Berlin : Wachstumsschub nach Jahrmillionen

Seit gestern werden die Skelette im Naturkundemuseum wieder aufgebaut

Stefan Jacobs

Mit 150 Millionen Jahren bekommt der Brachiosaurus noch mal einen Wachstumsschub: Wenn am 13. Juli die Saurierausstellung im Naturkundemuseum nach mehr als zweijähriger Sanierung wiedereröffnet wird, dürfte der Riese unter dem gewölbten Glasdach rund einen halben Meter höher sein als zuvor. Er drückt dann nämlich die zuvor angewinkelten Vorderbeine durch. So, wie er es nach neuestem Stand der Wissenschaft auch zu Lebzeiten getan haben soll.

„Die genaue Höhe werden wir erst wissen, wenn er steht“, sagt Peter May. Gestern hat der Kanadier mit seinem Team den Wiederaufbau des weltgrößten Saurierskeletts begonnen. Es riecht nach dem durchgesägten Metall der Stützkonstruktion, von der sie ein Stück der Wirbelsäule soeben befreit haben. Jetzt wird sie mit zwei Winden auf Saurierrückenhöhe gezogen und markiert damit die Basis für die Arbeiten. In den nächsten Tagen werden die je 400 Kilo schweren Beine montiert, der Schwanz und der Kopf. Der ist neu – und soll deutlich detaillierter modelliert sein als der bisherige Kopf, der ja ebenfalls eine Nachbildung war. Den echten, vor fast 100 Jahren in Afrika ausgegrabenen Schädel bewahrt das Museum lieber im Keller auf, weil er so zerbrechlich ist.

Peter May schwärmt von den neu modellierten Teilen: Statt Gips werde nun hochfestes Epoxidharz mit Kohlefasern verwendet. Damit ist die technologische Brücke zwischen Urzeit und Formel 1 geschlagen. Als Vorlage hätten hochgenaue dreidimensionale Aufnahmen der Originalknochen gedient. Manche wurden bei seiner auf den Auf- und Abbau von Skeletten spezialisierten Firma RCI in Kanada, andere in einer gemieteten Halle in Moabit gefertigt. Acht RCI-Leute arbeiten in Berlin. „Es ist das prestigeträchtigste Projekt, das wir je gemacht haben“, sagt May. „Überall auf der Welt kennt man dieses Exemplar.“

Ein paar Meter weiter erneuert Mays Tochter Amelia, die ihren Beruf mit „Paläontologie-Technikerin“ angibt, gerade die schwarze Farbe des Diplodocus. Der soll nach der Kur in Kanada ebenfalls ein wenig wachsen. Außerdem werden die bisher liegenden Schwänze der ganzen Gesellschaft angehoben. Anhand von Abdrücken wisse man inzwischen, dass Saurier die Schwänze nicht auf der Erde schleifen ließen, erklärt ein Experte: „Sonst gäbe es ja immer einen Strich zwischen den gefundenen Fußtapsen.“

Insgesamt wird die früher betont nüchterne Ausstellung mit einer Prise Action gewürzt: Der Brachiosaurus verlässt sein Podest und kann von Besuchern zwischen Vorder- und Hinterbeinen unterlaufen werden. Einige Texttafeln werden durch Bildschirme ersetzt, so genannte Juraskope ermöglichen beim Durchblick die „Verfleischung“ der Skelette und gleich hinter dem Eingang wird der neu in die Saurier-WG aufgenommene Allosaurus so installiert, dass er mit seinem – von einem Bildhauer komplett nachmodellierten – Kopf ins Foyer schauen und die Kasse im Blick behalten kann.

Dabei wird er wohl steigende Eintrittspreise beobachten können. „Wir sind noch am Überlegen“, sagt Generaldirektor Reinhold Leinfelder. Viel teurer soll es aber nicht werden – mit besonderer Rücksicht auf die Hauptkundschaft, die Familien. Die 17,7 Millionen Euro für Renovierung und Umbau der Abteilung stammten größtenteils aus EU- und Lottogeldern.

Nur einer wurde ins Depot verbannt: Der Plateosaurus, der vor mehr als 200 Millionen Jahren im heutigen Europa gelebt haben soll, passte nicht in die Saurierfamilie. Denn die ist ja erst 150 Millionen Jahre alt – und außerdem in Tansania ausgegraben worden.

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