Der Wirt der Destille freut sich über die neuen Gäste

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Wandel am Mehringdamm : Plüsch, Trash und neue Nachbarn

Zu den Urgewächsen der Gegend zählt die Destille, eine dunkle, holzvertäfelte, mit Nippes und Werbeschildern ausstaffierte Alt-Berliner Stammgastkneipe. Helmut und Ewald sitzen vor Bier und Kaffee, zwei zufriedene Rentner, die nichts auf ihren Kiez kommen lassen, Touristen hin oder her. „Vor zehn Jahren war hier noch tote Hose“, sagt Ewald, nun sei es eben multikulturell und ein wenig belebter, „das stört aber nicht“. Auch Kellner Roody hat nach eigener Aussage viel Spaß am partyrauschenden Mehringdamm. Wegen der vielen Hostels in der Umgebung habe sich das Publikum sehr verjüngt. Roody zeigt Fotos vom Champions-League-Spiel Bayern München gegen Barcelona. 200 Leute saßen und standen vor der kleinen Kneipe. Früher war so was undenkbar.

Steigende Mieten? Roody schüttelt den Kopf. Ärger mit den Nachbarn? „Da achten wir auch drauf: keine Boxen draußen, kein Gegröle.“ Lärmig ist es sowieso wegen der Autos, da schläft niemand nach vorne raus bei offenem Fenster.

Der Mehringdamm
Kreuzberg 61 verändert sich: Das schwule Museum ist schon weg, nun hat auch noch das Schwuz angekündigt, den Mehringdamm zu verlassen. Sehen Sie das Herz des Kiezes in unserer Bildergalerie.Alle Bilder anzeigen
1 von 7Foto: Doris Spiekermann-Klaas
05.05.2013 12:11Kreuzberg 61 verändert sich: Das schwule Museum ist schon weg, nun hat auch noch das Schwuz angekündigt, den Mehringdamm zu...

Multikulturell geht es tatsächlich zu am Mehringdamm. Jedes Restaurant hat einen anderen Stil, jede Küche eine andere Herkunft, jede Bar einen individuellen selbstgezimmerten Charme zwischen Plüsch und Trash. In den denkmalgeschützten Höfen wimmelt es von kleinen Betrieben und Dienstleistern. Wohnen, Arbeiten, Amüsieren – alles direkt an B 96 und U 6. Ein Faszinosum Berliner Prägung. Der internationale Erfolg dieser quirligen Mischung ist auch an den stets überlaufenen Imbissbuden Curry 36 und Mustafas Gemüse- Kebab abzulesen.

Es soll an der Ecke Yorckstraße mal einen Burger King gegeben haben, doch der ist längst verschwunden. Nicht eine einzige Restaurantkette hat den Sprung auf den Mehringdamm geschafft. Kein Starbucks, kein Dunkin Donuts, nur Curry 36. So viel Kreuzberger „Mir san mir“ funktioniert noch.

Ruhe kehrt erst nördlich der U-Bahnstation und südlich der Einmündung Bergmannstraße ein. Der Mehringdamm „est divisa in partes tres“, wie Cäsar formuliert hätte – in drei Teile geteilt. Der dritte, der Aufstieg zum Platz der Luftbrücke, war früher den Anliegern vorbehalten, doch jetzt gibt es eben diesen riesigen Tummelplatz für Ferngucker und Radrennfahrer, das Tempelhofer Feld, und deshalb überlegt Jörg Schlachter von der Barbiebar, mehr auf den Tagbetrieb zu setzen. Wer auf dem Weg zum Feld pausieren möchte, landet in seinem mit Tulpen und Flaschengrün verzierten Trottoirgarten. „Nach mir kommt nix mehr.“

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