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Wie Fußgänger Berlin erleben : „Hier wurde ich dreimal angefahren!“

Falschparker, Rüpelradler, unsinnige Poller: Wie die schwächsten Verkehrsteilnehmer den Alltag auf Berlins Bürgersteigen erleben – und Ordnungsämter reagieren.

"Ich habe noch niemals einen Mann so angeschrien", erzählte eine Mutter aus dem Lichtenberger Kaskelkiez über einen Vorfall, der sich noch wiederholen sollte. Die Frau, die hier ungenannt bleiben will, wurde in den vergangenen Jahren dreimal von Radfahrern auf dem Gehweg angefahren. In zwei Fällen direkt beim Hinaustreten aus ihrer Haustür auf den schmalen Gehweg der Pfarrstraße. Inzwischen hat sie das Gefühl, dass einige Radfahrer den Bürgersteig für einen Radweg halten, so selbstverständlich klingeln sie Fußgänger ungebremst aus dem Weg. Büroradler, hin und wieder E-Scooter, ja selbst einige Eltern mit Kindern in schweren elektrischen Lastenrädern summen vorbei. Die meisten Kinder gehen hier aber zu Fuß, denn es gibt zwei Kindergärten in der Straße.

Erlaubt ist das Radfahren auf dem Gehsteig nur Kindern bis zu ihrem zehnten Geburtstag und einem Erwachsenen als Begleitung. Ich habe Gehwegradler an der Pfarrstraße nach ihren Gründen gefragt, auch nachdem meine eigene Tochter hier angefahren wurde. Meistens kam keine Antwort, aber auch "willst du auf die Fresse?" oder "die Straße ist gepflastert". Das historische Pflaster wurde neu verlegt, sauber verfugt und ist fast rüttelfrei zu befahren.

Die Fußwege müssten Schutzräume für Fußgänger bleiben, sagt Berlins Verkehrssenatorin Regine Günther (Grüne). Das fühlt sich an der Pfarrstraße nicht so an.

Wenn es Nacht wird

Im Schutz der Dunkelheit wird besonders wild geparkt. An dieser Baustelle in der Charlottenburger Suarezstraße leider auch am Tage, wie Sandra Greiffenstern uns berichtete. "Zwei Anrufe bei der Polizei führten zu nichts!"

Foto: Sandra Greiffenstern

"Das ist der Schulweg meiner Tochter", schrieb uns eine Mutter aus dem Klausenerplatz-Kiez in Charlottenburg über das Foto ihres Kindes vor einem extra langen Lieferwagen. Ratlos ist das Mädchen stehengeblieben, denn der Daimler-Kastenwagen misst in seiner längsten Version knapp siebeneinhalb Meter und blockierte die Kreuzung an der Seeling- Ecke Nehringstraße in Charlottenburg. "Fast jeden Morgen geht das so", klagt sie. Vom Ordnungsamt, dessen App sie auf ihrem Smartphone benutzt, bekommt sie Antworten wie diese:

Sehr geehrte Dame, sehr geehrter Herr,
zu Ihrer Meldung mit der Nummer f15cld gibt es eine Statusänderung.
Status: Erledigt

Rückmeldung: Vielen Dank für Ihren Hinweis. Der von Ihnen gemeldete Sachverhalt an der genannten Örtlichkeit ist dem Ordnungsamt bekannt. Der Bereich befindet sich in der sog. Regelbestreifung. Das vielfältige Aufgabenspektrum macht jedoch eine tägliche Überwachung sämtlicher Örtlichkeiten im Bezirk leider nicht möglich. Die Außendienstkräfte werden aber auch weiterhin regelmäßig entsprechende Kontrollen durchführen. Ordnungswidrig abgestellte Fahrzeuge werden zur Anzeige gebracht.

Klar, dass die Mutter aus Charlottenburg solche aus Textbausteinen zusammengesetzte Antworten nicht zufriedenstellen. Nie erfährt sie, ob ihre Meldungen überhaupt verfolgt werden. "Mein Mann ist aus Wien und meint, der würde jeden Tag abgeschleppt. Hier schleppt niemand irgendwen ab, der Kindern den Schulweg unsicher macht."

Besonders für Kinder als schwächste und kleinste Verkehrsteilnehmer kann es tödlich enden, wenn sie nicht gesehen werden. Erst am 19. November ist eine Zehnjährige aus Pankow-Heinersdorf schwer verletzt worden, nachdem sie auf dem Schulweg bei Grün über eine Kreuzung ging. Es ist nicht bekannt, ob hier ein Falschparker die Sicht eines linksabbiegenden Lastwagens blockierte.

In Berlin haben Eltern die Initiative "Sicher zur Schule" gegründet, an der elf Grundschulen teilnehmen.

 

"Das ist der Schulweg meiner Tochter", schrieb uns eine Mutter aus dem  Klausenerplatz-Kiez in Charlottenburg über das Foto ihres Kindes vor einem extra langen Lieferwagen. Ratlos ist das Mädchen stehengeblieben, denn der Daimler-Kastenwagen misst in seiner längsten Version knapp siebeneinhalb Meter und blockierte die Kreuzung an der Seeling- Ecke Nehringstraße in Charlottenburg. Liebe Leserinnen, liebe Leser: Senden Sie Ihre Fotos von Fußwegen in Berlin an leserbilder@tagesspiegel.de!"
"Das ist der Schulweg meiner Tochter", schrieb uns eine Mutter aus dem  Klausenerplatz-Kiez in Charlottenburg über das Foto ihres...Foto: anonym

[Welche ärgerlichen und gefährlichen Stellen begegnen Ihnen auf dem Fußweg durch Berlin? Senden Sie Ihre Fotos an leserbilder@tagesspiegel.de!]

"Fast jeden Morgen geht das so", klagt sie. Vom Ordnungsamt, dessen App sie auf ihrem Smartphone benutzt, bekommt sie auch keine direkte Hilfe. Man verweise auf knappes Personal und setze den Status auf erledigt, erzählt die Mutter aus Charlottenburg. Liebe Leserinnen, liebe Leser: Senden Sie Ihre Fotos von Fußwegen in Berlin an leserbilder@tagesspiegel.de!"
"Fast jeden Morgen geht das so", klagt sie. Vom Ordnungsamt, dessen App sie auf ihrem Smartphone benutzt, bekommt sie auch keine...Foto: anonym

Man muss nicht erst mit einem Kind durch die Stadt laufen, um rücksichtsloses Falschparken - hier in Lichtenberg - zu bemerken.

Anzeigen haben stark zugenommen

Immer mehr Fußgänger nehmen diese Situation nicht mehr hin. Die Berliner Polizei registrierte bei der Bußgeldstelle zuletzt eine stark gewachsene Anzahl von Anzeigen, die per E-Mail oder App eingingen. Im September 2019 waren es 2.176. Noch ein knappes Jahr zuvor, im Oktober 2018 gingen nur 824 Anzeigen ein. Mehr als die Hälfte der eingeleiteten Verfahren ende mit einer Bußgeldzahlung, so die Polizei.

[Verkehr und Sicherheit sind immer wieder Themen in unseren Leute-Newslettern aus den Berliner Bezirken. Hier gibt's die Newsletter für alle zwölf Bezirke kostenlos: leute.tagesspiegel.de]

Foto: Henning Onken

Nicht einmal vor Schulen werde Rücksicht genommen, meint Christian Berlin. Vor der Hunsrück-Grundschule an der Manteuffelstraße in Kreuzberg blockieren Falschparker auch die Fußgängerüberwege. Die Schülerinnen und Schüler können nicht mehr sicher über die Straße. Verschärft wird das Problem, weil Radfahrer hier von der verstopften Straße verbotenerweise auf die Gehwege wechseln. "Auch die bisherigen Schwerpunktaktionen des Ordnungsamtes haben nicht geholfen", meint unser Leser. Wenn überhaupt etwas passiere, erhielten einzelne Fahrzeuge ein Knöllchen.

Nicht einmal vor Schulen werde Rücksicht genommen, meint  Christian Berlin. Vor der  Hunsrück-Grundschule an der Manteuffelstraße in Kreuzberg blockieren Falschparker auch die Fußgängerüberwege. Die Schülerinnen und Schüler können nicht mehr sicher über die Straße. Verschärft wird das Problem, weil Radfahrer hier von der verstopften Straße verbotenerweise auf die Gehwege wechseln. "Auch die bisherigen Schwerpunktaktionen des Ordnungsamtes haben nicht geholfen", meint unser Leser. Wenn überhaupt etwas passiere, erhielten einzelne Fahrzeuge ein Knöllchen.
Nicht einmal vor Schulen werde Rücksicht genommen, meint  Christian Berlin. Vor der  Hunsrück-Grundschule an der Manteuffelstraße...Foto: Christian Berlin

An der Petersburger Straße in Friedrichshain sind sehr viele Parkflächen: Auf dem Mittelstreifen zu beiden Seiten der Straßenbahnschienen, auf den Seitenstreifen und in den Stichstraßen. Überall abgestellte Autos. Trotzdem reicht es nicht. Regelmäßig werden auch die Kreuzungsbereiche zugestellt, wie hier an der Ebelingstraße. "Da bleibt einem nur die Wut!", meint Thomas Scharfstädt über die beidseitig zugeparkte Kreuzung. "Ordnungsbehörden gibt es hier in Friedrichshain keine!"

Vergeblich hatte Scharfstädt einen Autofahrer auf sein rücksichtsloses Verhalten angesprochen und auf Einsicht gehofft. Auf ein wenig Rücksicht gegenüber Kindern, die sich auf dem Schulweg zwischen den Falschparkern hindurch auf die uneinsehbare Straße schlängeln müssen. Und dabei von Autofahrern kaum gesehen werden. Menschen mit Gehhilfen sind gefährdet. Oder Eltern, die mit Kinderwagen schließlich ein Stück weit auf die Hauptverkehrsstraße ausweichen müssen, um über die Kreuzung zu kommen.

Gehweg wird zum Parkstreifen am Leipziger Platz

Foto: Thomas Scharfstädt

"Man kann also in Berlin vor den Augen von Polizisten auf dem Gehweg parken, ohne irgendwelche Konsequenzen zu befürchten?" Das fragt sich Petra van der Wielen angesichts dieser Bilder vom Leipziger Platz.

Foto: Petra van der Wielen

Ein Streifenwagen ist van der Wielen auch schon mal aufgefallen. Man habe keine Befugnis, Strafzettel zu verteilen, hätten die Beamten ihr mitgeteilt. Das Ordnungsamt sei zuständig.

Foto: Petra van der Wielen

Kein Parkplatz? Einfach rauf auf den Gehweg! Dan von Medem sieht in der Manteuffelstraße auch immer wieder Falschparker in zweiter Reihe. Störende Poller werden, so Medem, "von rabiaten Autofahrern einfach beseitigt".

Foto: Dan von Medem

Ebenfalls in der Manteuffelstraße: Zwei Poller liegen am Boden, daneben ein Falschparker auf einer Baumscheibe.

Foto: Dan von Medem

An der Muskauer Straße sind ein paar Meter unverpollerter Gehweg genug für dreiste Parker.

Gehwege werden kaum repariert

Foto: Dan von Medem

"Die Hinweisschilder auf Gehwegschäden sind in Berlin so häufig und so beständig, dass sie meist nicht mehr bewusst wahrgenommen werden", schreibt uns Wolfgang Pohl. "Vor kurzem hat sich das zumindest für Teile von Friedenau geändert."

Foto: Wolfgang Pohl

Im südwestlichen Friedenau haben Pohl und die Seniorenvertretung Tempelhof-Schöneberg "auf wenigen Straßen 120 Schilder gefunden", schreibt er. "Was läuft da schief?"

Foto: Wolfgang Pohl

Manchmal tut sich was: An der Handjerystraße mussten Passanten unverständlicherweise an diesen Pollern vorbei.

Foto: Wolfgang Pohl

Die sind jetzt weg, dank des Engagements von Bürgern wie Wolfgang Pohl.

Foto: Wolfgang Pohl

Unnötig und besonders für Gehbehinderte ärgerlich sind solche Blockaden.

Fußgänger wehren sich mit Schildern gegen Gehwegradler

Foto: Michael Schmuck

Vom Hauseingang auf den Gehweg zu treten, ist leider nicht überall ungefährlich. Wie selbstverständlich ignorieren Rüpelradler die Verkehrsregeln und fahren auf dem Bürgersteig - hier an der Kernhofer Straße in Lichtenberg.

Foto: Henning Onken

Eine Fahrbahnmarkierung in der Kreuzberger Bergmannstraße lädt leider nur Falschparker ein.

Foto: Ingo Salmen

Warum genehmigt der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg diese Litfaßsäule? Das fragt sich Johannes Bolz. Tatsächlich können Autofahrer kaum erkennen, ob Fußgänger die Gitschiner Straße an der Ecke Segitzdamm queren wollen. Die Sichtbeziehung ist erheblich gestört. Die Gitschiner Straße wird so stark befahren, so dass Autofahrer häufig "mit Schwung" abbiegen, um in eine kleine Verkehrslücke zu sprinten.

Foto: Johannes Bolz

Ein herbstliches Hindernis an einem Zebrastreifen der Lehrter Straße in Moabit.

Foto: Andreas M. Herschel

"Die Hornstraße in Kreuzberg ist eine Spielstraße – aber nicht mehr für Kinder", schreibt uns Torsten Blatt. "Hier spielen die Erwachsenen Parkhaus und stellen alles zu. Das Ordnungsamt hat weitgehend aufgegeben und verteilt nur noch gelegentlich seine läppischen Knöllchen, die die meisten hier sicher schon einkalkuliert haben. Ein Abschleppwagen (oder Feuerwehrauto) käme hier wahrscheinlich gar nicht mehr um die enge, zugeparkte Kurve."

Foto: Torsten Blatt

Der Zugang zum S-Bahnhof Rummelsburg wird stark von Radfahrern frequentiert. Kaum jemand steigt hier ab, obwohl der Weg auf die andere Seite einen uneinsehbaren Knick macht.

Foto: Henning Onken

Dreiste Gehwegparker, Mülltonnen, Cafétische - so sieht's häufig aus auf dem Bürgersteig der Boxhagener Straße in Friedrichshain.

Foto: Henning Onken

Dieses (inoffizielle) Schild an der Lichtenberger Pfarrstraße gilt den vielen Gehwegradlern, die rücksichtslos Fußgänger gefährden. Und einfach nicht wahr haben wollen, dass sie auf der Straße zu fahren haben.

Foto: Henning Onken

An Baustellen wird häufig so eng geparkt, dass selbst Kinder kaum noch durchkommen - hier an der Kaskelstraße in Lichtenberg.

Foto: Henning Onken

Prioritäten an einer Baustelle der Schönhauser Allee: Zwischen Fahrradweg und Cafétischen sind Fußgänger oft nicht vorgesehen.

Foto: Heike Kaupp

Einmal über die Straße, Baum umarmen und zurück. Was sonst könnte der Zweck sein hinter dieser Markierung am Südwestkorso in Wilmersdorf?

Foto: Lutz Pietschker

Am Südwestkorso in Friedenau werden die Kreuzungsbereiche ähnlich häufig zugeparkt wie im Rest der Stadt. "Wenn dann noch ein SUV da steht, sind Kinder und kleinere Menschen nicht oder kaum zu erkennen", schreibt uns Wolfgang Pohl. "Offensichtlich haben Eltern der Ruppin-Grundschule zur Selbsthilfe gegriffen und versucht, den Schulweg auf dem Südwestkorso [durch Markierungen] sicherer zu machen."

Foto: Wolfgang Pohl

Fahrradbügel gibt es oft viel zu wenige, doch manchmal werden sie an ungünstigen Orten angebracht. Unser Leser Krämer aus Steglitz kommt an der Kreuzung Baseler Ecke Hans-Sachs-Straße nicht mehr über die Straße - überall Fahrräder.

Foto: Krämer

Würden Sie hier Ihre Kinder über die Straße schicken? Fußgänger müssen sich an der Clayallee Ecke Pücklerstraße zwischen Dahlem und Schmargendorf vorsichtig anpirschen und zurückspringen, falls ein Auto heranrauscht. Häufig stehen hohe Anhänger von Lastern oder Container direkt an der Kreuzung, einige von ihnen monatelang. Das führt zu vielen gefährlichen Situationen zwischen allen Verkehrsteilnehmern: Autofahrer, Fußgänger und Radfahrer sehen sich hier erst im allerletzten Moment.

Foto: Daniel Schneider

Tja, wo geht's nun lang zur anderen Straßenseite? Die Kreuzung an der Siegfriedstraße Ecke Rolandstraße in Niederschönhausen ist mal wieder zugeparkt, wie so oft. Fußgänger müssen sich irgendwo zwischen den Autos durchquetschen. Rollstuhlfahrer und Eltern mit Kinderwagen suchen nach einem Stück abgeflachten Bürgersteig mit genug Platz zwischen den Stoßstangen. Besonders gefährlich wird es für Kinder unter zehn Jahren, die mit ihren Rädern noch auf dem Bürgersteig unterwegs sind. Für den fließenden Verkehr sind sie nicht zu sehen, bevor sie in einer Lücke zwischen den Falschparkern auf die Fahrbahn kommen.

Foto: Michael Stoyke

"Durchgang – 5 m freihalten!" Am Gierkeplatz in Charlottenburg hatte ein Anwohner Bemerkungen wie diese gegen Falschparker auf die Straße gesprüht. Es half wenig, wie uns Kurt Blank-Markard schreibt.

Foto: Kurt Blank-Markard

"Seit 20 Stunden gefährdet dieser SUV hunderte Fußgänger", schrieb unser Redakteur Jörn Hasselmann auf Twitter. Er rief Polizei und Ordnungsamt an, doch man stellte dem Falschparker in Charlottenburg nur ein Knöllchen über zehn Euro aus. Am Abend war der Mercedes immer noch da. Die mangelnde Rücksichtnahme nervt besonders Familien mit kleinen Kindern, die bei jeder Straßenüberquerung besonders auf ihre Kinder achtgeben müssen.

Welche ärgerlichen und gefährlichen Stellen begegnen Ihnen auf dem Fußweg durch Berlin? Senden Sie Ihre Fotos an leserbilder@tagesspiegel.de!

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