Weißer Damhirsch in Brandenburg : Eine sagenumwobene Erscheinung aus dem Spreewald

Das Foto eines weißen Hirsches aus dem Spreewald fasziniert viele Menschen. Dabei ist ein solches Tier gar nicht so selten.

Diese Aufnahme gelang einem Berliner Hobbyfotografen vor einigen Tagen und zeigt den Hirsch mit mehreren Kühen.
Diese Aufnahme gelang einem Berliner Hobbyfotografen vor einigen Tagen und zeigt den Hirsch mit mehreren Kühen.Foto: Ingolf König-Jablonski

Sie gelten als Boten des Himmels, als Verbindung in die „Anderwelt“, als Symbole für den sterbenden und wiederauferstehenden Gott. Eine Begegnung mit ihnen empfinden viele Menschen als mystisch oder heilig – selbst jene, die eine solche Begegnung gezielt herbeiführen, sind ergriffen.

„Ich hatte zwar schon länger nach dem weißen Hirsch im Spreewald gesucht“, sagt Ingolf König-Jablonski, „aber wenn einem dann solch ein imposanter Geweihträger entgegenkommt, ist man schon beeindruckt.“ Das Foto, das dem Berliner Fotograf aus Leidenschaft nach eigenen Angaben vor einigen Tagen im Spreewald gelang, bezaubert derzeit viele Menschen: Zwischen neun dunklen Hirschkühen steht stolz und majestätisch ein weißer Geweihträger: wie gemalt und fast zu schön, um wahr zu sein.

Wo genau die Aufnahme entstand, will Ingolf König-Jablonski jedoch nicht sagen. „Es wäre für alle Tiere des Waldes nicht so toll, wenn sich plötzlich Hunderte oder gar Tausende Menschen auf die Suche nach dem weißen Hirsch machen würden.“

Brandenburgs Naturschützer können diese Zurückhaltung nur begrüßen. „Wir wissen, dass in den vergangenen Jahren unter anderem zwischen Cottbus und Werben mehrfach weiße Damhirsche gesehen wurden“, sagt Manuela Brecht vom brandenburgischen Naturschutzbund Nabu. „Das ist gar nicht so selten, aber für den Betrachter immer ein toller Anblick. Schön wäre es, wenn es beim Beobachten bleibt und die Tiere nicht aufgeschreckt werden.“

Leider gibt es immer wieder Menschen, in denen die seltenen weißen Geschöpfe dunkle Neigungen auslösen. So wurde in der Silvesternacht des Jahres 2014 ein weißer Rothirsch im sächsischen Wildgehege Moritzburg mit einer Armbrust erlegt. Und enthauptet. Allerdings so brutal, dass der entwendete Kopf mit dem Geweih, das stolze 21 Enden aufwies, wahrscheinlich nicht mehr als Trophäe verwendet werden konnte, erinnert sich der jetzige Leiter des Wildgeheges, Ronald Ennersch.

Auch in Bayern wurde ein Damhirsch mit einer Armbrust verletzt

Der getötete Hirsch hatte zwar vor seinem Tod noch einen Nachkommen gezeugt. Sein ebenfalls weißer Sohn wurde allerdings nur etwas mehr als vier Jahre alt. Er starb 2018 vermutlich an schlechtem Futter, das ihm Besucher gaben.

Im vergangenen Jahr brachte ein junger weißer Rothirsch aus der Uckermark die Hoffnung zurück nach Moritzburg. Thomas Golz von der Elch- und Rentierfarm Kleptow tauschte den Zuchthirsch gegen eine Elchkuh. „Wir hoffen auf Nachwuchs im nächsten, vielleicht auch schon in diesem Jahr“, sagt Ennersch. „Leider sind unsere Hirschkühe schon etwas älter, aber wenn es Kälber gibt, dann werden sie mit Sicherheit weiß sein.“

Die Armbrust-Täter wurden übrigens nie ermittelt, ein gutes Jahr später wiederholte sich im bayerischen Wildpark Landsberg das Drama. Ein weißer Damhirsch wurde erst mit einer Armbrust schwer verletzt, dann schnitten ihm die Tierquäler die Kehle durch.

Weiße Damhirsche gibt es häufiger als weiße Rothirsche

„Das sind keine Jäger, sondern einfach nur Kriminelle“, sagt Arnulf Weingart vom Nabu in Lübben. Er arbeitet im Biosphärenreservat Spreewald und hat schon einige weiße Hirsche in freier Wildbahn gesehen. „Das waren alles Damhirsche, wie das jetzt fotografierte Prachtexemplar“, sagt er. Weiße Rothirsche kämen hingegen nur sehr selten vor und wenn, dann weiter westlich, etwa in Hessen. Weiße Damhirsche gibt es häufiger, sagt Weingart. Allerdings fände man sie eher an den Rändern als im Innern des Spreewalds: „Sie mögen die Feuchtigkeit nicht.“

Wie jedes Damwild sind sie generell bejagbar, doch würden sich kaum richtige Jäger finden, die einen weißen Hirsch schießen, sagt Weingart: „Unter ihnen gibt es den Aberglauben, dass jemand, der ein solches Tier erlegt, innerhalb eines Jahres stirbt. Oder jemand aus seiner Familie. Das will lieber keiner riskieren.“

Den weißen Hirschen im Spreewald und anderswo geht es aufgrund dieses Aberglaubens seltener ans Fell als ihren dunklen Artgenossen. Seit mehr als hundert Jahren hält sich unter Jägern auch das Gerücht, dass der Tod eines weißen Hirsches den Ersten Weltkrieg angekündigt hätte.

Franz Ferdinand erschoss nur eine weiße Gams und keinen Hirsch

Beziehungsweise, dass der österreichische Thronfolger, Erzherzog Franz Ferdinand, im Jahr vor seiner Ermordung in Sarajevo einen weißen Hirsch geschossen hätte. Das Attentat löste bekanntlich eine internationale Krise aus, die sechs Wochen später zum Krieg führte. Tatsächlich hatte der fanatische Jäger Franz Ferdinand am 27. August 1913 aber keinen weißen Hirsch, sondern eine weiße Gams geschossen.

Gämsen gehören zu den Ziegenartigen, während unter anderem Rotwild, Damwild und Rehwild, aber auch Elchwild oder Sikawild zu den Hirschartigen zählen, erklärt Kornelia Dobias. Sie leitet die Forschungsstelle für Wildökologie und Jagdwirtschaft am Landeskompetenzzentrum Forst in Eberswalde und hat ebenfalls schon einige weiße Hirsche in freier Wildbahn gesehen.

Rotwild ist größer als Damwild, erklärt sie, und hat im Sommer das namensgebende rötliche Fell. Die männlichen Exemplare zeichnen sich durch ein großes und stark verzweigtes Geweih mit vielen Enden aus, bei Damhirschen ist es schaufelförmig wie beim Elch. Rehe sind noch schmächtiger als Dam- oder Rotwild und die Rehböcke tragen nur ein kleines Gehörn, meist mit drei Enden.

Der Heilige Hubertus soll von einem Hirsch bekehrt worden sein

Weiße Tiere kommen bei allen drei Hirscharten vor, was sich schon immer in Chroniken und Sagen widergespiegelt hat. So soll im 14. Jahrhundert die einzige Tochter des Ritters Abrecht Schenk von Landsberg nach einer Begegnung mit einem weißen Hirsch in die Hände von Räubern aus dem Spreewald gefallen sein.

Die berühmteste Geschichte ist wohl die vom Heiligen Hubertus, der von einem Hirsch mit einem Kruzifix im Geweih bekehrt wurde. Zwar ist dabei nicht ausdrücklich von einem weißen Tier die Rede, aber viele Maler stellten ihn so dar. Vielleicht weil ein weißer Hirsch so viel Reinheit ausstrahlt, dass manche ihn sogar mit einem Einhorn vergleichen.

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