Wohnungsnot in Berlin : Laubenpieper als Klimaschutzgebieter

Wer Kleingärtner gegen Wohnungssuchende ausspielt, schadet der Stadt. Ein Gastbeitrag.

Klaus Mindrup
Gärtnern mitten in der Stadt? Kleingärten machen's möglich.
Gärtnern mitten in der Stadt? Kleingärten machen's möglich.Foto: picture alliance / dpa

Wohnungsnot und soziale Verdrängung aufgrund steigender Mieten, Entmietung und Luxusmodernisierungen und zu wenig Wohnungsbau mit für breite Bevölkerungsgruppen bezahlbaren Mieten sind in vielen Städten und ganz besonders in Berlin aktuell das herausragende sozialpolitische Problem.

Wie oft in solchen Situationen wird gern auf die gehört, die am lautesten schreien. Und das sind nicht selten jene, die ihr Geschäft mit der Krise machen.

Der Investor Arne Piepgras fordert in einer Anzeige, dass Berlin seine Kleingärten als Bauland ausweisen soll, und liegt damit total falsch. Warum? Kleingärten sind keine Luxusbereiche, sondern lebenswichtige, integrative Teile von Städten. Spätestens seit diesem Sommer sollte jeder wissen, dass Berlin Vorkehrungen treffen muss, um sich dem laufenden Klimawandel anzupassen. Extreme wie lange und heiße Trockenperioden sowie Starkregenereignisse kommen in Zukunft häufiger vor. Über die ganze Stadt verteilte Grünflächen spielen eine immer wichtigere Rolle. Einerseits zur Kühlung und zur Luftreinigung, andererseits als Wasserspeicher. Bereits heute baut Berlin mit viel Geld an der „Schwammstadt“, sprich der Speicherung und Reinigung von Regenwasser. Kleingärten nehmen diese Funktion auch wahr, ohne zusätzliche Kosten für die Allgemeinheit zu verursachen. Gleiches gilt für die Kleingärten als Ort der Artenvielfalt in der Stadt. Für Bienen und Insekten sind sie nicht zu ersetzende Oasen in der Steinwüste.

Wir brauchen nicht weniger, wir brauchen mehr Kleingärten! Kleingärten, die sich in meiner Vorstellung überall für die Nachbarschaften, für Schulen und Kitas öffnen, quasi als Kleingartenpark. Neben der stadtklimatischen Bedeutung sind die 890 Berliner Kleingärten mit ihren fast 72 000 Parzellen aber auch Heimat.

Die Kleingärtner stehen jetzt wegen ihrer kleinen Parzellen als „Privilegierte“ da - das ist absurd

Und wie in den Mietshäusern geht in den Kleingartenanlagen die Angst um, dieses Zuhause zu verlieren, weil das Land Berlin sich bisher nicht entschieden hat, die Anlagen dauerhaft zu sichern (sie etwa wie in NRW als schützenswert in die Landesverfassung zu schreiben). Ständig verlängerte, aber damit auch ständig endende Schutzfristen schüren Angst. Es ist höchste Zeit, dagegen etwas zu tun und hier langfristig für Klarheit und Verlässlichkeit zu sorgen.

Eine zukunftsfähige Wohnungsbaupolitik darf bei allem – selbst verschuldeten – Zeitdruck nicht vergessen, dass eine Stadt ein mehrdimensionaler, kultureller, sozialer und auch ökologischer Lebensraum ist, in dem Menschen gesund und sozial gesichert leben wollen. Dazu gehören traditionell die Kleingärten als Refugium für die „weniger Reichen“. Dass die jetzt wegen ihrer kleinen Parzellen als „Privilegierte“ dastehen, ist absurd.

Wir müssen uns im Wohnungsbau viel stärker an Wien als an London oder New York orientieren. In Wien wohnen 60 Prozent der Mieterinnen und Mieter in geschützten Wohnungen, überwiegend städtisch und genossenschaftlich. Dies führt zu Sicherheit und sozialer Durchmischung der Quartiere. Stadterweiterung und Neubau findet auch statt, aber durchdacht. Bevor wir wieder zu großen Plänen kommen, sollten wir uns aber zunächst auf Prinzipien einigen. Eines dieser Prinzipien sollte sein, dass wir aufhören die Menschen dieser Stadt gegeneinander auszuspielen, wie dies in der Frage Kleingärten vs. Wohnungsbau geschieht. Die Kleingartenfläche pro Einwohner sollte in Berlin gleich bleiben, wenn die Stadt wächst, sollten auch die Kleingartenflächen wachsen. Damit würde der Kleingartenentwicklungsplan seinen Namen wirklich verdienen. Wo wir in ganz wenigen begründeten Einzelfällen Kleingärten aufgeben müssen, weil Stadt sich entwickelt, muss quantitativ und qualitativ gleichwertiger ortsnaher Ersatz geschaffen werden. Wie wäre es, wenn wir dies vertraglich mit unseren Laubenpiepern vereinbaren und ihnen so langfristig Sicherheit geben? In Hamburg funktioniert dies seit Jahren.

- Der Autor ist SPD-Bundestagsabgeordneter aus Berlin-Pankow

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