Berlin : Wie einst im Mai

Ein Familiengottesdienst übers Alter in der Stadtmissionsgemeinde Britz

G a Bartels

Das sieht man nicht alle Tage: einen Pfarrer im Talar, der eine Handpuppe auf dem Schoß hat und mit ihr spricht. Der Pfarrer heißt Wilhelm Fingerhut, die Puppe Opa Bräsig. Zu sehen sind die beiden im Familiengottesdienst der Stadtmissionsgemeinde Britz in der Malchiner Straße. Jeden dritten Sonntag im Monat gibt’s hier einen sogenannten Life-Transfer-Gottesdienst. Das klingt nach Organspende oder Bluttransfusion, meint aber einen lockeren Familiengottesdienst mit gemeinsamem Mittagessen, der eine Brücke mitten ins Leben schlagen soll. „Viele Leute trauen sich nur zu dieser Art des Gottesdienstes her“, meint Pfarrer Fingerhut.

Der nörgelnde Opa Bräsig gehört zum Thema „Antiaging – steht unsere Gesellschaft kopf?“, das ein Team seit drei Wochen mit Sketchen, Liedern und Lesungen vorbereitet. Nur mit Mühe kann der Pfarrer die altersstarrsinnige Handpuppe überreden, zum Seniorentanz in die Kirchengemeinde zu kommen. „Da hast du Gesellschaft und Bewegung, Opa Bräsig.“

Das Alter sei eine Gabe und eine Last, sagt der Pfarrer. Die Last demonstrieren zwei Frauen aus der Gemeinde, die, als windschiefe Mütterlein verkleidet, Knittelverse über ihre Gebrechen zum Besten geben. „Einstmals im Mai, da waren wir jung. Jetzt bleibt uns nur die Erinnerung.“ Gelächter im Saal. Trotz aller Späße hat der Gottesdienst eine ernste Botschaft: Er will die Würde und die Weisheit des Alters betonen. Und das in einer Gesellschaft, in der keiner mehr alt sein will und doch immer mehr alt werden. Bibelstellen aus dem Alten Testament sind da sehr deutlich: „Vor einem grauen Haupt sollst du aufstehen und die Alten ehren.“ Oder: „Verachte einen Menschen nicht, weil er alt ist. Denn wir werden es auch werden.“

Die Erfahrungen alter Menschen seien ein Schatz, der wiederentdeckt werden müsse, sagt Pfarrer Fingerhut. Von Arbeitgebern, von jungen Menschen. Die Kirche müsse dabei helfen. „Im Kern geht’s beim Antiaging um den Versuch, das Alter durch Pillen, Cremes oder Fitness aufzuhalten, um den Verlust der Ewigkeitshoffnung“, lautet des Pfarrers überraschende These. Da ist was dran: Wer nicht an Gott und ewiges Leben glaubt, ist darauf angewiesen, Alter und Tod zu verhindern. Um jeden Preis.

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