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Aged woman is comforting emotional daughter after watching film at home.
© mauritius images / Alamy / Iakov Filimonov
Tagesspiegel Plus

Wenn Oma und Opa alles anders machen: „Ich sehe bei ihnen kaum Empathie für mein Kind“

Das Kind mit den Großeltern allein lassen? Für manche Eltern undenkbar. Der Umgang mit Kindern hat sich innerhalb der letzten Generation sehr verändert.

Von Anna Pannen

Wenn man Katharina Renkes (Name geändert) vor ein paar Jahren gefragt hätte, wie sie sich das Verhältnis zwischen ihren künftigen Kindern und deren Großeltern vorstellt, wäre die Antwort klar gewesen. „Ich mochte die Eltern meines Mannes und habe fest damit gerechnet, dass es ein enges Verhältnis werden wird“, erzählt sie. „So eins, wo sich die ganze Familie häufig trifft. Wo man zusammen Feste feiert und Oma und Opa die Enkel oft abholen und was Tolles zusammen machen.“

Inzwischen hat Renkes ein Kind, ihr Sohn wird bald zwei Jahre alt. Aber die Realität sieht ganz anders aus, als sie es sich damals ausgemalt hatte. Seine Großeltern sieht ihr Kind nur selten. Und wenn, dann nur in Begleitung der Eltern, denn weder Renkes noch ihr Partner können sich vorstellen, ihren Sohn mit Oma und Opa allein zu lassen.

Wie kam es dazu? „In der Schwangerschaft war noch alles toll“, erzählt die 31-jährige Sonderpädagogin. Ihre Schwiegereltern hätten sie regelrecht hofiert, ihr alle Wünsche erfüllt. Das freute sie umso mehr, weil der Kontakt zu ihren eigenen Eltern schon lange angespannt ist und sie zudem weit entfernt wohnen. „Ich weiß noch, wie ich zu meinem Mann gesagt habe, wie gut wir es haben, dass seine Eltern uns mit dem Baby unterstützen wollen. Dass ich dann mal zum Friseur gehen kann oder so, während sie aufpassen.“

„Sie haben von Anfang an Druck gemacht“

Als ihr Sohn dann aber geboren war, fühlte sich die Nähe der Großeltern nicht nach Unterstützung an, sondern nach Bedrängnis. „Sie haben von Anfang an Druck gemacht“, erzählt die junge Mutter. Beide wollen unbedingt Zeit allein mit ihrem Enkel verbringen. „Schon beim ersten Kennenlernen ging es darum, wann sie ihn mal mitnehmen dürfen.“

Spaziergang mit Opa und Oma – und die Eltern sind sich vielleicht nicht sicher, ob sie es schaffen, das Kind zu trösten, wenn es anfängt zu weinen.
Spaziergang mit Opa und Oma – und die Eltern sind sich vielleicht nicht sicher, ob sie es schaffen, das Kind zu trösten, wenn es anfängt zu weinen.
© mauritius images / Image Source

Renkes will sich zu diesem Zeitpunkt am liebsten noch gar nicht von ihrem Baby trennen, das sie schließlich selbst erst kennenlernt. Als ihr Sohn zwei Wochen alt ist, hat sie das Drängeln der Großeltern aber so satt, dass sie nachgibt und einem Spaziergang zustimmt. 15 Minuten dürfen die Schwiegereltern den Säugling mit dem Kinderwagen herumfahren.

„Ich habe den Kleinen sofort schrecklich vermisst, ständig auf die Uhr geschaut und die Minuten gezählt“, erzählt Renkes. Als die vereinbarte Viertelstunde um ist und die Großeltern noch nicht zurück sind, bricht die junge Mutter in Tränen aus. Nach 30 Minuten kommen die drei schließlich wieder. Den Ärger ihrer Schwiegertochter finden Oma und Opa übertrieben.

Meine Schwiegereltern finden es peinlich, dass ich so ein großes Kind noch stille. 

Katharina Renkes (Name geändert), Mutter eines knapp zweijährigen Kindes

Für Renkes waren diese 15 Minuten ein Schlüsselerlebnis und der Anfang von einer Entwicklung, die Eltern und Großeltern einander zunehmend entfremdet. „Ich habe damals zum ersten Mal gemerkt, dass es meine Schwiegereltern nicht interessiert, was mein Mann und ich uns für unser Kind wünschen“, erzählt sie.

Je sicherer das junge Paar mit dem Baby wird und seinen eigenen Weg findet, desto deutlicher wird, dass Oma und Opa diesen Weg nicht gut finden.

Das Tragetuch halten sie für eine „merkwürdige Mode“

Da ist zum Beispiel das Stillen. Renkes hat ihren Sohn ein halbes Jahr lang voll gestillt und gibt ihm auch jetzt noch ab und zu die Brust, so wie es auch die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt. „Meine Schwiegereltern finden es peinlich, dass ich so ein großes Kind noch stille.“

Das Tragetuch ist für viele Ältere eine „merkwürdige Mode“, kann aber durchaus praktisch sein.
Das Tragetuch ist für viele Ältere eine „merkwürdige Mode“, kann aber durchaus praktisch sein.
© imago images / Westend61

Dass sie und ihr Mann ihren Sohn im Tragetuch transportieren, ist in ihren Augen eine merkwürdige Mode und schlecht für den Kinderrücken. Auch die Tatsache, dass ihr Enkel im Elternbett schläft, finden die beiden befremdlich. „Sie warnen uns, dass wir ihn damit verwöhnen und er uns deswegen später auf der Nase herumtanzen wird.“

Solche und ähnliche Sprüche kennen wohl viele Eltern, spiegeln sie doch eine Einstellung zu Kindern wider, die in Deutschland noch bis weit in die achtziger Jahre verbreitet war, vor allem abseits progressiver Akademikermilieus. In der Tradition der NS-Kinderärztin Johanna Haarer („Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“) wurde lange Jahre schon von kleinen Kindern ein gewisses Maß an Disziplin erwartet. Zu viel Nähe und Mitbestimmung im Baby- und Kleinkindalter galten als Garant für freche und respektlose Kinder.

Mein Sohn soll essen, wenn sie es wollen, schlafen, wenn sie es wollen, selbst wann er aufs Töpfchen geht, würden sie am liebsten bestimmen.

Katharina Renkes (Name geändert), Mutter eines knapp zweijährigen Kindes, über ihre Schwiegereltern

So ist es auch bei Katharina Renkes. „Meine Schwiegereltern sind einfache Leute, fest verwurzelt in ihrer katholischen Dorfgemeinschaft. Ordnung und Disziplin sind ihnen super wichtig“, sagt sie. Was Katharina Renkes am meisten stört, ist das aus ihrer Sicht mangelnde Einfühlungsvermögen der beiden. „Ich sehe bei ihnen einfach kaum Empathie für mein Kind“, erzählt sie. Wenn das Kind ihnen ein Spielzeug bringe, werde es häufig abgewiesen. „Dafür machen sie dann Spielvorschläge, wenn er sich müde die Augen reibt. Sie achten überhaupt nicht darauf, was er möchte oder braucht.“

Die junge Mutter traut ihren Schwiegereltern auch nicht zu, sich ihrem Kind liebevoll zuzuwenden, wenn es traurig ist. „Ich weiß, dass wenn er im Kinderwagen weint, sie ihn nicht auf den Arm nehmen und trösten würden. Sie würden den Kinderwagen vielleicht ein bisschen schneller schieben, das war’s.“

Babys sollte man nie mit dem Gesicht nach vorn tragen. Aber vielleicht sind die Eltern so froh darüber, dass die Oma die Trage akzeptiert, dass sie hier ein Auge zudrücken.
Babys sollte man nie mit dem Gesicht nach vorn tragen. Aber vielleicht sind die Eltern so froh darüber, dass die Oma die Trage akzeptiert, dass sie hier ein Auge zudrücken.
© mauritius images / Mint Images

Gefühlsäußerungen des Kindes wie Weinen oder Unzufriedenheit ertragen die Großeltern nicht

Renkes steht mit diesem Gefühl nicht allein da. Viele der heute etwa 30- bis 40-jährigen Eltern entdecken mit der Geburt der eigenen Kinder, dass ihre eigenen Vorstellungen zum Umgang mit Kindern sich zwar mit denen der anderen Eltern in Babykursen und Stillcafés decken. Nicht immer jedoch mit den Vorstellungen der Großeltern.

Wiebke Rasmussen (Name geändert) hat ganz ähnliche Erfahrungen mit ihren Schwiegereltern gemacht. Die 35-jährige Hamburgerin arbeitet als Industriekauffrau und hat im vergangenen Jahr ihr erstes Kind bekommen. Auch ihr fehlt bei den Eltern ihres Mannes das Einfühlungsvermögen für ihr Baby.

„Als der Kleine ganz frisch auf der Welt war, sind sie noch freundlich mit ihm umgegangen“, erzählt sie. Aber je älter ihr Enkel wurde, desto mehr vermisste Rasmussen einen liebevollen Blick auf ihr Kind. „Wenn er quengelt, äffen sie ihn oft nach“, erzählt sie. „Das soll vielleicht lustig sein, aber ich finde es total gemein.“

Wie Renkes erzählt auch Rasmussen, dass ihre Schwiegereltern sie für vieles im Zusammenhang mit ihrem zehn Monate alten Kind kritisieren. „Das läuft oft unterschwellig. Ich stille ihn und es kommt ein Spruch nach dem Motto ,der Arme möchte sicher lieber Wurst essen’“. Gefühlsäußerungen des Kindes wie Weinen oder Unzufriedenheit ertragen die Großeltern nicht. „Über Gefühle sprechen sie generell nicht, da heißt es gleich ,stell dich nicht so an’ oder ,ist doch nichts passiert’.“

Gesundes Essen, nachhaltiges Spielzeug? Nicht von Oma und Opa

Hinzu kommt, dass Rasmussen und ihrem Mann gesundes Essen, nachhaltiges Spielzeug und schadstofffreie Kleidung sehr wichtig sind. „Meine Schwiegereltern wissen das, halten sich aber nicht daran und schleppen immer wieder Plastikspielzeug und Kleidung vom Discounter an. Das macht mich wahnsinnig.“

Gesundes Essen bei Oma und Opa? Selbst gebackener Kuchen am Nachmittag ist oft Tradition in älteren Haushalten.
Gesundes Essen bei Oma und Opa? Selbst gebackener Kuchen am Nachmittag ist oft Tradition in älteren Haushalten.
© imago/Westend61

Ursprünglich wollte Rasmussen ihren Sohn ab dem ersten Geburtstag von den Schwiegereltern betreuen lassen, sobald sie wieder arbeitet. Seitdem sie und ihr Mann sie allerdings mit dem Baby erlebt haben, haben sie den Plan verworfen. „Wir haben eine nette und einfühlsame Tagesmutter gefunden“, erzählt sie. Um die Großeltern nicht ganz auszuschließen, ist geplant, dass diese ihren Enkel regelmäßig von der Tagesmutter abholen und dann noch einige Stunden betreuen. „Das ist für mich ein Kompromiss“, sagt Rasmussen.

Ich weiß, dass die beiden sich nicht aus Böswilligkeit so verhalten, sie wissen es einfach nicht besser. Trotzdem kann ich mir einfach nicht vorstellen, mein Kind längere Zeit ihrer Art der Kommunikation auszusetzen, solange es noch so klein ist.

Wiebke Rasmussen (Name geändert) über ihre Schwiegereltern

Und das ist ein wichtiger Punkt in Rasmussens Erzählung: Im Grunde ist der Hamburgerin der Kontakt zwischen Enkel und Großeltern sehr wichtig. „Ich finde es total wertvoll, wenn Kinder Kontakt zu verschiedenen Generationen haben, wenn Familiengeschichte weitergegeben wird und das Kind seine Wurzeln kennt“, erzählt sie.

Umso enttäuschender ist es für sie, dass sich alles so schwierig gestaltet. „Ich weiß, dass die beiden sich nicht aus Böswilligkeit so verhalten, sie wissen es einfach nicht besser“, sagt die junge Mutter. „Trotzdem kann ich mir einfach nicht vorstellen, mein Kind längere Zeit ihrer Art der Kommunikation auszusetzen, solange es noch so klein ist.“

Sie fühlt sich nicht wohl in der Rolle der „überkritischen Mutter“

Auch Renkes erzählt, dass sie sich in der Rolle der überkritischen Mutter ganz und gar nicht wohlfühlt. „Ich wollte nie so sein, also andere ständig ermahnen, anders mit meinem Kind umzugehen. Aber jetzt weiß ich einfach keinen anderen Weg. Ich kann doch nicht schweigen, wenn ich merke, dass sie mein Kind einfach überhaupt nicht verstehen.“

Wenn die Eltern nicht aus der Kinderrolle und die Großeltern nicht aus der Elternrolle finden, sind Konflikte vorprogrammiert.

Karola Keller, Soziologin, Paar- und Familientherapeutin in der Erziehungs- und Familienberatungsstelle des Diakonischen Werks Reinickendorf

Geschichten wie diese kennt die Soziologin Karola Keller, die als Paar- und Familientherapeutin in der Erziehungs- und Familienberatungsstelle des Diakonischen Werks Reinickendorf arbeitet, auch aus ihrer Praxis. „Richtige Kontaktabbrüche erlebe ich selten, aber dass Eltern sich über das Verhalten der Großeltern ihrer Kinder beklagen, kommt öfter vor.“

Überraschen tut sie das nicht. „Wenn Menschen Kinder bekommen, reaktiviert das oft Erinnerungen an die eigene Kindheit und Jugend“, erzählt Keller. Hat die Ablösung von den eigenen Eltern nicht gut funktioniert, fühlten 30-Jährige sich neben den eigenen Eltern dann manchmal wieder wie zwölf. „Wenn die Eltern nicht aus der Kinderrolle und die Großeltern nicht aus der Elternrolle finden, sind Konflikte vorprogrammiert.“

Eltern sollten den Großeltern gegenüber deutlich ihre Grenzen aufzeigen

Diese Konflikte können unterschiedlich heftig sein. Fühlten sich Eltern von Oma und Opa regelrecht bedrängt wie bei Katharina Renkes und würden noch dazu Absprachen nicht eingehalten, dürften Eltern deutlich ihre Grenzen aufzeigen, sagt Keller, die selbst sieben Enkelkinder hat. „Solche Großeltern haben oft nicht verstanden, dass sie in der Generationenfolge nun in der zweiten Reihe stehen und bei den Enkeln nicht mehr diejenigen sind, die die Regeln vorgeben.“

Hat die Ablösung von den eigenen Eltern nicht gut funktioniert, fühlten 30-Jährige sich neben den eigenen Eltern dann manchmal wieder wie zwölf. Aber manche Konflikte lassen sich auch lösen.
Hat die Ablösung von den eigenen Eltern nicht gut funktioniert, fühlten 30-Jährige sich neben den eigenen Eltern dann manchmal wieder wie zwölf. Aber manche Konflikte lassen sich auch lösen.
© mauritius images / Alamy / G Scammell

Ein deutliches Stopp stehe Eltern natürlich auch zu, wenn die Großeltern Gewalt verharmlosen („Ein Klaps schadet nicht“) oder sich vor den Kindern rassistisch oder diskriminierend äußern, sagt Keller. „Für so etwas muss kein Elternpaar Verständnis aufbringen, da gilt es, Grenzen zu setzen.“

Mit Vorwürfen erreicht man wenig.

Karola Keller, Soziologin, Paar- und Familientherapeutin in der Erziehungs- und Familienberatungsstelle des Diakonischen Werks Reinickendorf

Viel häufiger seien die Auslöser aber gar nicht so drastisch. Dann seien zu hohe Erwartungen und Fehler in der Kommunikation der Grund, wieso das Verhältnis angespannt ist. Keller rät, sich im Gespräch nicht von altem Groll leiten zu lassen, sondern die Grundregeln konstruktiver Kommunikation einzuhalten. „Mit Vorwürfen erreicht man wenig“, erklärt die Therapeutin.

Stattdessen sollten Eltern in der Gegenwart bleiben, Ich-Botschaften vermitteln und ihre Beweggründe erklären. Was ist mir wichtig und warum? Wie möchte ich, dass meine Kinder groß werden? „Ich kann etwa sagen, dass ich in einem bestimmten Punkt mehr Sicherheit brauche, um mein Kind mit einem gutem Gefühl bei ihnen zu lassen“, so Keller.

Eltern können Oma und Opa helfen, die Gefühle der Kinder zu verstehen

Eltern könnten auch als eine Art Dolmetscher zwischen Kind und Oma oder Opa fungieren, sagt die Therapeutin. Diese könnten dann nach und nach lernen, das Verhalten ihres Enkelkinds zu deuten. Das fange mit ganz einfachen Sätzen wie „Jetzt freut er sich“ an. Denn wer nicht geübt sei in der Kommunikation über Gefühle, müsse oft erst lernen, genau hinzuschauen.

„Schau, sie guckt ganz irritiert, ich glaube sie weiß grad gar nicht, was du von ihr willst.“ Solche Sätze, in freundlichem Tonfall vorgetragen, bewirkten viel mehr als eine Standpauke, erklärt Keller. Weil sie Denkprozesse in Gang setzten und den großelterlichen Blick schulten.

Wenn Kinder laufen lernen, soll man sie dabei nicht auf diese Weise festhalten, sagen Expert:innen. Großeltern haben davon oft noch nichts gehört und reagieren mit Unverständnis, wenn Eltern das erwähnen.
Wenn Kinder laufen lernen, soll man sie dabei nicht auf diese Weise festhalten, sagen Expert:innen. Großeltern haben davon oft noch nichts gehört und reagieren mit Unverständnis, wenn Eltern das erwähnen.
© mauritius images / Cavan Images / Lumina Images

Wie für jeden Menschen sei außerdem auch für Großeltern Kritik leichter anzunehmen, wenn sie positiv verpackt werde. Deshalb sei es wichtig, auch auszusprechen, was gut laufe, sagt Keller. „Ich freu mich so, wenn ich sehe, was ihr gerade für eine tolle Zeit habt“, könnten Eltern etwa sagen, wenn Großeltern vertieft mit dem Enkelkind spielen.

Dann gibt es bei Oma und Opa eben mehr Zucker, viel Fernsehen oder kitschige Geschenke. Nur weil ich es zu Hause anders lebe, kann ich nicht erwarten, dass auch die Großeltern das tun.

Karola Keller, Soziologin, Paar- und Familientherapeutin in der Erziehungs- und Familienberatungsstelle des Diakonischen Werks Reinickendorf

Bei schwierigen Themen könne man den Blick dann zunächst auf das richten, was schön ist. „Die Kinder haben es so gut bei euch, es gibt das leckerste Essen, den tollen Garten.“ Um dann hinzuzufügen: „Trotzdem ist da eine Sache, die mir Bauchschmerzen macht: Ich möchte, dass ihr den Kleinen immer tröstet, wenn er weint.“ Wer so kommuniziere, erzeuge nicht sofort Abwehr und Scham, sagt Keller. Eltern sollten Großeltern ihrer Meinung nach zutrauen, dass sie sich weiterentwickeln können. „Nur weil jemand alt ist, heißt das nicht, dass er nicht mehr dazulernen kann.“

Und dann ist da der Punkt mit den Erwartungen. Klar müssten Eltern nicht alles schlucken, so Keller. Aber vielleicht seien manche Dinge ja aushaltbar? „Wenn ich grundsätzlich denke, dass diese Menschen gut für mein Kind sind, dann sollte ich versuchen, eine gewisse Großzügigkeit zu entwickeln“, rät die Therapeutin.

Sehr kleine Kinder müssen Eltern mehr schützen als ältere

Denn im Grunde könnten Eltern und ihre erwachsenen Kinder ihre alten Rollen erst dann hinter sich lassen, wenn beide Seiten akzeptieren, dass die jeweils andere auch eine abweichende Haltung haben darf. „Dann gibt es bei Oma und Opa eben mehr Zucker, viel Fernsehen oder kitschige Geschenke. Nur weil ich es zu Hause anders lebe, kann ich nicht erwarten, dass auch die Großeltern das tun“, sagt Keller.

Oft wollen Omas die Babys sofort auf den Arm nehmen, egal ob das Baby will oder nicht. Hier scheint es aber ganz zufrieden zu sein.
Oft wollen Omas die Babys sofort auf den Arm nehmen, egal ob das Baby will oder nicht. Hier scheint es aber ganz zufrieden zu sein.
© mauritius images / Blend Images / Christopher Winton-Stahle

Sehr kleine Kinder müssten Eltern natürlich mehr schützen als ältere, sagt Keller. Je größer das Kind aber wird, desto mehr könnten die Eltern darauf vertrauen, dass es seinen eigenen Weg mit Oma und Opa findet. „So manches niedliche Enkelkind hat seinen distanzierten Opa schon aufgetaut.“

Kinder könnten außerdem gut verstehen, dass an anderen Orten andere Regeln gelten. Zu Hause dürfen sie auf dem Sofa hüpfen, aber bei den Großeltern nicht? Kein Problem, meint Keller. Auch hier könnten Eltern die Großeltern einbeziehen in die Kommunikation mit dem Kind. „Kannst du Emil erklären, wieso es dir wichtig ist, dass er den Spiegel nicht anfasst?“ Kinder akzeptierten es meist problemlos, wenn Opa dann sagt, dass er nun mal keine Fettflecken mag.

Spätestens ab dem Schulalter würden Kinder ohnehin immer wieder auf Orte und Menschen treffen, die ganz anders sind, als sie es von zu Hause kennen, sagt Keller. Auch auf Dinge, die ihnen nicht gefallen. „Sofern sie daheim einen sicheren Hafen haben, werden sie damit aber umgehen können.“

Das hofft auch Katharina Renkes. „Wenn unser Sohn größer wird und sich verbal wehren kann, vielleicht lasse ich ihn dann auch mal alleine bei den Großeltern. Das muss ich einfach in ein paar Jahren neu entscheiden“, sagt sie. Wiebke Rasmussen sieht es ähnlich: „Meine Hoffnung ist, dass der Kleine durch sein Leben mit uns irgendwann emotional so gefestigt ist, dass er die blöden Sprüche einordnen kann. Dann kann er immer noch selbst entscheiden, ob er Oma und Opa besuchen will oder nicht.“

Hat Keller denn noch einen Tipp, wie das Verhältnis zwischen Eltern und Großeltern besser werden kann? „Ja“, sagt die Therapeutin. „Ich rate zur Neugierde.“ Einfach mal fragen, wie Oma und Opa früher den Familienalltag gemanagt haben, was schwierig war. So erfahre man mitunter überraschende Anekdoten. „Plötzlich kommt heraus, dass manche Dinge gar nicht so streng gehandhabt wurden, wie es erwartet wurde, und dass es mit den damaligen Großeltern auch nicht immer rosig lief.“

Den Großeltern rät Keller, sich häufiger auf ihre Elternrolle zu besinnen. „Die Enkel werden ja schon durch ihre Eltern bekümmert, aber wer kümmert sich eigentlich um die Eltern?“ Die Phase mit Berufstätigkeit und kleinen Kindern sei nicht umsonst eine der anstrengendsten im Leben eines Menschen. „Was soll ich tun, wie kann ich DICH unterstützen?“ sei eine Frage, die viele Eltern gern hören würden, aber viel zu selten gestellt bekommen, findet Keller. „Oft kommt dann heraus, dass die Mutter sich gar keine Zeit ohne ihr Baby wünscht, sich aber immens freuen würde, wenn Oma kocht und Opa staubsaugt.“

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