Wulf Eichstädt (Geb. 1941) : Bitte Lebn, or Bonjour Tristesse

Jeder verfolgt sein Interesse, aber nur wenige scheinen die Stadt als Stadt zu lieben. Der Nachruf auf einen Gestalter.

Georgen-Parochial-Friedhof II an der Landsberger Allee in Berlin-Friedrichshain.
Georgen-Parochial-Friedhof II an der Landsberger Allee in Berlin-Friedrichshain.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Haben Sie Zeit für einen Spaziergang? An der Seite eines Menschen, der sich zeitlebens die Frage gestellt hat: Wie wollen wir wohnen, wie zusammenleben? An der Seite eines Architekten und Stadtplaners, der eigentlich Maler hatte werden wollen, was ihm bei seinem Beruf sehr half, denn er hatte stets ein Bild der Stadt in seinem Kopf und nicht nur ein Sammelsurium an Gebäuden. Wo wollen wir leben? Dort, wo es am lebendigsten ist, am lautesten, in Mitte, wo die Laufkundschaft die Mieten in die Höhe treibt und die Stimmung kippen lässt? Oder total urban am Potsdamer Platz, der Berlin bis heute fremd geblieben ist, weil er nie für Berlin geplant war. Ein „merkwürdiges Gemisch aus monumentalem Gehabe, Naivität und Angst vor der wirklichen Komplexität des Ortes“, wie Wulf Eichstädt schon in der Konzeptionsphase kritisierte.

In Kreuzberg, wo einst der Kahlschlag drohte, haben Hausbesetzer, einige bürgernahe Politiker, Pfarrer und Städteplaner den Kiez gerettet – lang ist das her. Wulf Eichstädt war ein Initiator der behutsamen Stadterneuerung in den 80er Jahren. Rund um das Schlesische Tor ist zu sehen, wie es gelang, die „städtebauliche Kontur“ zu sichern, ohne die historische Bausubstanz zu schleifen. „Neues Leben in alten Gebäuden“. Warum gelang damals, was heute so aussichtslos erscheint? Weil die Bewohner von Wulf Eichstädt und seinen Kollegen in die Planung einbezogen wurden. Weil Häuser wie das von Àlvaro Siza, auf dem die Parole „Bitte Lebn, or Bonjour Tristesse“ die Richtung angibt, mehr sind als Wohnsilos. Weil der Umbau der Emmauskirche am Lausitzer Platz zeigte, wie sensible Architektur neue Räume in alten Gebäuden öffnet. Weil Geld für Selbsthilfe und genossenschaftliche Projekte da war, und weil die Immobilienspekulation noch nicht auf dem internationalen Spielfeld ausgetragen wurde.

„Baupolitik ist Machtpolitik“

Berlin bot nach der Wende so viel Freiraum für eine moderne Stadtgestaltung – was ist daraus geworden? Wir bekommen ein Schloss, das kein Schloss ist, Shoppingmalls in Serie und Luxuswohnungen in Fertigteilbauweise. Wer sich das Wohnen in der Stadt nicht mehr leisten kann, wird an den Rand vertrieben. „Baupolitik ist Machtpolitik“, jeder verfolgt sein Interesse, nur wenige scheinen die Stadt als Stadt zu lieben. Der architektonische „Individualitätskult“ ist besonders unschön zu besichtigen am Hauptbahnhof: „Die Stadt als Lesebuch ist ausgelöscht und ersetzt durch eine Komposition der Beliebigkeit.“ Dieses „bornierte Nebeneinander von Einzelkonzepten wieder in integrierten Planungsprozessen zusammenzuführen“, das war Wulf Eichstädts Ziel.

In Kiel ist er aufgewachsen, einer Stadt, die im Bombenhagel unterging. Sein Vater war Pastor, seine Mutter entstammte einer Pastorenfamilie, und er selbst erbte ein soziales Sendungsbewusstsein, ohne jedoch ein Eiferer zu werden. Er nahm den Schwung der 68er mit in den Beruf und in den Alltag. „Ich will keine Hausfrau heiraten“, stellte er früh klar, und tat selbst sehr viel für die Kinder, weil er seiner Partnerin und Frau ihr eigenes Leben lassen wollte.

Die Stadt gehört allen

Er hat gern gut gegessen und gekocht, bevorzugt Spaghetti für alle, jeden Samstag, eine unwiderstehliche Verlockung für Freunde und Familie. Für solche Zusammenkünfte braucht es Raum. Übertragen auf die Stadt, denn das Private ist auch das Politische: Wir brauchen ruhige Plätze, saubere Parks, lichte Museen und Kirchen, wo die Menschen zusammenkommen können. Bauen ist Gesellschaftspolitik. Architekten dürfen sich nicht zu Handlangern einer kommerzorientierten Innenstadtgestaltung machen. Wenn Wulf Eichstädt eine Schule entwarf, war es ganz selbstverständlich, dass er sich in der Bildungspolitik kundig machte. In schönen Schulen lernt es sich besser. Wenn er Sozialbauten plante, mühte er sich um kommunalpolitische Kompetenz. Alternativen schaffen „zur regellosen Stadt und zur totalen Entmündigung, die in ihr stattfindet.“

Denn die zentrale Frage bleibt: Warum dürfen in einer Demokratie die einen schön wohnen und die anderen nicht? Derzeit trennt die Architektur wieder mehr, als dass sie verbindet. Aber eine Stadtentwicklung, die das friedliche Miteinander will, kann auf Dauer nicht gegen den Bürger planen und bauen. Die Stadt gehört allen, sie sollte Zusammengehörigkeit stiften. „Zwischen Schloss und Platte“ muss mehr und anderes projektiert werden als Townhouses mit wachdienstgesicherten Kitas. Was viele umtreibt: Kann es diese Stadt für alle noch geben? Da war Wulf Eichstädt immer optimistisch. Er war gut darin, andere davon zu überzeugen mitzutun: Es darf gar nichts anderes als eine Stadt für alle geben.

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