Die Schlafplatz-Aktivisten

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WG mit Asylbewerbern : Mein Mitbewohner, der Flüchtling
Helfer. Am Oranienplatz stehen die Aktivisten der „Schlafplatzorga“, die obdachlose Flüchtlinge von der Straße holen.
Helfer. Am Oranienplatz stehen die Aktivisten der „Schlafplatzorga“, die obdachlose Flüchtlinge von der Straße holen.Foto: Sebastian Dudey

MITTWOCH, 23. JULI
Entsprechend geschafft sehen die Freiwilligen aus, als ich am Mittwochabend auf dem Oranienplatz vorbeischneie. Es ist Plenum – wenn man die vier ausgelaugten Menschen, die da auf Boden und Bänken im Kreis hocken, so nennen mag. Svetlana sitzt da, aus Serbien ursprünglich, dicke Brille, lange schwarze Haare, die langsam grau werden. Johann, der mit seiner Schiebermütze, der kurzen, zerrissenen Jeans und dem fransigen Bart aussieht, als sei er Erich Kästners „Emil und die Detektive“ entschlüpft. Nelly, 19 Jahre alt, mit schulterlangen blonden Haaren, die gerade Abitur gemacht hat. Und Fazila, die eigentlich Dozentin an der University of Lancashire in England ist und über Migration forscht. Die ihre Ferien damit verbringt, Kollateralschäden der deutschen Bürokratie zu reparieren.

Zwei Arten von Flüchtlingen gibt es, die hier täglich aufkreuzen: die Legalen, denen man auf dem Amt einen Hostel-Gutschein in die Hand gedrückt hat. Die aber von Haus zu Haus weitergeschickt werden, da die Unterkünfte entweder überbelegt sind oder die Besitzer prinzipiell keine Flüchtlinge mehr reinlassen, weil das Lageso mit seinen Zahlungen um Monate hinterherhinkt.

Und es gibt die Flüchtlinge, die es für die Berliner Behörden eigentlich gar nicht gibt. Die Illegalen. Die Illegalisierten. Es sind Flüchtlinge, deren Asylgesuch abgelehnt wurde, die nach der Dublin-Vereinbarung in ihre EU-Einreisestaaten abgeschoben werden sollen, deren Aufenthaltsrecht erloschen ist. Oder solche, die noch gar keinen Asylantrag gestellt haben. Und andere, die sich wegen der immer noch geltenden dreimonatigen Residenzpflicht gar nicht in Berlin aufhalten dürften, weil andere Bundesländer zuständig sind. Es sind Menschen, die auf dem Papier nicht in der Stadt existieren – die aber doch gerade jetzt und hier auf dem Oranienplatz stehen. Aus Fleisch und Blut. Zum Anfassen. Und ohne Schlafplatz.

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Flüchtlinge erreichen das LaGeSo in Berlin-Moabit
Flüchtlinge erreichen das LaGeSo in Berlin-Moabit

Ist es legal, illegale Menschen aufzunehmen? „Ich glaube, die Behörden sind froh, wenn wir ihren Job übernehmen“, sagt Nelly. „Abschiebungen sind für keinen schön. Weder für die Polizisten, die Beamten in der Behörde, noch für Politiker. Trotzdem bin ich gespalten: Ich will diesen Menschen helfen, ja. Aber eigentlich ist es nicht meine Aufgabe, Nothilfe zu leisten, wo die Politik versagt.“

„Hat jemand noch Geld? Wir brauchen noch acht Bahntickets“, platzt Svetlana dazwischen. Zögerlich zieht Nelly zwei Zehner aus der Tasche. Sie hat jetzt 60 Euro gut, ob sie die je wiedersehen wird, weiß sie selbst nicht. „Passt schon“, sagt sie, „ich habe am Wochenende Geld von meiner Familie bekommen.“ Seit letztem Sommer sitzen sie und die anderen hier. Fünf Tage die Woche, seit Ende August letzten Jahres viele Oranienplatz-Besetzer wieder auf die Straße verfrachtet wurden und kurzfristig Unterkünfte gefunden werden mussten. Integrationssenatorin Dilek Kolat hatte Anfang 2014 die Flüchtlinge dazu überredet, ihr Camp aufzulösen, indem sie ihnen eine „umfassende Prüfung der Einzelfallverfahren im Rahmen aller rechtlichen Möglichkeiten“ versprach. Währenddessen wurden die Antragsteller in Heimen untergebracht. Aber nur bis Ende August. Johann nennt es „das heuchlerische O-Platz-Agreement“.

Mehr Unterstützer sind es seitdem nicht geworden. Im Gegenteil. Es sind nicht viele, die durchhalten. Schön ist die Arbeit nicht. Telefonieren, an Türen klopfen, um Schlafplätze betteln für Menschen, die man selbst nicht kennt. Und doch immer wieder Flüchtlinge, die trotzdem auf der Straße bleiben. Immer die gleichen Absagen, Aufmunterungen, mitleidigen Blicke: Ist ja echt schön, was ihr macht, aber ich könnte das nicht. Ich habe Besuch. Ich hätte da ein bisschen Angst. Ich habe mich doch auch selbst hochgearbeitet. Es ist zermürbend. Nein, diese Arbeit ist wenig romantisch. Wenig von dem, was sich meine Kommilitonen ausmalen, wenn sie sich ihren künftigen Traumjob in einer NGO vorstellen. Inzwischen weiß ich das auch.

SAMSTAG, 11. JULI
Angefangen hat alles auf dieser Willkommensparty für Flüchtlinge, auf die mich Toni mitschleifte. Eigentlich wollten wir nur kurz bleiben, aber dann haben wir uns doch verquatscht, vertanzt, verstaunt. Fazila traf ich da zum ersten Mal, und Ahmad. Bis spät tanzten wir, Toni und ich und die anderen. Plötzlich war es zwei Uhr, ich wollte gehen. Ahmad und sein Kumpel auch. Wir hatten vorher ein wenig geschnackt, auf Arabisch – nicht sehr fließend – und auf Englisch. Ich studiere Arabisch, im zweiten Semester. Werde aber immer nervös, wenn sich ein vollbärtiges Mannsbild vor mir aufbaut und mich in seiner Sprache anschreit. Arabisch kann einschüchternd klingen. Nicht so bei Ahmad, diesem kleinen, drahtigen Mann mit den tief sitzenden dunklen Augen, Ziegenbärtchen, mühsam einstudierter amerikanischer Akzent. Ein bisschen, finde ich, sieht er aus wie eine Metal-Version von Timon, dem spargeldürren Erdmännchen aus „König der Löwen“. Sympathisch, überhaupt nicht furchteinflößend. Statt elegant Brust und Hüften zu schwingen wie die anderen Araber auf der Party, oder ungelenk mit Armen und Beinen zu schlackern wie die nachahmenden Deutschen, wirft er lieber seinen Kopf vor und zurück. Headbanging nennen das Metal-Fans.

Einfach Spaß haben. Unser Autor und Ahmad albern im WG-Zimmer mit dem Handy herum.
Einfach Spaß haben. Unser Autor und Ahmad albern im WG-Zimmer mit dem Handy herum.Foto: Sebastian Dudey

Wo er denn schlafen wolle, fragten wir. Am Bahnhof. Er lebte damals noch in Eisenhüttenstadt. In der Erstaufnahmeeinrichtung. Hatte syrische Freunde auf der Party getroffen. Toni und ich schauten uns an. „Kommt mit zu uns“, sagten wir gleichzeitig.

Seitdem kommt Ahmad immer wieder. Er wohnt inzwischen in einem Heim in Brandenburg, aber jede Woche besucht er uns ein paar Tage. Ausbrechen aus dem Heim-Alltag: schlafen, warten, essen – und wieder von vorne. Er ist ein guter Kumpel. Seine syrischen Freunde im Heim, warnt Ahmad uns oft augenzwinkernd, „werden mich töten, wenn ich sie schon wieder im Stich lasse. Ach, fuck off!“ Auch das sagt Ahmad oft, fast inflationär. Um authentisch zu klingen. Muss er ja, schließlich ist er Metal-Fan. Er scrollt durch seine Handy-Playlist: Metallica, Guns ’n’ Roses, Sex Pistols.

„Angefangen hat alles mit 16“, erinnert er sich. „Damals habe ich mit meinen Kumpels Green Day gehört, Papa Roach, My Chemical Romance.“ – „Krass!“, rufe ich ungläubig, „bei mir nicht anders!“ Diese Punkrock-Phase, die jeder pubertierende Jugendliche mal durchgemacht hat, oder? Aber doch nicht in Syrien!

Ahmad lacht: „Du glaubst nicht, was wir noch alles haben: Mein Bruder hatte den ersten Computer im Viertel. Wir haben gezockt bis zum Umfallen.“ „Fifa 98“ hat er da mit seinen Freunden gespielt, „Mortal Combat“, „Need for Speed 3“. Alles wie bei uns! Und jetzt alles weg.

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