Berlin : Was die Bahn verschweigt

Am Bahnhof Zoo müssen wieder Fernzüge halten

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Von Michael Cramer Trotz zahlreicher Proteste hält die Bahn AG daran fest, den Bahnhof Zoo vom Fernverkehrs abzukoppeln. Deshalb halten die Fernverkehrszüge aus dem Ruhr- und dem Rhein-Main-Gebiet seit der Eröffnung des Hauptbahnhofs Ende Mai 2006 nur noch in Spandau, Hauptbahnhof und Ostbahnhof. 1,5 Millionen Fahrgäste haben dadurch – so Jürgen Schweickart (TFH) – längere Anfahrtszeiten von bis zu 20 Minuten. Schaut man sich die wesentlichen Gründe der Bahn an, stellt man schnell fest, dass ihre eigene Praxis an anderen Orten ihrer Anti-Zoo-Argumentation widerspricht.

1. Der Abstand zwischen Zoo und Hauptbahnhof – vier Kilometer – sei zu gering: Den kürzesten Bahnhofs-Abstand im ICE-Netz gibt es mit einem Kilometer zwischen Hamburg-Hbf und Hamburg-Dammtor, 1,2 Kilometer liegen zwischen Köln Hbf und Köln-Deutz, vier Kilometer zwischen Berlin Hbf und Berlin-Gesundbrunnen.

2. Der ICE hielte weder in der Provinz noch in den Bezirken: Es gibt elf Kleinstädte mit weniger als 20 000 Einwohnern, in denen ICE-Züge halten. In Montabaur (12 500), Siegburg/Bonn (39 076) und Limburg (34 000) etwa verspielen die Züge die Zeitersparnis, die zwischen Frankfurt und Köln mit einem Milliardenaufwand realisiert wurde. Der ICE mit einer Höchstgeschwindigkeit von 300 km/h kommt dort nur auf einen Durchschnitt von 159 km/h.

Angeschlossen an das ICE-Netz sind in Deutschland insgesamt 119 Städte. Die größte ICE-Stadt ist Berlin mit 3,4 Millionen, die kleinste Bullay bei Trier mit gerade mal 1500 Einwohnern. Im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf, auf dessen Gebiet der Bahnhof Zoo liegt, leben 315 000 Menschen. Im Ranking der 80 deutschen Großstädte wäre das Platz 19, knapp vor Bonn. Betrachtet man den Einzugsbereich des Bahnhofs Zoo mit den Bezirken Tempelhof-Schöneberg (335 000) und Steglitz-Zehlendorf (290 000) und seine gute Anbindung an den Nahverkehr mit zwei U- und vier S-Bahn-Linien nebst Busbahnhof kommt man auf etwa 800 000 Bewohner.

3. Vier Haltepunkte in einer Stadt seien zu viel: Auch hier wird mit zweierlei Maß gemessen. Der ICE 70 zwischen Basel und Hamburg hält vier Mal in Hamburg, der ICE 109 von Berlin nach Innsbruck aber nur drei Mal in Berlin. Dabei ist Berlin mit einer Fläche von knapp 900 Quadratkilometern erheblich größer als Hamburg (750 km2), Köln (405 km2) und München (310 km2).

Die Hamburger Bahnhöfe verteilen sich nach dem Reiseplan für den ICE 70 auf einer Strecke von 18 Kilometern wie folgt: Zwischen Harburg und Hbf beträgt der Abstand zwölf, zwischen Hbf und Dammtor einen Kilometer und zwischen Dammtor und Altona sind es fünf.

In Berlin liegen zwischen Spandau und Ostbahnhof knapp 21 Kilometer. Ob aus Unkenntnis oder aus Absicht: im Reiseplan für den ICE 109 wird dieser Abstand nur mit 16 Kilometer angegeben. Zwischen Spandau und Zoo sind es 11,78 Kilometer, zwischen Zoo und Hauptbahnhof 3,74 Kilometer und zwischen Hauptbahnhof und Ostbahnhof 5,27 Kilometer. Warum – angeblich aus betrieblichen Gründen – ausgerechnet auf kürzerer Strecke im kleineren Hamburg die Abstände geringer und die Haltepunkte zahlreicher sein dürfen, verstehe, wer will. Ich nicht.

Was die Bahn AG verschweigt: Das Unternehmen ist kein Selbstzweck, es ist für die Kunden da. Unabhängig von der Stadtgröße, der Anzahl und dem Abstand der Bahnhöfe sind zufriedene Kunden das Kapital der Bahn. Auch deshalb müssen am Bahnhof Zoo wieder die Fernzüge halten.

Michael Cramer ist Verkehrsexperte und sitzt für die Grünen im Europaparlament. Zuvor war er mehrere Jahre Mitglied im Abgeordnetenhaus.

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