Angst vor herrenlosen Gepäckstücken

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Wie gefährlich ist Berlin? : Ohne Angst durch die Stadt
Bombe oder bloß vergessen? In Zeiten von Terroranschlägen sind wir schnell alarmiert.
Bombe oder bloß vergessen? In Zeiten von Terroranschlägen sind wir schnell alarmiert.Foto: dpa

Angst vor herrenlosen Gepäckstücken: Woher kommt die Angst?

Die Vorsicht ist gelernt: Schreckensbilder von vertrauten und nicht allzu fernen Orten wie Paris, Nizza oder Brüssel sind uns im Kopf geblieben. 2016 erreichte der Terror in Form eines Menschen niederwalzenden Lkws auch Berlin. „Mediale Hiobsbotschaften lassen sich nicht ausblenden“, erklärt Peter Walschburger, Biopsychologe an der Freien Universität Berlin. Zwar war bei keinem der genannten Anschläge ein Sprengsatz in einem irgendwo abgestellten Beutel oder Rucksack versteckt, dennoch kennen wir Beispiele von Kofferbomben und verlinken herrenlose Gepäckstücke gedanklich schnell mit Gefahr. „Spätestens, seit der damalige Verteidigungsminister Thomas de Maizière 2010 eine offizielle Terrorwarnung ausgesprochen hat und die latente Bedrohung seither wiederholt öffentlich bestätigte, sind wir und unser Hirn sogar ausdrücklich dazu aufgerufen, wachsam zu sein.“ Es kann ja jederzeit und überall passieren. Wir fühlen uns der Bedrohung hilflos ausgeliefert.

Ist die Angst begründet?

Jeden Tag werden allein in Bussen und Bahnen der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) rund 60 Gepäckstücke gefunden. Meistens folgt daraus allenfalls ein persönliches Ärgernis für denjenigen, der es vergessen hat. Knapp 400 Mal rückte im Jahr 2016 die Entschärfer-Einheit des Landeskriminalamts aus. Standardmäßig entpuppt sich der Inhalt verdächtiger Gegenstände jedoch als ausgesprochen banal – Lebensmittel, Kleidung, Altglas. Die wenigen Ausnahmen, bei denen tatsächlich explosives Material festgestellt wird, verzerren das subjektive Sicherheitsempfinden. Statistisch gesehen ist das Risiko, Opfer eines Terroranschlags zu werden, um ein Vielfaches geringer als das, tödlich im Haushalt zu verunglücken.

Was tun gegen die Angst?

Einige wechseln schlicht den Waggon. Ginge von einem Objekt tatsächlich Gefahr aus, wäre das natürlich unverantwortlich. Matthias Lehmann von der Polizeidirektion Berlin empfiehlt deshalb: „Erstmal in die Runde fragen, ob jemandem der Koffer gehört. Manche stellen ihr Gepäck am Eingang ab und setzen sich fünf Meter weiter hin.“ Womöglich haben Mitreisende eine alten Dame beobachtet, die die Tasche in der Eile des Umsteigens stehen lassen hat. Gibt es keine spontane Erklärung, sollten Fahrgäste an der nächsten Haltestelle vorsorglich das Bahnhofspersonal ansprechen oder per Handy die Polizei informieren. Über Notrufsäulen in den U-Bahnhöfen nimmt die Zentrale der BVG Hinweise entgegen. Die Polizeidirektion rät ausdrücklich davon ab, Gegenstände selber zu bewegen. Ist eine Tragetasche offen, darf aber durchaus ein Blick riskiert werden – der vielleicht eine schnöde Sammlung Pfandflaschen offenbart. Handeln ist zuweilen also durchaus richtig. Der Psychologe Walschburger meint: „Es kommt für jeden Einzelnen von uns darauf an, dass wir die Mitte finden zwischen einer gleichgültigen, indifferenten Haltung und einer alarmistischen, kopflosen, affektdominierten Reaktion.“

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