Wie gefährlich ist Berlin? : Ohne Angst durch die Stadt

Für viele ist Angst ein ständiger Begleiter. Für die Politik ein mächtiger Feind. Denn wie soll man ankommen gegen ein Gefühl? Polizei, BVG und Planer arbeiten zusammen daran, Berlin sicherer zu machen. Eine Daueraufgabe.

Bestimmte Ängste in der Großstadt kennt wohl jeder. Aber wie gefährlich ist sie wirklich?
Bestimmte Ängste in der Großstadt kennt wohl jeder. Aber wie gefährlich ist sie wirklich?Foto: dpa

Und dann packt dich die Angst. Weil der Typ, der dir da entgegenkommt auf menschenleerer Straße, mit der Entschlossenheit einer Planierraupe auf dich zuläuft. Weil du sein Gesicht nicht sehen kannst unter der Kapuze. Weil er wirkt, als sei er auf Ärger aus.

Und dann packt dich die Angst, und dein Herz schlägt bis zum Hals, als du hörst, wie sie die Bierflaschen an den Wänden der U-Bahn-Haltestelle zersplittern lassen, wie sie lachen und grölen, und dann hörst du sie sagen, Alter, guck’ mal, der sitzt da hinten ganz allein!

Und dann stockt dir der Atem, als du bemerkst, dass der Rucksack da auf dem Platz neben dir im Intercity schon seit einer Stunde niemanden mehr interessiert hat. Du spürst, wie du dich verspannst. Aber was machen?

Angst kann krank machen

Überall kann sie einen überwältigen, die Angst – und zu jeder Zeit. Wie die Stadt der Ort aller Möglichkeiten geworden ist, so ist sie auch der Ort, an dem man aus dem Nichts heraus zu schwerem Schaden kommen kann. Weil ein Schläger Geld braucht. Weil ein Irrer hinter dir auf der Treppe Lust hat, dich zu treten. Weil einer, der sich für einen „heiligen Krieger“ hält, mit seinem Hass deinen Weg kreuzt. So ist die Angst zum Politikum geworden: Die Forderung nach „mehr Sicherheit“ ist nichts anderes als die Forderung, in bestimmten Situation und an bestimmten Orten keine Angst (mehr) haben zu müssen. Für die Politik ist der Umgang mit dem diffusen Gefühl dieser Unsicherheit eine Daueraufgabe, ein endloses Bemühen, dem Irrationalen mit vernünftigen Entscheidungen zu begegnen.

Angst kann krank machen. Als Krankheit betrifft sie Menschen mit Angstzuständen – und die Kassen, die deren Therapeuten bezahlen. Sie betrifft Städter mehr als Landbewohner. Weil es in den Städten mehr Angstursachen gibt – und mehr Therapeuten. Fachleute verweisen auf ein unauflösbares Ursache-Wirkung-Problem: Stand am Anfang die Angst – etwa: zu versagen – und dann gab es zum Glück das therapeutische Angebot? Oder war da ein diffuses Unwohlsein im eigenen Leben – und ein Therapeut, der eine Angststörung identifiziert?

Angst ist ein Wirtschaftsfaktor

Eine große Krankenkasse hat als Trend in den vergangenen zehn Jahren die Ängste der Studenten ermittelt. Haben die heute nicht alle Chancen, die man sich wünschen kann? Jobmöglichkeiten, die Aussicht auf eine optimale Work-Life-Balance und Karriere nach Maß? Immer mehr fürchten offenbar, in einem System zu versagen, das ein optimiertes Dasein zu fordern scheint.

Angst ist ein Wirtschaftsfaktor, wenn sie Menschen davon abhält, an einen Ort zu fahren, der sie interessiert. London, Paris, Brüssel, Berlin als Anschlagsorte – die Berliner Tourismusfachleute haben nach der Serie der Terrortaten einen Rückgang im Interesse der Stadttouristen ausgemacht. Sie betraf Besucher aus Asien; ein gutes Viertel sagte laut einer Umfrage eine Europareise ab.

Jetzt aber ist die Nachfrage wieder auf dem alten Niveau. Der Berliner Robustheit sei Dank. Dass die Bewohner der Stadt sich nach dem Anschlag auf dem Breitscheidplatz nicht vom Shoppen und Feiern und Flanieren abhalten ließen, kommunizierte sich bis nach Asien. Keine leeren Plätze, keine verödeten Einkaufsstraßen, keine sichtbare Angst: Auf die Bilder komme es an, sagt ein Tourismusfachmann.

Berlin – offene Stadt. Vor ein paar hundert Jahren waren Städte mit ihren Mauern und ihren bewachten Zugängen Bastionen gegen die Angst. Die Gefahr sollte draußen bleiben, in den Wäldern, wo die Gesetzlosen hausten und anderen die Kehle durchschnitten für das bisschen Geld, das die in der Tasche hatten. Heute sind die Städte offen für alle, die Guten wie die Schlechten.

Raumangst wurde in Berlin erfunden

Doch es gibt keine typische Angst der Städter, nur eine Rangfolge der Ängste. Sie hängt ab von dem, was die Menschen wahrnehmen. Das Fahren in der U-Bahn kann krank machen oder der Gang über einen weiten, leeren Platz – die Raumangst. Sie wurde in Berlin erfunden. Der Nervenarzt Professor Carl Westphal veröffentlichte 1871 im „Archiv für Psychiatrie“ einen Aufsatz, der so begann: „Seit mehreren Jahren haben sich wiederholt Kranke mit der eigenthümlichen Klage an mich gewandt, dass es ihnen nicht möglich sei, über freie Plätze und durch gewisse Straßen zu gehen und sie aus Furcht vor solchen Wegen in der Freiheit ihrer Bewegungen genirt würden.“

Diese Menschen waren vermutlich bei Professor Westphal richtig. Wie alle, die an einer krankmachenden Angst leiden, bei einem Arzt oder Psychotherapeuten richtig sind.

Das andere sind die Alltagsängste: die nicht akuten, doch präsenten Befürchtungen, dass einem in der großen Stadt etwas Schlimmes zustoßen könnte. Diese Ängste spiegeln die Gegenwart – das, was wir als Gesellschaft wahrnehmen, direkt oder über die Medien.

Berliner sind abgebrühter als andere

Eine deutsche Versicherung untersucht die Ängste der Deutschen im Jahresrhythmus. Die Rangliste 2017 liest sich wie ein Überblick über die aktuellen politischen Themen: 71 Prozent der Deutschen hatten 2017 Angst vor Terrorismus. Es folgten die Angstmacher Extremismus, Spannungen durch Zuzug von Ausländern, Kosten für Steuerzahler durch EU-Schuldenkrise, Schadstoffe in Nahrungsmitteln, Überforderung der Deutschen und/oder der Behörden durch Flüchtlinge und Naturkatastrophen.

Die Berliner sind der Umfrage zufolge erheblich abgebrühter als der deutsche Durchschnitt. Hier haben gerade 56 Prozent Angst vor einem Terroranschlag – trotz des Massenmordes auf dem Breitscheidplatz im Dezember 2016. Umgekehrt fürchten die Berliner mehr als der deutsche Durchschnitt und mehr als alles andere „Spannungen durch den weiteren Zuzug von Ausländern“: Alltags-Angst als Spiegel der Alltagserfahrung.

Wie sehr das zutrifft, zeigt sich an einer Frage: Erinnert sich noch jemand an Anthrax? Kurz nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 machte eine Serie von Briefen mit einem weißen Pulver den Amerikanern Angst. Auch in Berlin wurden solche Briefe gesichtet und führten zu Großeinsätzen der Polizei. Alles längst vergessen.

Schläger suchen sich schwache Opfer

Nicht verschwunden, aber schwächer geworden ist die Angst der Deutschen, zum Opfer eines Verbrechens zu werden. Die Langstrecken-Kurve der Ängste vor einem Raubüberfall, einem Einbruch oder einem Betrug sinkt seit den 90er Jahren kontinuierlich: von rund 40 Prozent auf knapp 30. Frauen haben davor deutlich mehr Angst als Männer (36 zu 23 Prozent): Angst als Spiegel der Wirklichkeit. Schläger sind nun mal öfter männlich, und viele suchen sich gern schwächere Opfer.

Mehr Polizei, mehr Ermittlungserfolge, Sicherheitsleute bei jedem Event – der Kampf gegen die Angst ist ein endloser. Fachleute aller Art arbeiten gegen die Alltagsangst, Präventionsexperten der Polizei, Spezialisten der Verkehrsbetriebe. Keine verwinkelten Ecken in den U-Bahnhöfen, das sei ein Ziel, sagt BVG-Sprecherin Petra Reetz. Ein anderes: auf dem Weg hinunter soll man die Treppe am Ende des Bahnsteigs sehen, den Fluchtweg. Für die Polizei berät Ingrid Hermannsdörfer Bauplaner, wie man öffentliche Räume sicherer gestalten kann. Eine ihrer Thesen: „Licht, Übersichtlichkeit, Behindertengerechtigkeit, Aufenthaltsqualität und Nutzbarkeit für viele unterschiedliche Nutzergruppen. Wenn eine Gruppe einen Raum dominiert, verunsichert das viele.“ Siehe der Alexanderplatz am Abend mit den Party-Kids, von denen manche gern Ärger machen.

Hermannsdörfer sagt auch: „Wir würden uns wünschen, noch mehr schon im Vorfeld oder in der ersten Phase von Planungen einbezogen zu werden und nicht erst, wenn bereits Probleme aufgetreten sind und nachgebessert werden muss. Der polizeiliche Blick kann den Planerblick sinnvoll ergänzen.“

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Die angstfreie Stadt wirkt bei allen Bemühungen wie ein unerreichbares Ideal. Im Hintergrund bleibt die Angst immer dabei. Es hilft nur, sie selbst zu beherrschen.

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