Wohnen in der Hauptstadt : Wem gehört Berlin? Ein Zwischenbericht

Die Bürgerrecherche von Tagesspiegel und Correctiv ist in vollem Gange. Auch Eigentümer bieten Mithilfe an. Und allmählich werden Strukturen sichtbar.

Andreas Baum
Genau hinschauen. Mieterhöhungen sind nicht immer gerechtfertigt.
Genau hinschauen. Mieterhöhungen sind nicht immer gerechtfertigt.Foto: Jens Kalaene/dpa

Die Frage ist so einfach, wie ihre Antwort unklar: Wem gehört die Stadt? Wer sind die Eigentümer der Dächer, unter denen die Berliner wohnen? Die Antwort ist schwer, weil 80 Prozent aller Berliner zur Miete wohnen, weil viele Mieter nur Mietverträge mit Hausverwaltungen haben und nicht wissen, wer Eigentümer ist. Weil es kein zentrales Immobilienregister gibt. Und weil Häuser teilweise Briefkastenfirmen gehören, hinter deren Namen sich Firmenkonstrukte in Steueroasen verbergen.

Also haben sich die Redaktionen von Tagesspiegel und Correctiv zusammengetan und alle Berliner dazu aufgerufen, in einem gesicherten Portal die Eigentümer ihrer Wohnungen mitzuteilen, Mietsteigerungen einzutragen – und uns ihre persönlichen Geschichten zu erzählen.

„Endlich kümmert sich jemand um das Thema“

Die Resonanz übertrifft alle Erwartungen. Allein 400 Leser haben uns schon jetzt teils detaillierte Geschichten geschickt. Hinzu kommen Mails, Briefe und Angebote zur Mithilfe. Die Aussage „endlich kümmert sich jemand um das Thema“ ist die häufigste Botschaft. Es gibt aber auch negative Zuschriften: Es werde „ein Pranger für Vermieter“ geschaffen, „Methoden der Spitzelei“ würden angewendet und „Stimmung gegen Vermieter gemacht“. Wir nehmen alle Zuschriften ernst, und deswegen soll an dieser Stelle betont werden: Es geht bei dieser Recherche nicht um Spitzelei. Es geht darum, Probleme aufzudecken, Missstände öffentlich zu machen und die Fakten zu liefern, die für sachliche Debatten nötig sind.

Wie bei jeder Recherche bedeutet das, dass zunächst einmal alle Informationen und Hinweise angenommen werden. Und das Redaktionsgeheimnis erlaubt es, sie gegen neugierige Dritte zu schützen. Täglich gehen zu zahlreichen Themen solche Hinweise ein. Das heißt selbstverständlich nicht, dass sie ungeprüft veröffentlicht werden. Das Recherche-Team hat weder das Recht, noch das Interesse, darüber zu berichten, ob Lieschen Müller ein Haus oder auch zwanzig Häuser besitzt. Deswegen werden auch keine wahllosen Listen von Eigentümern veröffentlicht. Veröffentlicht wird nur, wo ein berechtigtes öffentliches Interesse besteht. Bei der Recherche geht es darum, welche großen Firmen, Investoren und Fonds in Berlin Häuser besitzen – und wer mit illegalen oder zwielichtigen Geschäftspraktiken arbeitet.

Auch Eigentümer bieten Mithilfe an

Die vielen positiven Reaktionen von Eigentümern zeigen auch dort ein großes Interesse an der Aufdeckung von Missständen, weil sonst „einige schwarze Schafe“ unter den Eigentümern die Spaltung von Mietern und Vermietern fördern würden. Ein Eigentümer von fünf Häusern in Berlin aus dem Raum Stuttgart meldete sich beispielsweise und bot Mithilfe an. Er sagt: „Meine Frau und ich lieben Berlin mit allen Ecken und Kanten, und wir sehen viele der Entwicklungen derzeit mit Sorge.“

Sie haben sich eigene Statuten gegeben, die Mieter und gewachsene Strukturen zu respektieren, niemanden herauszudrängen und „nach soliden handwerklichen Standards“ ihre Häuser zu pflegen. „Dazu gehört auch eine No-Asshole-Rule, die Regel, nicht mit Unternehmern zu arbeiten, die solche moralischen Regeln nicht beachten“, sagt er.

Berichte zeigen zweifelhafte Geschäftspraktiken

Was ihn aber auch stört, ist die seiner Ansicht nach mangelnde städtische Unterstützung von Baugruppen und Genossenschaften. Und „Mieter, die sich schlimmer verhalten als sie es Vermietern vorwerfen, Studenten, die ihren Mitbewohnern einfach das Doppelte an Miete abziehen oder ständig bei Airbnb vermieten. Die Geschichten, die uns von Mietern und Eigentümern erreicht haben, zeigen, wie groß das Repertoire von zweifelhaften Geschäftspraktiken inzwischen geworden ist: Eine Mieterin berichtet von einstürzenden Zimmerdecken. Andere berichten von absichtlicher Verwahrlosung von Häusern, damit die Mieter ausziehen.

Es gibt Berichte von Häusern, die gekauft werden und dann leerstehen, weil der Wert auch so weiter steigt, Berichte von Mieterhöhungen, die weit über dem Mietspiegel liegen, Berichte von Tricks, um die Mietpreisbremse auszuhebeln. Und immer wieder von Häusern, die gekauft und kurz darauf in Eigentumswohnungen aufgeteilt werden, gefolgt von Versuchen, die Mieter aus den Wohnungen zu bekommen.

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Allmählich werden Strukturen sichtbar

Langsam gibt es auch erste Hinweise auf größere Akteure, über die aus verschiedenen Teilen der Stadt die gleichen Berichte kommen. Und auf Gesetzeslücken, die Mietenregulierung verhindern. Weil die Bandbreite der Zuschriften allerdings größer ist als ein Zeitungsartikel sie zusammenfassen könnte, startet der Tagesspiegel ab heute eine Serie zu „Mietergeschichten“. 

Dabei werden anonym Probleme von Mietern erzählt, dazu nimmt dann die Rechtsberatung des Mietervereins Stellung. An dieser Stelle werden aber auch positive Geschichten stehen, von Hausgemeinschaften aus Mietern und Vermietern und von solchen, die Spannendes erlebt haben. Wir freuen uns weiter über Leserbeiträge.

Die Langzeitrecherche Wem gehört Berlin? ist eine Kooperation des Tagesspiegels mit dem gemeinnützigen Recherchezentrum CORRECTIV. Auf unserer Plattform wem-gehoert-berlin.de können Sie den Redaktionen mitteilen, wer der Eigentümer ihrer Wohnung ist und welche Erfahrungen Sie mit Ihrem Vermieter gesammelt haben. Mithilfe der Daten suchen wir nach unverantwortlichen Geschäftspraktiken und machen den Immobilienmarkt transparenter. Eingesandte Geschichten werden nur mit Ihrer Einwilligung veröffentlicht. CORRECTIV finanziert sich ausschließlich über Spenden und Mitgliedsbeiträge. Mehr dazu unter correctiv.org.

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