeproben aus der Prostata.

Aber auch ein Fan kennt die Grenzen: „Der PSA-Wert ist kein Tumormarker, sondern ein Prostatamarker“, sagt König. Ein Tumormarker wäre ein Messwert, der den klaren Rückschluss auf ein Krebsgeschwür zulässt. Der PSA-Wert dagegen wird von vielen Faktoren beeinflusst. Eine Prostataentzündung, eine Harnröhreninfektion oder eine gutartige Vergrößerung. Selbst Radfahren oder Sex kann den PSA-Wert vorübergehend erhöhen. Aber eben auch ein bösartiger Tumor.

"Wir haben nun mal nichts besseres"

Umgekehrt bedeutet es, dass Männer, die eigentlich keinen Krebs haben, durch die Untersuchungslogik aus auffälligen PSA-Werten, MRT-Befund und schließlich einer Biopsie erst einmal über eine gewisse Zeit in Krebsangst versetzt werden. 80 Prozent der Männer mit einem deutlich erhöhten PSA-Wert – also jenseits des Grenzwertes von vier Nanogramm/Milliliter – würden deshalb unnötig biopsiert, räumt König ein. „Aber bei den übrigen 20 Prozent wird der Krebs so in einem noch gut behandelbaren Frühstadium entdeckt. Das ist doch ein Erfolg.“ Laut dem deutschen Krebsforschungszentrum ist der Wert der PSA-Bestimmung für die Krebsfrüherkennung hoch umstritten. Denn ob Männer, die regelmäßigen ihren PSA testen lassen, länger und vor allem besser leben, stehe nicht fest. „Aber wir haben nun mal nichts Besseres“, sagt König. Ich lasse den PSA-Wert bestimmen. Er wird mir schon drei Tage später per Post mitgeteilt. Nicht auffällig, zum Glück.

Bleibt noch die Begutachtung meiner Haut. Das regelmäßige Screening auf weißen und schwarzem Hautkrebs gilt auch nicht als gänzlich unumstritten. Obwohl zum einen immer mehr Menschen an Hautkrebs erkranken, zum anderen gerade der schwarze Hautkrebs – das maligne Melanom – sehr aggressiv ist und schnell Metastasen bildet. Deshalb ist seine Erkennung im Frühstadium sehr wichtig, um den Tumor entfernen zu können, bevor er metastasiert. Doch es gibt auch hier Kritik. So kritisierte im Jahr 2016 eine medizinische Kommission in den USA, die die US-Regierung in Fragen der Krankheitsvorsorge berät, die zu dünne Datenlage. Es müssten sich 100 000 Menschen der Ganzkörperinspektion unterziehen, um einen Todesfall am Melanom zu verhindern. Ist das ein zu hoher Preis?

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