Berlin : Wolfram Körner (Geb. 1920)

Ein Arzt führt im Fernsehen der DDR eine Schweinerei vor...

Man kann Dinge sammeln, und man kann Dinge ansammeln. Beide, der Sammler wie der Ansammler, wollen leidenschaftlich besitzen. Befriedigung schafft ihnen nicht das einzelne Objekt, sondern eine Reihe von Objekten, die, möglichst vollständig, angehäuft werden. Beide neigen zu Unruhe, denn ständig muss Nachschub her, zumeist fehlt etwas in der Reihe. Ist eine Reihe komplett, wird eine neue begonnen.

Während der Ansammler hortet, je mehr, desto besser, geht der Sammler systematisch vor, er selektiert. Neugier und Wissensdrang treiben ihn. Vielleicht auch ein wenig Eitelkeit. Die Macht, etwas Seltenes zu besitzen. Denn das Seltene, womöglich das Einzelne, ist das Ideal. Jedoch ist das Seltene eben selten, die Möglichkeiten des Nachschubs sind begrenzt. Was wiederum die Suche nach dem Besonderen befeuert, auch nach Erkenntnis. Und: Der Sammler ist bestrebt, seine Sammlung öffentlich zu machen.

Wolfram Körner sammelte Erotika. Eigentlich war er Arzt, Chirurg. Ganz früher war er mal Ansammler: Federn zum Beispiel hortete er, weil hinter dem Chemnitzer Haus der Eltern ein Birnbaum stand, auf dem eine Eule saß, die ihn angestarrt hatte. Außerdem Bahnfahrkarten, Bierdeckel, Teile versteinerter Bäume. Irgendwann wurde es systematischer; in einem Antiquariat kaufte er die kleinen Inselbücher für zehn Pfennig pro Stück, ab und an stahl er auch welche, was der Antiquar sorgsam übersah, denn Jugend, die dem schönen Wort zugewandt ist, soll man nicht mit trivialen Prinzipien behelligen. Während des Studiums verlegte Wolfram Körner sich auf alte medizinische Werke. Doch alles noch ungeordnet und zufällig erstanden. Anfang der 50er schrieb er einem Buchhändler, ob er antike Anatomien vorrätig habe. Nein, schrieb dieser zurück, aber er habe etwas anderes, höchst Interessantes, etwas aus dem 17. Jahrhundert, eine Einführung in die Geheimnisse des Ehebettes, erlesen illustriert.

So schlug Wolfram Körner wenig später das erste Stück seiner erotischen Sammlung auf. Weitere Objekte folgten, seltene Ausgaben, reich bebildert mit Männern und Frauen in den lustvollsten Positionen. Hinzu kam erotische Volkskunst aus Java, Sri Lanka, Ägypten. Eine Erstausgabe von „Lolita“, die, weil sich alle anderen Verlage gescheut hatten, Nabokov unter Vertrag zu nehmen, bei der anrüchigen Olympia Press in Paris erschienen war. Henry Miller. Zeichnungen, Plakate, Plastiken. Uhren mit Sexszenen auf dem Ziffernblatt und einem tickenden Penis. Liebespaare, die man mittels einer speziellen Mechanik kopulieren lassen kann. Einen Sarg, aus dem, öffnet man ihn, der Phallus der Leiche emporschießt.

Körner ordnete, klassifizierte, dokumentierte. Hielt Vorträge, schrieb Aufsätze und Bücher, kuratierte Ausstellungen. Und trat im Fernsehen der DDR auf, in einer Sendung namens „Wenn schon, denn schon“. Zeigen Sie am Ende etwas aus Ihrer Erotiksammlung, hatte ihn der Moderator gebeten. Wolfram Körner hielt eine hölzerne Frau mit beweglichen Beinen von den Philippinen in die Kamera, platzierte eine Nuss zwischen ihren Schenkeln – und knack … Am darauffolgenden Tag rief der Intendant an. Ministerpräsident Willi Stoph habe am Telefon getobt: Ein Arzt führe im Fernsehen der DDR eine solche Schweinerei vor!

Dazu ein Arzt von seinem Format. Wolfram Körner operierte im Regierungskrankenhaus die Prominenz des Landes und durfte durch die Welt fahren. In seiner Kaderakte stand: „Der Genosse ist politisch unzuverlässig, aber man kann fachlich nicht auf ihn verzichten.“ Eines Tages, vor dem Mauerbau, ging der Genosse ins Kino am Steinplatz und schaute sich Cocteaus „Orphée“ an, darin ist der Tod eine schöne Frau, die stets in einer großen, schwarzen Limousine vorfährt (der Tod und das Mädchen, ein Sujet, das ihn anzog, denn „mit Mädchen ist der Tod doch viel interessanter“, wie er schrieb). Nach Ende der Vorstellung trat er an die frische Luft, und in genau diesem Moment hielt eine große, schwarze Limousine neben ihm, heraus stieg Wilhelm Pieck, Präsident der DDR.

Körner begann zu reisen, begleitet von seiner Frau, allein. 1955 im „Balt-Orient-Express“, mit eigenem Schlafwagen und Schlafwagenschaffner. 1959 nach Ägypten. 1961 ans Mittelmeer. 1963 nach Kuba, als ein Zyklon die Insel verwüstete und Krankheiten grassierten. Er half. Der kubanische Gesundheitsminister übermittelte ihm Grüße von Fidel Castro, von da an war er offizieller Reisekader und begleitete zig staatliche Delegationen. In New York wohnte der DDR-Bürger in der Park Avenue, schlenderte durchs Guggenheim-Museum, befriedigte seine bibliophile Leidenschaft. 1975 besuchte Saddam Hussein, damals noch Vizepräsident des Irak, die DDR. Horst Sindermann, Vorsitzender des Ministerrates, bemerkte, dass Saddam immer ein Stuhl hinterhergetragen wurde. „Die Ärzte haben es mir geraten“, erklärte der. Er wisse da jemanden, einen Fachmann für Sportmedizin, der könne sich die Sache mal angucken, sagte Sindermann. Kurz darauf erhielt Wolfram Körner den Auftrag, nach Bagdad zu reisen. Acht Ärzte verschiedener Nationalitäten untersuchten Saddam. Sieben schlugen eine Operation vor, Wolfram Körner nicht. Der Patient hörte sich die Meinungen an und entließ dann alle. Als Wolfram Körner schon fast durch die Tür war, rief Saddam: „The German doctor, come back, please!“ – „Ich werde“, so der Dolmetscher, „Ihre Ratschläge befolgen. Wir sehen uns in zwei Wochen wieder. Schauen Sie sich inzwischen in unserem Land um.“

Körners Bibliothek umfasste inzwischen 12 000 Titel. Oft erhielt er Angebote von Witwen, die im Nachlass ihrer Ehemänner Erotisches gefunden hatten. Meist handelte es sich aber nur um Pornohefte. In Phnom Penh hatte er einen Rohling aus Elfenbein erstanden, aus dem ihm ein befreundeter Künstler einen Exlibris-Stempel schnitzte, ein Kreis, darin das W für Wolfram ein schöner Po, das Körner-K darunter, mit der obersten Spitze den Spalt zwischen den Rundungen berührend. Als Gründungsmitglied und langjähriger Vorsitzender der Pirckheimer-Gesellschaft, einer Vereinigung für Bibliophile, hatte er die Nummer 66, Sex-Sex. Er wurde 98 Jahre alt.

Seine Erinnerungen kann man in „Patienten und Bücher, Kunst und ferne Länder. Aus meinem Leben“ nachlesen. Ein seltenes Buch, ein Sammlerstück.

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