Berlin : Wiesen und Niesen

15 Millionen Deutsche leiden an Heuschnupfen – aber nur zehn Prozent werden optimal behandelt. Gehören Sie dazu? Antworten auf diese und andere Fragen von A wie Allergen bis P wie Pollenflug

Sebastian Leber

Was ist Heuschnupfen? Und warum juckt das so?

Es ist ein tragisches Missverständnis: 15 Millionen Deutsche müssen jedes Jahr leiden, weil ihr Körper harmlose Pollen für gefährliche Fremdkörper hält. Allein in Berlin werden in den nächsten Monaten mehr als 600 000 Menschen über Juckreiz, laufende Nasen oder entzündete Bindehaut klagen. Die Pollen von Erle und Haselstrauch fliegen schon, im April wird es richtig schlimm: Dann blüht die Birke. Bis zu 10 000 mikroskopisch kleine Samen befinden sich an Hochtagen in der Luft – pro Kubikmeter! Gelangen sie an die Schleimhaut des Menschen, und werden sie dort als Krankheitserreger eingestuft, schüttet der Körper den Botenstoff Histamin aus. Der löst gleich eine ganze Reihe von Reaktionen aus: Er regt die Schleimproduktion in Nase und Augen an, um die Erreger auszuschwemmen. Er weitet die Blutgefäße und macht sie durchlässiger, damit weiße Blutkörperchen, die „Körperpolizei“, schneller zum vermeintlichen Krankheitserreger transportiert werden können, um ihn unschädlich zu machen. Das führt zu Hautrötungen und Quaddelbildung. Gleichzeitig reizt das Histamin aber auch Nervenfasern – es juckt.

Habe ich das?

40 Prozent aller Betroffenen wissen gar nicht, dass sie an Heuschnupfen leiden. Viele Baumarten setzen ihre gesamten Pollen in kurzen Abständen frei, die Hauptblütezeit der Esche etwa dauert nur zwei Wochen. Also halten Kranke ihre zeitlich begrenzten Beschwerden leicht für eine Erkältung oder Grippe. Die wichtigsten Unterschiede in der Symptomatik: Halsschmerzen und Schluckbeschwerden treten bei Heuschnupfen höchstens schwach auf, Fieber hat man gar nicht. Verlässliche Auskunft gibt der Prick-Test beim Allergologen, bei dem Kleinstmengen potenziell allergieauslösender Substanzen in den Unterarm gepiekst werden und die Reaktion der Haut beobachtet wird. Die Krankenkassen zahlen.

Warum ausgerechnet ich?

Die Wissenschaft hat bis heute keine Erklärung, warum der eine auf Birken, der andere auf den Korbblütler Beifuß allergisch reagiert. Und warum die Pollen von Kiefern, Fichten und anderen Nadelbäumen überhaupt keine Reaktionen auslösen, obwohl sie ebenfalls in großen Mengen durch die Luft fliegen. Es gibt aber Anhaltspunkte, dass die Empfindlichkeit auf Allergene allgemein zunimmt. Schuld daran soll die Belastung der Umwelt sein: Einerseits gelangen durch die Verbrennung von Erdöl und Erdgas – aber auch durch Zigarettenrauch – bestimmte Kohlenwasserstoffe in die Luft, die Pollen zersetzen und deren allergieauslösende Substanzen freisetzen. Andererseits können Stoffe in Kleidung und Nahrungsmitteln ganzjährige Allergien auslösen, die spätere Pollenallergien begünstigen. Und: Es kommen neue Pflanzen hinzu. Der Korbblütler Ambrosia stammt aus Nordamerika und breitet sich nun in Europa aus. Letztes Jahr haben Berliner Messstationen zum ersten Mal in größerem Umfang Ambrosia-Pollen gezählt. Die Pflanze blüht erst im September und Oktober, für Patienten mit Mehrfachallergien wird so die Leidenszeit verlängert.

Was kann ich selber tun?

Wer seinen Alltagsablauf umstellt, kann den Kontakt mit Allergenen in den kritischen Wochen deutlich reduzieren – allerdings auf Kosten seiner Bewegungsfreiheit. Spaziergehen ist nur während oder kurz nach Regen unproblematisch.

Im Auto bleiben Schiebedach und Fenster besser zu. Seit den 90er Jahren haben die meisten Autos Pollenfilter. Die wirken aber nur, wenn man sie alle 15 000 Kilometer austauscht. Und: Sie sollten aus Fleece sein, nicht aus Papier. Den neuen Filter gibt es ab 30 Euro.

Tagsüber getragene Kleidungsstücke sollte man auf keinen Fall im Schlafzimmer ablegen. Außerdem raten Ärzte, sich jeden Abend die Haare zu waschen. Es gibt Staubsauger mit eingebautem „Hepa“-Filter, was für „High Efficiency Particulate Arrest“ steht. Schwebstoffe werden damit wirksam abgegriffen, alle großen Hersteller vertreiben inzwischen solche Geräte, die Preise sind denen herkömmlicher Staubsauger ähnlich.

Die Fenster dürfen nur zu bestimmten Zeiten geöffnet werden: auf dem Land am besten abends ab 19 Uhr, weil morgens und vormittags die Pollenausschüttung am größten ist. In der Stadt ist es genau ungekehrt: Wegen der höheren Temperaturen und der speziellen innerstädtischen Thermik zirkulieren die Pollen tagsüber und abends in der Luft – die Fenster sollten nur morgens zwischen sechs und acht Uhr geöffnet werden.

Auch den Urlaub können Allergiegeplagte klug planen. In Deutschland ist die Pollenbelastung auf Helgoland, Borkum und Sylt sowie in den Alpen ab einer Höhe von 1500 Metern gering. Wer außerhalb Deutschlands Urlaub machen will: Im Mittelmeerraum blühen Gräser, Bäume und Getreide früher, in Skandinavien und Großbritannien später. In Südwesteuropa, im südlichen Mittelmeerraum und auf den Kanaren gibt es praktisch keine Birkenpollen. In Skandinavien ist die Belastung durch Kräuterpollen gering.

Was ist, wenn ich nichts unternehme?

In 30 Prozent aller Fälle, in denen Heuschnupfen über Jahre nicht behandelt wird, entwickelt der Betroffene Asthma-Symptome: Die Entzündung weitet sich auf die unteren Atemwege aus, die Lungenschleimhaut schwillt an, zähflüssiger Schleim verstopft die Bronchien und erschwert dauerhaft das Ausatmen.

Was ist bei Kindern zu beachten?

Besonders schädlich ist für Kinder das Einatmen von Tabakrauch. Nichts reizt die Schleimhäute mehr: Bei Entzündungen können Allergene leichter ins Gewebe eindringen und Allergien auslösen.

Welche Medikamente wirken wie gegen Heuschnupfen?

Die Stiftung Warentest hat gerade das Buch „Allergien. Diagnose, Vorbeugung, Behandlung“ veröffentlicht. Darin bewertet sie Medikamente zur Symptomlinderung – und warnt vor Nasentropfen, die üblicherweise gegen Schnupfen oder Nebenhöhlenentzündungen eingesetzt werden. Diese sind nur für kurze Erkrankungen gedacht, können schon nach sieben Tagen zu dauerhaften Schäden an der Nasenschleimhaut führen. Ähnliches gilt für Augentropfen: Mittel mit den Wirkstoffen Naphazolin oder Tetryzolin trocknen bei längerer Anwendung die Augenschleimhaut aus, die Bindehaut entzündet sich dann erst recht.

Empfehlenswert sind dagegen Sprays und Tropfen mit Cromoglicinsäure oder Nedocromil – möglichst schon zwei Wochen vor Beginn der Blütezeit. Beide Wirkstoffe sind so genannte Mastzellstabilisatoren, die Molekülverbindungen docken an den Membranen von histaminproduzierenden Zellen an. Sie machen die Zellwände undurchlässig und verhindern so die Ausschüttung des Botenstoffs.

Anders wirken Antihistaminika: Sie blockieren die Rezeptoren der Zellen, die auf bereits freigesetztes Histamin mit Gefäßweitung oder Schleimproduktion reagieren. Deshalb eignen sich Antihistaminika zur Linderung akuter Symptome – und können auch parallel zu Mastzellstabilisatoren eingenommen werden. Die Stiftung Warentest empfiehlt Augentropfen und Nasensprays mit den Wirkstoffen Cetirizin, Loratadin, Desloratadin und Levocetirizin. Die beiden letzten sind verschreibungspflichtig.

Wie werde ich den Heuschnupfen langfristig wieder los?

Die wirksamste Bekämpfung des Heuschnupfens ist die Immuntherapie. Über einen Zeitraum von zwei bis fünf Jahren werden dem Patienten kleinste Mengen des Allergens unter die Haut gespritzt, zunächst wöchentlich, später nur noch einmal pro Monat. Durch die regelmäßige Zuführung des Allergens wird die Produktion der sogenannten regulatorischen T-Helferzellen angeregt. Das sind besondere weiße Blutkörperchen, die nicht etwa für die Bekämpfung von Fremdzellen zuständig sind, sondern im Gegenteil andere T-Helferzellen davon abhalten, harmlose Stoffe anzugreifen. Durch die langsame Dosissteigerung bleiben die Nebenwirkungen meist auf Hautreizungen oder Müdigkeit beschränkt. Aufgrund der Langwierigkeit empfiehlt sich die Immuntherapie aber nur bei Patienten mit ausgeprägten Symptomen. Bei 80 Prozent geht der Heuschnupfen dauerhaft stark zurück oder verschwindet ganz.

Eine neuere Behandlungsform ist die sublinguale Therapie: Das Allergen wird nun nicht mehr gespritzt, sondern täglich in einer Lösung unter die Zunge geträufelt. Erste Studien belegen eine vergleichbare Wirkung. Beide Therapiearten werden von der Krankenkasse bezahlt.

Wo finde ich in Berlin Hilfe?

Das Allergie-Centrum der Charité (Luisenstraße 2 in Mitte) bietet regelmäßig Sprechstunden an. Termine gibt es unter Telefon 450 51 80 58 (Kassenpatienten) beziehungsweise 450 61 83 49 (privat).

Die Berliner Ortsgruppe des Deutschen Allergie- und Asthmabundes ist telefonisch erreichbar unter 661 88 95. Die Mitarbeiter helfen auch bei der Auswahl von Kurorten und verschicken Infomaterial.

Wer weiß, welche Pollen wo wann fliegen?

Die „Stiftung Deutscher Pollenfluginformationsdienst“ gibt auf der Internetseite www.dwd.de/pollenflug kostenlos und nach Bundesländern gegliedert die aktuelle und die für die nächsten zwei Tage erwartete Pollenbelastung an. Der Dienst www.wetteronline.de bietet einen kostenlosen E-Mail-Service: Wer seine Adresse auf der Seite einträgt, bekommt täglich eine Nachricht mit aktuellen Prognosen zugeschickt. Eine Übersicht über ganz Europa findet man auf der Seite des Europäischen Polleninformationssystems www.polleninfo.org.

Wer kein Internet hat: Der Deutsche Wetterdienst bietet einen kostenpflichtigen Telefonservice; unter der Nummer 09001/11 54 80 87 wird die Pollenflugdichte für den nächsten Tag in Berlin angesagt (62 Cent pro Minute). Zum selben Preis, aber etwas ausführlicher, informiert die FU Berlin über die Auswertung ihrer Pollenfallen in Lichtenrade und Steglitz: Telefon 0900/127 06 43.

Wo finde ich mehr Lesestoff?

Das bereits erwähnte Buch der Stiftung Warentest – „Allergien. Diagnose, Vorbeugung, Behandlung“ – kann man für 16,90 Euro unter Telefon 01805/00 24 67 bestellen. Der Deutsche Allergie- und Asthmabund widmet sich in seinem Ratgeber „Allergien und Asthma – die 111 häufigsten Fragen“ (elf Euro) ausführlich dem Thema Heuschnupfen; bestellen kann man unter 02161/81 49 40. Nützliches Hintergrundwissen, Neuigkeiten und Tipps für Patienten bietet die von Berliner Allergologen betriebene Internetplattform www.allergie-experten.de.

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