Wohnungsnot in Berlin : Warum getrennte Paare oft weiter zusammenleben müssen

Nach einer Trennung müssen Ex-Partner häufig wider ihres Willens zusammenleben, weil es in Berlin zu wenige Wohnungen gibt. Ein Erfahrungsbericht.

Wer zieht aus? Für Einzelpersonen ist es besonders schwer, auf dem Berliner Mietmarkt eine Wohnung zu bekommen.
Wer zieht aus? Für Einzelpersonen ist es besonders schwer, auf dem Berliner Mietmarkt eine Wohnung zu bekommen.Foto: Foto: istock/skynesher

Eines ist während der Coronakrise fast in Vergessenheit geraten. Wohnraum in Berlin ist weiterhin knapp. Zwar war zu Beginn der Pandemie ein rapider Anstieg von Wohnungsangeboten zu beobachten, doch dies betraf vorrangig zeitlich befristete Angebote - da vermutlich Ferienwohnungen wieder auf dem Mietmarkt gelandet waren.

Seit Jahren steigen die Mieten in Berlin. Für Familien, Paare, Alleinerziehende und Singles mit durchschnittlichem und unterdurchschnittlichem Einkommen gestaltet sich die Suche immer schwieriger. Fast die Hälfte der Berliner lebt in einem Ein-Personen-Haushalt. Vor allem kleine, bezahlbare Wohnungen sind gefragt – und rar. Nach einer Trennung stehen die Ex-Partner vor dem Problem, dass der oder die Ausziehende keine neue Bleibe findet und zum Beispiel Eltern gegen ihren Willen weiterhin zusammenleben müssen. Manche Paare können deshalb gar nicht erst zusammenziehen.

Als ich 2010 in meine Einzimmerwohnung in Prenzlauer Berg zog, hatte ich unglaubliches Glück. Die Kaltmiete lag bei unter 300 Euro, dafür bekam ich eine Wohnung mit Ofenheizung, einer großen Küche und einem Bad mit Wanne in einem sanierungsbedürftigen Haus. Frisch von der Uni, wollte ich nur so lange bleiben, bis ich einen vernünftigen Job gefunden hätte.

Nicht lange, und die Mieten in Berlin waren überall so gestiegen, dass ich blieb. Für eine Person war die Wohnung groß genug, die Lage optimal, außerdem war der Kiez mein Zuhause geworden – und mein Partner wohnte gleich um die Ecke. Hier hätte die Geschichte enden können mit "Und sie lebten glücklich als Paar, aber getrennt...", doch dann wurde ich schwanger.

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Zusammen sein – getrennt leben

Im Jahr 2017 eine Drei-Zimmer-Wohnung zu finden, am liebsten in Prenzlauer Berg, für maximal 1100 Euro kalt? Völlig aussichtslos. Wir löschten einen Filter nach dem anderen aus den Suchmasken – nichts. Da die Zeit drängte und die Suche zur Belastung wurde, verschoben wir das Thema um ein bis zwei Jahre.

Das bedeutete jedoch, dass ich allein mit unserem Kind in meiner Einzimmerwohnung leben würde. Das kriegen wir schon hin – dachten wir. Als das Baby da war, kamen Probleme auf uns zu, die wir zuvor unterschätzt hatten.

Mein Partner war zwar oft bei uns, aber er blieb ein Gast. Die zwei Haushalte bedeuteten unnötigen Mehraufwand und bei den Behörden galt ich automatisch als alleinerziehend – was zum Beispiel dazu führte, dass ich ungebetene Hilfsangebote vom Jugendamt erhielt und mich in eine falsche Schublade gesteckt fühlte.

Auch waren wir uns bald nicht mehr einig – ich wollte immer dringender die gemeinsame Wohnung, er beharrte immer mehr auf seinen eigenen Raum. Eine Lösung war nicht in Sicht, das Wohnen wurde zum stetigen Streitpunkt – und schließlich trennten wir uns.

Getrennt sein – zusammen leben

Viele Berliner Paare haben bei einer Trennung das gegenteilige Problem: Sie leben zusammen und müssen nun auf dem überreizten Markt auf Wohnungssuche gehen. Nicht selten wohnen die Ex-Partner weiterhin zusammen in ihrer gemeinsamen Wohnung, was in den meisten Fällen ein zusätzlicher Stressfaktor zur meist sowieso schon angespannten Trennungssituation darstellt.

So geht es auch einem Bekannten, der mir auf einer Geburtstagsfeier (vor Corona) erzählt, dass er und seine Freundin sich getrennt haben. Seit Monaten will er ausziehen, findet aber nichts Neues. Finanziell sei der Rahmen seiner Möglichkeiten nicht gerade groß, der Radius auch – verständlich: Er will nicht so weit entfernt von der gemeinsamen Tochter leben.

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Übernachten würde er bei Freunden – mal hier, mal da. Oder auf der Couch in der gemeinsamen Wohnung bei seiner Ex. Eine anstrengende Situation, für alle Beteiligten. Seine Sachen seien eingelagert. Eigentlich habe er gerade gar kein Zuhause. „Ich sage Bescheid, wenn ich was höre“, verspreche ich – und überlege. „Aber ich werde nichts hören.“ „Ja“, sagt er. „Ich weiß, weil es einfach nichts gibt.“

Die Statistik bestätigt das: Der Wohnraumbedarfsbericht Berlin 2019 stellt heraus, dass für Menschen mit einem Nettoeinkommen unter dem ermittelten Durchschnitt von 2025 Euro nicht genügend Wohnungen zur Verfügung stehen. Das sogenannte Versorgungsdefizit beläuft sich auf fehlende 105 229 bezahlbare Wohnungen, und zwar ausschließlich bei Einpersonenhaushalten. Paare mit durchschnittlichem Einkommen haben es deutlich leichter, in Berlin eine Wohnung zu finden.

Auch Alex, ein anderer junger Vater, hat diese Erfahrung gemacht. Zu zweit sei es einfacher gewesen, eine Wohnung zu finden, erzählt er. Seine Frau hatte einen festen Job, gut bezahlt. „Eigentlich braucht man heute zwei Einkommen, um die Miete für eine Wohnung zu bezahlen.“ Weil er nach der Trennung keine neue Bleibe fand, blieb er noch einige Monate in der gemeinsamen Wohnung und wohnte dann übergangsweise in einer WG.

Erschwerte Trennungen durch die aktuelle Wohnungssituation in Berlin

Dass Trennungen in Berlin durch die hohen Mieten und fehlenden Wohnraum erschwert werden, erfährt auch die Sozialpädagogin und Familientherapeutin Berin Arukaslan, stellvertretende Leiterin der Erziehungs- und Familienberatung der Caritas in Mitte: „Die Probleme fangen schon bei der Entscheidung an, wer ausziehen soll. Oft leben die Paare zusammen in Wohnungen, die sie vor Jahren zu deutlich günstigeren Konditionen gemietet haben, als es heute Standard ist.“ Aber auch für die Person, die bleibe, sei es häufig aus finanziellen Gründen schwer, die alte Wohnung zu halten. Besonders dann, wenn Kinder involviert sind.

Laut Wohnraumbedarfsbericht ist das Haushaltsnettoeinkommen von Alleinerziehenden mit einem Kind unter 18 Jahren mit durchschnittlich 1725 Euro etwa halb so hoch wie bei Paaren mit Kindern unter 18 Jahren. Mit diesem Einkommen hat man kaum noch eine Chance auf eine angemessene und bezahlbare Wohnung. Viele Berliner Mütter und Väter, insbesondere wenn sie wegen der Kinder in Teilzeit arbeiten, müssen zudem mit weitaus weniger Gehalt zurechtkommen. Oft, so Arukaslan, hätten die Ex-Partner Angst vor der Reaktion der Vermieter, wenn der Vertrag geändert oder übertragen werden solle. Die Vermieter seien nicht zum Einverständnis mit einer Änderung verpflichtet.

Das bedeute nicht selten eine erhebliche existenzielle Bedrohung. Um einer unerwünschten Reaktion durch die Vermieter zu entgehen, würden dann Lösungen am Rande der Legalität gefunden – über Untervermietungen oder Unter-der-Hand-Regelungen zum Mietvertrag.

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Eine neue Wohnung zu finden kann zwei Jahre dauern

Nach der Erfahrung des systematischen Beraters und Therapeuten Eberhard Schäfer vom Väterzentrum Berlin steckt hinter der Entscheidung, wer schließlich auszieht, meistens Pragmatismus: Wem fällt es leichter, etwas Neues zu finden? Meistens bleiben die Kinder mit einem Elternteil in der gemeinsamen Wohnung. Für ausziehende Väter oder Mütter gelte bei einer Trennung trotzdem die Prämisse, in der Nähe zu bleiben und zusätzlichen Raum für die Kinder bereitstellen zu können.

Dies sei fast immer mit einer finanziellen Herausforderung verbunden – auch der Mittelstand komme da mittlerweile an seine Grenzen. Generell sei ein höheres Einkommen von Vorteil, doch sei dies allein nicht mehr unbedingt ausschlaggebend für eine erfolgreiche Suche. In Prenzlauer Berg zum Beispiel verdienten die Partner oft überdurchschnittlich, doch der Druck auf dem Wohnungsmarkt sei trotzdem riesig. Wer im Kiez bleiben wolle, habe es schwer, denn es werde viel verkauft und wenig neu vermietet.

Bis Schäfers Klienten eine neue Wohnung gefunden haben, dauert es bis zu zwei Jahre. Manche, so Schäfer, haben Glück und finden über Bekannte eine neue Bleibe. Bis dahin gebe es alle möglichen Formen von Übergangslösungen. Der oder die Ausziehende müsse entweder in der gemeinsamen Wohnung bleiben oder provisorisch irgendwo unterkommen, bis eine neue Wohnung gefunden sei: Bei Freunden, in einer WG, im Hostel und neuerdings immer häufiger bei den Eltern. Letzteres, sagt Schäfer, wird oft zu einer besonderen Belastung. Trotz der Wohnungsnot fanden dennoch bisher alle, mit denen Schäfer in Kontakt steht, am Ende eine neue Bleibe. In den meisten Fällen müsse man Abstriche machen.

Auch Alex hat nach etwa einem Jahr eine eigene Wohnung gefunden: nicht in Kreuzberg, wie er es wollte, sondern in Mitte – klein, teuer und laut. Ob er in Berlin je wieder mit einer Partnerin zusammenziehen würde? „Mit Sicherheit würde ich zweimal darüber nachdenken“, sagt er. „Ich müsste mir ganz sicher sein, bevor ich das Risiko einer neuen Wohnungssuche noch einmal eingehe.“

Gar nicht erst zusammenziehen (wollen) - ist das die Lösung?

Mein Ex-Partner und ich leben heute zufrieden getrennt und sorgen gemeinsam für unser Kind. Allerdings lebe ich nach wie vor mit unserem Sohn in der alten Einraumwohnung. Auf den verhätnismäßig großzügigen, aber unökonomisch verteilten 47 Quadratmetern wird es immer häufiger ziemlich eng, vor allem seitdem ich Corona-bedingt ausschließlich im Homeoffice arbeite. Zu unserem Glück wurde die Gruppe, die eine Notbetreuung in Anspruch nehmen darf, Anfang Mai erweitert und mein Sohn darf wieder in die Kita gehen.

Trotzdem - wenn er älter wird, muss eine größere Wohnung her. Aber wegziehen – dorthin, wo es vielleicht etwas günstiger ist –, ist trotzdem keine Option. Unser Leben ist hier, in diesem Kiez. Kita, Vater und Freunde sind in der Nähe. Von hier fortzugehen würde auch bedeuten, unser unkonventionelles, aber funktionierendes Familienleben zu zerstören.

Ein kleiner Trost: Ich bin nicht die einzige Mutter in Berlin, die sich wenig Wohnraum mit einem oder mehr Kindern teilt und auf die Privatsphäre eines eigenen Zimmers verzichtet.

Gar nicht erst zusammenziehen – nicht die mutigste, günstigste und romantischste Lösung, aber vielleicht ja die am wenigsten nervenaufreibende.

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