Berlin : Wo Paul Gerhardt predigte

Eine Ausstellung in der Nikolaikirche erinnert an den 400. Geburtstag des barocken Kirchenlieddichters

Andreas Conrad

Natürlich Brecht, der alte Spötter. Muss sich ausgerechnet an Paul Gerhardts „Befiehl du deine Wege“ reiben und das seit Jahrhunderten mit Inbrunst gesungene Kirchenlied parodieren: „Befiehl du deine Wege / O Kalb, so oft verletzt / Der allertreusten Pflege / Des, der das Messer wetzt.“

Ein winziger ironischer Glanz- und zugleich Schlusspunkt der Ausstellung, mit der das Stadtmuseum Berlin den am 12. März zum 400. Mal sich jährenden Geburtstag des frommen Poeten feiert – in der Nikolaikirche, von 1657 bis 1667 dessen Wirkungsstätte. „Spuren Gerhardts“ heißt die letzte Station, Bücher, deren Autoren sich auf den berühmten Kirchenlieddichter des Barock beziehen, sind dort gestapelt, eines eben mit Brechts „Hitler-Chorälen“. Ausgestellt ist auch das Manuskriptblatt aus dem „Stechlin“, auf dem Fontane Gerhardts „Wo bist du, Sonne, geblieben!“ zitiert, gleich neben einem Gedicht Dietrich Bonhoeffers, geschrieben im Tegeler Gefängnis 1945. Dem Gebetstext für Mitgefangene hatte der später hingerichtete Widerständler als Zitat das Wort „Unverzagt…“ angefügt, aus Gerhardts „Warum sollt ich mich denn grämen“. Es gab der Ausstellung den Titel.

Generationen von Gläubigen haben Gerhardts Lieder gesungen, oft nach den Noten des mit ihm befreundeten Kantors von Nikolai, Johann Crüger. Lieder wie „O Haupt voll Blut und Wunden“, „Nun ruhen alle Wälder“ oder „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“. Dies ist aber nur ein Aspekt, dem sich die Ausstellungsmacher widmen. Der zweite ist der Konfessionskonflikt, in den Gerhardt verstrickt war, der Streit zwischen Lutheranern und Calvinisten. 1642 war Gerhardt zum ersten Mal nach Berlin gekommen, noch während des 30-jährigen Krieges. 1657, als er sein Amt als Diakon an St. Nikolai antrat, war nur der äußere Krieg beendet, der innere tobte umso heftiger – ein Streit um den rechten Glauben, ein Streit auch zwischen dem lutheranischen Bürgertum und dem Herrscherhaus um den Großen Kurfürsten, der der reformierten Kirche angehörte und aus Gründen der Staatsraison auf Toleranz drängte – zur Not auch mit der Macht seines Amtes, wie Gerhardt zu spüren bekam. Er verweigerte die Unterschrift unter ein kurfürstliches Edikt, mit dem Geistliche gezwungen werden sollten, die gegenseitige Verketzerung zu unterlassen – und musste gehen.

So ist die gestern aufgebaute Kanzel nicht nur ein Ort im Ritus des Gottesdienstes, sondern zugleich das Rednerpult, von dem aus Gerhardt gegen die Calvinisten wetterte. Die Kanzel der Nikolaikirche wurde bis auf wenige Reste im Krieg zerstört, die rekonstruierte stammt aus dem Grauen Kloster, einst Filialkirche von Nikolai und ebenfalls Predigtort Gerhardts.

Die Nikolaikirche ist längst entwidmet,dient dem Stadtmuseum als Ausstellungsort. Wie es dort zu Gerhardts Zeiten aussah, zeigt das „Gedächtnisbild für Johann und Caritas von Kötteritz“ von 1616 gemalt wurde und einen Eindruck von der Pracht gibt, die auch in protestantischen Kirchen damals noch herrschte. Es gehört zum Bestand des Museums, viele der gezeigten Gegenstände, Bücher und Dokumente kamen von Leihgebern, so dass es die umfangreichste Schau wurde, die es je zu Gerhardt gegeben hat, konzentriert auf seine Berliner Zeit – und auf der Orgelempore ergänzt durch Hörstationen, an denen man bekannten wie unbekannten Versionen der Lieder Gerhardts lauschen kann.

„unverzagt. Paul Gerhardt (1607 – 1676) – Ein Berliner Dichter und Bekenner“ wird am Sonntag, 11 Uhr, eröffnet und ist bis 1. Juli zu sehen. Es gibt ein reiches Begleitprogramm. Infos unter www.stadtmuseum.de. Eine Darstellung von Gerhardts Leben steht morgen im „Sonntag“ der Wochenendausgabe dieser Zeitung.

Mann des Wortes: Zweimal weilte Paul Gerhardt in Berlin.

Mann der Macht: Der Große Kurfürst haderte mit Gerhardt.

Sakraler Glanz: eine Taufschale um 1629.

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