WM-Spiel gegen Deutschland : Auch Mexiko feiert in Berlin

Beim WM-Auftaktspiel der Deutschen fiebern heute in Berlin viele Mexikaner mit. 2200 haben ihren Hauptwohnsitz in der Stadt.

Claudia Kleine
Die Mexikanerin Jeanine Tapia hat in Oberschöneweide Berlins erste Tortilla-Bäckerei gegründet. Dabei ist sie eigentlich vom Theater.
Die Mexikanerin Jeanine Tapia hat in Oberschöneweide Berlins erste Tortilla-Bäckerei gegründet. Dabei ist sie eigentlich vom...Foto: Claudia Kleine

Wenn heute Nachmittag Deutschland gegen Mexiko spielt, dann werden mancherorts in Berlin ganz sicher auch mexikanische Flaggen geschwenkt. Immerhin haben 2200 Mexikaner in Berlin ihren Hauptwohnsitz, zahlreiche weitere kommen jährlich als Touristen hierher und natürlich gibt es auch Berliner mit mexikanischen Wurzeln, die ihre Heimatmannschaft anfeuern wollen.

„Die Mexikaner sind vernarrt in Fußball“, sagt die Berliner Künstlerin Rosaana Velasco, die in Mexiko geboren und aufgewachsen ist. „Ich habe schon von der mexikanischen Botschaft eine Einladung zum Public Viewing bekommen“, sagt sie. Auch über diverse Facebook-Gruppen würden sich Mexikaner verabreden, um gemeinsam das Spiel anzuschauen. Sie glaubt den Grund für die Fußballbegeisterung ihrer Landsleute zu kennen: Im Ewa-Frauenzentrum in Prenzlauer Berg stellt sie zurzeit Malereien und Zeichnungen von sich aus, wovon eine die Erklärung enthalten könnte.

Schon die Azteken und Maya haben Ball gespielt

„Dieses Bild zeigt das Spielfeld eines sehr alten mexikanischen Ballspiels“, erklärt Velasco und deutet auf eine ihrer Malereien. Auf dem Bild ist ein auf die Seite gekipptes H zu sehen, in dessen Mitte sich ein Totenkopf befindet. Es ist ein farbenfrohes Bild mit leuchtend grünen, roten und gelben Flächen, über die sich kleine schwarze Fußabdrücke ziehen. Schon die Azteken und Maya haben Ball gespielt, erzählt die 54-Jährige. „Zwar haben sie die Hüfte und nicht den Fuß benutzt, aber es ist dem Fußball sehr ähnlich“, meint sie. Den Totenkopf in der Mitte ihres Bildes habe sie übrigens gemalt, weil das Spiel vermutlich einer Opferzeremonie vorausging.

Dabei bedeute der Totenkopf in der mexikanischen Kultur nichts Schlechtes. „Er ist ein Symbol für ein Leben nach dem Tod“, sagt Velasco. Insbesondere beim mexikanischen Totenfest, einem der größten Feste in dem mittelamerikanischen Land, sind Totenköpfe deshalb ein unverzichtbares Element. Das lässt sich im November auch in Berlin erleben. Der gemeinnützige Verein Calaca richtet alljährlich einen „Dia de los muertos“ aus, bei dem man unter anderem auf Menschen in Skelettkostümen treffen kann. Im vergangenen Jahr fiel das Fest zwar aus, in diesem Jahr soll es jedoch wieder stattfinden. Die passende Deko zum Fest findet man im „Superskull“ in Kreuzberg. In dem kleinen Laden gibt es unter anderem Totenkopf-Windlichter in allen erdenklichen Farben, die auch tatsächlich in Mexiko hergestellt wurden.

Berlin und Mexiko-Stadt sind partnerschaftlich verbunden

Wer sich statt Deko und Feiern eher für mexikanische Musik interessiert, findet auch in diesem Bereich Angebote. So spielen beispielsweise am 29. Juni die „Mariachi dos Mundos“, eine Musikgruppe aus Lateinamerika und Europa, auf der Freilichtbühne der Zitadelle Spandau. Mit ihrem Programm „Keine Zeit für La Siesta, wir machen La Fiesta“ bieten sie eine Mischung, die von mexikanischer Gute-Laune-Musik bis hin zu klassischen Streicherarrangements reicht.

Wer die Augen öffenhält, kann in Berlin regelmäßig mexikanische Kulturangebote entdecken. Schließlich ist Berlin seit 25 Jahren Städtepartner von Mexiko-Stadt. Dabei geht es auch um den kulturellen Austausch. So nahm Berlin zum Beispiel an der ersten Techno-Parade in Mexiko-Stadt teil. Andersherum wird zum Beispiel immer mal wieder zeitgenössische mexikanische Musik in Berlin vorgestellt.

Auch die mexikanische Küche ist in vielen Restaurants, Taco-Läden und Burrito-Shops in Berlin vertreten. Allerdings werden nicht alle von Mexikanern geführt. Als authentisches Mexikoerlebnis empfiehlt Rosaana Valesco die Tortilleria „Cintli“ in Oberschöneweide.

Frische Mais-Tortillas wecken Heimatgefühle

Hier werden mexikanische Maisfladen für Restaurants und Lebensmittelgeschäfte in Berlin hergestellt, einmal in der Woche steht der Werksverkauf von frischen Mais-Tortillas jedem offen. Chefin ist die Mexikanerin Jeanine Tapia. Zusammen mit ihrem deutschen Mann Stefan Alscher hat sie vor zwei Jahren die Tortilleria eröffnet – dabei ist sie eigentlich Theaterpädagogin, Regisseurin und Schauspielerin, er promovierter Soziologe. Mit der Bäckerei erfüllten sie sich eine Sehnsucht, denn in Berlin gab es bis dato keine frischen Maismehl-Tortillas zu kaufen. „Warme Tortillas sind das Beste für Mexikaner“, meint Jeanine Tapia und balanciert einen heißen Teigfladen auf ihren Fingerspitzen.

Die Tortilla riecht leicht süßlich und ist weich und saftig. Für Deutsche möge der Geschmack vielleicht langweilig sein – schließlich bestehen die mexikanischen Teigfladen eigentlich nur aus Mais und Wasser –, doch für Jeanine Tapia birgt der Geschmack Heimatgefühle. „Wenn man in Mexiko in eine Tortilleria geht und auf seine Bestellung wartet, dann bekommt man häufig schon mal eine frische Tortilla auf die Hand“, sagt sie. Und genau deshalb sei es eben ein Geschmack, den sie als Mexikanerin liebe.

Tortilla ist allerdings auch bei Jeanine Tapia nicht gleich Tortilla. „Es gibt ja ganz viele verschiedene Maissorten“, erklärt sie. Ihr persönlicher Favorit sind Tortillas aus blauem Mais. Die seien noch etwas intensiver im Geschmack, stießen bei Deutschen jedoch wegen ihrer ungewöhnlichen Farbe häufig auf Skepsis.

Noch viel wichtiger sei Jeanine Tapia beim Backen übrigens, dass die Tortillas mit Liebe hergestellt werden. Sie ist überzeugt: „Die Stimmung ist wichtig für den Geschmack.“ Während in der Küche gebacken wird, in der es gerade im Sommer extrem heiß werden kann, läuft deshalb nicht selten mexikanische Musik. „Manchmal wird dann auch beim Tortillabacken getanzt“, erzählt sie.

Sie hat den Eindruck, dass ihre Tätigkeit als Tortillabäckerin und ihre eigentliche Profession am Theater gar nicht so weit auseinanderliegen. „Für mich ist hier eigentlich jeder Arbeitstag wie eine Aufführung“, sagt sie. Schließlich seien die Anforderungen beim Tortillabacken und auf der Theaterbühne im Grunde ziemlich ähnlich. „Man braucht die ganze Zeit volle Konzentration, sowohl des Körpers als auch des Gehirns“, sagt sie.

Und wie geht das Spiel aus? Unsere WM-Karte lässt die Bezirke gegeneinander antreten.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!