Zähneknirschen : 480 Kilogramm auf einem Quadratzentimeter

Nächtliches Zähneknirschen kann unangenehme Folgen für den ganzen Körper haben. Eine kleine Einführung in den sogenannten Bruxismus.

Martin Kaluza
Foto: dpa/Christin Klose

Jeder fünfte Deutsche knirscht – meist im Schlaf – so heftig mit den Zähnen, dass es schädlich ist: 480 Kilogramm pro Quadratzentimeter, das ist zehn Mal so viel Druck, wie wir beim Kauen einsetzen. Bruxismus nennt man das wiederholte, unbewusste Aufeinanderpressen und Reiben der Kiefer. Ärzte unterscheiden zwischen Schlaf- und Wachbruxismus. Den Betroffenen ist ihr Knirschen oft gar nicht bewusst. Nicht selten sind es die Partner oder bei Kindern die Eltern, die es als erste bemerken, denn es ist nicht zu überhören. Kinder knirschen sogar besonders häufig mit den Zähnen. Die Forschung debattiert noch, ob das vielleicht ganz normal ist. „Sie befinden sich im Wachstum, ihre Zähne müssen sich mit den Jahren erst einmal „zurechtruckeln“, sagen die einen. Nein, es ist bedenklich und eine Folge davon, dass Kinder und Jugendliche heute psychisch oft überfordert werden, sagen andere. Am stärksten sind Kinder und die Altersgruppe von 20 bis 45 Jahren betroffen. Mit dem Alter nimmt das Zähneknirschen ab. Nicht einmal jeder 30. über 60-jährige knirscht im Schlaf mit den Zähnen.

Knirschen kann verschiedene Folgen haben. Zunächst geht es den Zähnen buchstäblich an die Substanz. Das starke Pressen und Schieben reibt die Kauflächen regelrecht ab, es bilden sich kleine Risse im Zahnschmelz und Brüche an der Zahnhartsubstanz. Manchmal sprengt der Druck kleine Stücke Zahnschmelz ab. Generell können die Zähne schmerzempfindlich werden. Sogar Zahnfleisch und Kieferknochen können sich zurückbilden. Auch in der Muskulatur hinterlässt Bruxismus Spuren. Die dauernde Anspannung kann die Kaumuskulatur anwachsen lassen wie Hanteltraining einen Bizeps. Verspannungen ziehen Schmerzen nach sich, die sich oft sogar als Kopfschmerzen äußern.

Möglicherweise führt das Knirschen auch zu Tinnitus

Dauerhaftes Knirschen ist somit ein Risikofaktor für eine craniomanidibulären Dysfunktion (CMD), also Schmerzen und/oder Fehlfunktionen von Kaumuskulatur, Kiefergelenke und Zähne. Eine Fehlfunktion äußert sich etwa darin, dass man den Mund nur noch eingeschränkt öffnen kann, der Kiefer beim Öffnen und Schließen knackt oder reibt oder die Zähne nicht richtig aufeinanderpassen. Möglicherweise führt Zähneknirschen in manchem Fällen zu Tinnitus. Beides ist schon häufiger gemeinsam beobachtet worden, doch ein Zusammenhang gilt als nicht belegt.

Wie wird Bruxismus diagnostiziert? Merkt der Patient selbst, dass er mit dem Kiefer presst, oder wird er vom Partner darauf hingewiesen, sprechen Mediziner vom „möglichen Bruxismus“. Liegen klinische Befunde vor (scharfkantige, hochglänzende Abriebflächen, deutlich vergrößerter Kaumuskel), handelt es sich um einen „wahrscheinlichen Bruxismus“. Um von einem „sicheren Bruxismus“ zu sprechen, wird der Patient im Schlaflabor untersucht, Muskelaktivität mit Elektroden gemessen und gefilmt.

Wie kann ein Bruxismus entstehen? Dass Menschen im Wachzustand knirschen, liegt oft an Stress, Alltagssorgen und emotionaler Unausgewogenheit. Auch Angststörungen, Depression und soziale Vereinsamung können Ursachen sein. Knirschen im Schlaf gilt eher als Schlafstörung, als Bewegungsanomalie als Folge von Alkohol, Drogen und Nebenwirkung von Medikamenten. Selten liegt die Ursache in Zahnfehlstellungen.

Welche Therapie zum Einsatz kommt, richtet sich nach dem Knirschgrund. Patienten, die im Schlaf knirschen, bekommen eine Beißschiene aus Plastik, die individuell ans Gebiss angepasst wird. „Sie ist ein mechanischer Schutz, der Patient knirscht allenfalls die Schiene kaputt und nicht seine Zähne“, sagt Ingrid Peroz, Oberärztin am Institut für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde der Charité. Sie muss nachts getragen werden. „Einigen Patienten ist das unangenehm“, so Peroz. „Doch vielen sind ihre Zähne so wichtig, dass sie die Schiene regelmäßig tragen.“

Der Einsatz von Botox ist umstritten

Anders verhält es sich, wenn der Patient im Wachzustand knirscht. „Beim Wachbruxismus werden Verhaltenstherapien eingesetzt, die darauf zielen, den Patienten das Pressen der Kiefer ins Bewusstsein zu rufen“, sagt Peroz. Sie kleben sich etwa einen Punkt an ihren Arbeitsplatz und sollen immer an ihren Kiefer denken, wenn sie den Punkt sehen. Auch Übungen zur Muskelentspannung helfen.

Ein ähnliches Ziel verfolgt „Biofeedback“: Der Patient bekommt Sensoren auf die Wangen geklebt, die die Bewegungen des Kaumuskels an einen Apparat übertragen. Sobald die Kiefer aufeinander pressen, piept es oder der Patient bekommt einen leichten elektrischen Impuls. „Der Apparat erinnert den Patienten daran, den Unterkiefer locker zu lassen“, sagt Peroz. Einige Mediziner bieten Patienten auch an, Botox in den Kaumuskel zu spritzen und ihn so zu schwächen. Doch das ist umstritten. Die Wirkung lässt nach sechs bis acht Wochen nach. Und Botox ist dafür nicht zugelassen, der Arzt handelt auf eigenes Risiko. Keine dieser Therapien kann Bruxismus auf Anhieb heilen. Mit der Zeit kann er aber nachlassen, was ohne Hilfsmittel jedoch nur schwer festzustellen ist. „Am besten ist es, wenn der Zahnarzt am Anfang der Behandlung einen Abdruck des Gebisses nimmt oder einen digitalen Scan vornimmt und zum späteren Vergleich aufbewahrt“, sagt Peroz.

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