Was macht die Familie? : Keinen Schritt ohne Technik

Wie eine Mutter die Stadt erlebt - Fatina Keilani zwingt die Kinder zum Lernen und lernt selber was.

Tristan bleibt länger in Berlin und bietet eine gute Kulisse für gruselige Selfies.
Tristan bleibt länger in Berlin und bietet eine gute Kulisse für gruselige Selfies.Foto: promo

Schon klar, ich bin erziehungsberechtigt, aber bin ich auch beziehungsberechtigt? Jedenfalls wollen meine Kinder nicht viel mit mir zu tun haben, und wenn ich mich mit einem Vorschlag nähere, kriege ich eine Absage, ohne dass dafür auch nur einer vom Handy hochblickt. Vor einigen Tagen habe ich sie dennoch gezwungen, ich meine, man kann doch nicht den ganzen Tag zocken?! Wir waren bei der Oma in Ostwestfalen zu Besuch, und dort in der Nähe, in Obernkirchen, sind vor einigen Jahren in den berühmten Sandsteinbrüchen Dinosaurierspuren gefunden worden. Da wollte ich hin, denn man musste ein Stück durch den Wald laufen, und das sollten sie.

Zumal wir das Thema Dinosaurier erst einige Wochen zuvor gehabt hatten. Vor ein paar Wochen wurden auf dem Schulhof verdächtige Stoffe gefunden, und die Schule des Zehnjährigen machte für zwei Tage zu. Ich beschloss, das Beste draus zu machen – wann hat man schon mal ein einzelnes Kind ganz für sich? –, nahm mir frei und fragte ihn, was er machen wolle. Er war für das Naturkundemuseum. Ich wunderte mich, denn Museen findet er blöd und die Dino-Phase hatte er nie, aber gut, bitte, vielleicht hatten die Schadstoffe ja irgendwas Positives bewirkt. In der U-Bahn trafen wir einen Schulfreund, der froh war, sich uns anschließen zu können und freudig seine Mutter zurückließ. Ob auch sie nicht beziehungsberechtigt ist? Ich hatte nun keinen Tag mit dem Söhnchen alleine mehr, stattdessen wurde es cool, demonstrativ desinteressiert zu sein. Der Museumsbesuch war lehrreich, aber eher für mich.

Die Menschen - was der eine beginnt, führt der nächste fort

Im Museum war ein interessanter kleiner Arbeitsplatz aufgebaut, an dem Exponate digitalisiert werden. Auf Nadeln gespießte Insekten wurden auf ein kleines Fließband gesetzt, von einer digitalen Spiegelreflexkamera fotografiert und von einem Mitarbeiter wieder zurücksortiert. Die winzigen Schildchen mit mikrokleiner handschriftlicher Beschriftung faszinierten mich, weil sie zeigten, dass der Mensch, sobald er konnte, alles zu katalogisieren begonnen hat. Der Verfasser der Beschriftung ist lange tot, seine Arbeit aber lebt weiter und wird von anderen fortgesetzt. Leider übertrug sich die Faszination nicht. Die Jungs waren damit beschäftigt, sich und den Leih-Dino Tristan zu fotografieren und die Fotos dann mithilfe einer App so zu bearbeiten, dass sie darauf nach Zombie-Apokalypse aussahen. Sie lachten sich schlapp, ich war interessiert an der App.

[Tristan ist einer von zwei Tyrannosaurus Rex in Europa. Er besteht aus einem 2010 in Montana entdeckten Haufen von 170 Knochen und wurde dem Museum von den privaten Eigentümern als Gratis-Leihgabe überlassen. Sein Aufenthalt in Berlin wurde inzwischen verlängert. Wohl Ende Januar wandert er weiter nach Kopenhagen, der Termin steht noch nicht fest.]

Zurück zu neulich: Bei dem erzwungenen Waldspaziergang auf dem Bückeberg war es genauso. Die Kinder fummelten mit ihren Handys herum, zeigten sich gegenseitig Sachen, lachten, ich trottete nebenher. Auf der halbstündigen Autofahrt zurück war es verblüffend still. Hinterher erfuhr ich, warum: Der Große schnitt das Videomaterial auf dem Handy zu einem Film. Dieser wurde mir abends auf Omas großem Fernseher vorgeführt. Er war rasant geschnitten - danach war der Ausflug eigentlich ganz lustig.

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