Berlin : Wie aus Steinsuppe eine Leckerei wird

Mit Bilderbuchkino, Lesepaten und anderen Projekten fördert die Bürgerstiftung die Integration. Jetzt erhält sie dafür einen Preis

Daniela Martens

Der alte Wolf klopft beim Huhn an. Er hat einen Topf unterm Arm, einen Stein in der Hand und bittet um einen Platz über dem Feuer, um damit eine Suppe zu kochen. Doch nur heißes Wasser und Steine machen nicht satt. Deshalb bringen alle Tiere aus dem Dorf ein paar Zutaten – obwohl sie dem Wolf zunächst mit Misstrauen begegnen. „Und gemeinsam löffeln schließlich alle gemütlich die Suppe“, schließt Helena Stadler ihre Erzählung.

Das sei eine Integrationsgeschichte, sagt sie. Davon versteht die Leiterin der Geschäftsstelle der Bürgerstiftung Berlin etwas: Sie kümmert sich darum, dass es in Berlin etwas mehr Integration gibt. Und dabei spielt die Geschichte von der Steinsuppe ein wichtige Rolle. Denn die wird im Bilderbuchkino gezeigt, einem Projekt der Stiftung: Abfotografiert und auf Dias gebannt werden Bilderbücher in drei Schulen und einer Kita vorgeführt – für Kinder aus Migrantenfamilien und ihre Mütter. Im anschließenden Gespräch darüber lernen sie spielend Deutsch. „Vielen Kindern mit Migrationshintergrund fehlen die Bilder im Kopf, weil sie ohne Bilderbücher aufgewachsen sind.“

Im März wird die Stiftung vor allem wegen dieses Projekts mit dem „Förderpreis aktive Bürgerschaft“ geehrt. Sie „leistet Hilfe zur Selbsthilfe, indem sie Kinder und ihre Eltern zur Teilhabe motiviert und befähigt, und fördert gegenseitiges Verständnis und Toleranz“, heißt es zur Begründung. Sie sei „von großem Engagement getragen, beispielhaft konzipiert und äußerst professionell umgesetzt.“ Der Preis ist mit 10 000 Euro dotiert.

Die Arbeit der Stiftung funktioniert in etwa wie bei der Steinsuppe: Rund 250 Berliner engagieren sich, und jeder gibt, was er hat. Helena Stadler ist dabei der Chefkoch: „Ich setze die Puzzleteile zusammen.“ Wie zum Beispiel bei dem emeritierten Physikprofessor, der eine Aufgabe suchte: Helena Stadler brachte ihn mit einer Mädchengruppe zusammen, die jetzt unter seiner Anleitung für den Wettbewerb „Jugend forscht“ experimentiert. Als Sponsor konnte Stadler einen Ölkonzern gewinnen. Der Physikprofessor war über seine Frau zur Stiftung gekommen, eine der 220 Lesepaten der Stiftung, die beim Projekt „Leselust“ dabei sind. Jeden Tag lernt sie mit einem Schüler, um ihn vor dem Sitzenbleiben zu bewahren. Die Lesepaten wiederum können sich in einem besonderen didaktischen Projekt an der Freien Universität weiterbilden, in Kursen zu Stimmbildung und Vorlesetechniken. Elf Projekte betreut Helena Stadler zurzeit vom Charlottenburger Büro der Stiftung aus: den Integrativen Familiensport zum Beispiel oder die Hausaufgabenhilfe und Musikförderung für Kinder aus sozial schwachen Familien.

Die Stiftung entstand 1999, nachdem der Berliner Wolfgang Tuchscherer fast 400 000 DM gespendet hatte. „Berliner helfen Berlinern“ – so lautete der Gründungsaufruf, den unter anderen der ehemalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker unterzeichnete.

„Integration ist in Berlin eine Herausforderung und Zukunftsfrage. Wir können diese Aufgabe nicht allein dem Staat und den Schulen aufbürden“, sagt Aldo Graziani, Vorstandsvorsitzender der Stiftung. „Die Bürger müssen selbst Verantwortung übernehmen.“ Dazu biete die Stiftung eine Plattform. Ihr Ziel sei es, Bildungsperspektiven zu verbessern. „Wir helfen den Schulen dort, wo sie unzureichende Erziehung im Elternhaus allein nicht ausgleichen können.“ Beim ersten Projekt der Stiftung ging es darum, Schulverweigerern an der Jean-Piaget-Schule in Marzahn-Hellersdorf zu helfen. Heute arbeitet die Stiftung mit acht Schulen zusammen. Alle liegen in sozialen Brennpunkten. Zum Beispiel die Lenau-Grundschule in Kreuzberg, an der das Projekt Bilderbuchkino startete. „Wir schneiden die Konzepte genau auf die Bedürfnisse jeder einzelnen Schule zu“, sagt Helena Stadler.

Gerade hält sie ein wichtiges Utensil für ihr neuestes Projekt in der Hand: Ein dünnes Relief aus Plastik, etwas größer als ein DIN A4-Blatt. Einen Marabu kann man darauf erkennen, eine Giraffe und Zeichen der Brailleschrift – ein Plan des Berliner Zoos für Blinde, Teil eines ganzen Berlin-Führers für Sehbehinderte, den Jugendliche aus dem Projekt für junge Arbeitslose gerade konzipieren. Das brachte Stadler auf neue Ideen: In den nächsten Ferien will sie blinde Kinder, die oft aus behüteten Familien stammen, mit Kindern aus Problemfamilien in den Zoo schicken, ausgerüstet mit dem Plan. „Den blinden Kindern fehlt in den Ferien oft die Gesellschaft von Gleichaltrigen. Und Kinder aus sozial schwachen Familien erweitern ihren Horizont.“ Manche sind noch nie aus ihren Siedlungen herausgekommen. „Wir holen die Menschen dort ab, wo sie gerade sind“, sagt Vorstandsvorsitzender Aldo Graziani. Die Kinder, die in den Zoo fahren, dürfen das wörtlich verstehen.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben