• Zehn Coronavirus-Fälle seit Anfang Juni: Wie ein Schlachthof Königs Wusterhausen in Atem hält

Zehn Coronavirus-Fälle seit Anfang Juni : Wie ein Schlachthof Königs Wusterhausen in Atem hält

Beim Wiesenhof-Schlachtbetrieb in Niederlehme gibt es einen weiteren Corona-Infektionsfall – und viele offene Fragen. Der Betrieb weist alle Vorwürfe von sich.

Gedämpfter Appetit. Eine Bürgerinitiative kritisiert seit Jahren die Bedingungen in der Schlachterei im Kreis Dahme-Spreewald – für Tiere und Mitarbeiter. Nun gibt es den zehnten Corona-Fall dort seit Anfang Juni.
Gedämpfter Appetit. Eine Bürgerinitiative kritisiert seit Jahren die Bedingungen in der Schlachterei im Kreis Dahme-Spreewald –...Foto: picture alliance / dpa

Beim Märkischen Geflügelhof-Schlachtbetrieb in Niederlehme gibt es einen weiteren Corona-Fall. Es ist der zehnte seit Anfang Juni. „Hoffentlich denken jetzt mehr Leute darüber nach, was hier vor sich geht“, sagt Gudrun Eichler. Es ist Mittwochnachmittag und gerade hat die 59-jährige Architektin von der neuen Infizierten erfahren. Eine aus Rumänien zurückgekehrte Angestellte wurde positiv getestet.

„Vielleicht schärft Corona und die Angst, dass es hier einen größeren Ausbruch mit all den negativen Folgen für die Bevölkerung gibt, den Blick von Behörden und Einwohnern“, hofft Gudrun Eichler. „Aber wahrscheinlich wird es am Ende wieder nur darum gehen, billiges Fleisch zu kaufen.“ Sie kämpft mit der Bürgerinitiative „KW stinkt’s“ seit Jahren gegen den Geflügelhof.

Fleisch, genauer gesagt: Hühnerfleisch, wird seit Jahrzehnten in Niederlehme, einem Ortsteil von Königs Wusterhausen – kurz KW – produziert. „Den Schlachthof gibt es seit DDR-Zeiten“, sagt Eichler, die in Neue Mühle wohnt, einem anderen Ortsteil von Königs Wusterhausen. Allerdings wurden im Kombinat Industrielle Mast, kurz KIM genannt, damals nur etwa 30.000 Tiere am Tag geschlachtet, und die kamen aus der dazugehörenden Anlage im benachbarten Ortsteil Zernsdorf.

„Heute sind es 160.000 Hühner pro Tag, und die werden sowohl von Pächtern aus Zernsdorf, aber auch von sehr weit her, etwa aus Polen angeliefert“, sagt Eichler.

Der Betrieb in Niederlehme, der zum Geflügelproduzenten der Marke „Wiesenhof“, der PHW-Gruppe, gehört, steht seit Jahren immer wieder in der Kritik von Tierschützern. Erst am Wochenende hatten ihn Mitglieder der Bewegung „Animal Save“ besetzt – auch weil es hier bis dato schon neun Corona-Infektionen gegeben hatte.

Teilweise wurden täglich 240.000 Hühner in Niederlehme geschlachtet

Gudrun Eichler ist vor einigen Jahren auf die Zustände aufmerksam geworden. „Vorher habe ich wie viele hier nur ab und an mal gemeckert, weil es stank“, sagt sie und setzt hinzu: „Wenn es doch nur der Gestank wäre!“

Dass es um viel mehr geht, wurde ihr erst klar, als die Kapazität des Schlachtbetriebs von 120.000 auf 160.000 Hühner – in Spitzenzeiten sogar bis zu 240.000 Hühner – pro Tag erhöht werde sollte. „Die haben die Kapazität aber schon hochgefahren, bevor der Antrag überhaupt gestellt wurde“, sagte Eichler. Das Landesumweltamt hatte Wiesenhof damals eine illegale Ausweitung der Kapazität vorgeworfen – und vor Gericht recht bekommen.

[Wenn Sie alle aktuelle Nachrichten live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere runderneuerte App, die Sie hier für Apple- und Android-Geräte herunterladen können.]

Eichler wird nicht müde, ihre Kritik zu formulieren: Die Tiere würden durch die sogenannte „Qualzucht“ schreckliche Schmerzen leiden, würden in 28 bis 30 Tagen zur Schlachtreife gedopt und könnten sich kaum auf den Beinen halten. Außerdem benötige der Betrieb etwa eine Million Liter Grundwasser am Tag, was zum Austrocknen von kleineren Gewässern und Brunnen führe. Und das angeblich vorgereinigte Abwasser sei manchmal noch blutig und stark mit multiresistenten Keimen belastet.

Das Unternehmen weist jede Kritik von sich

Das Unternehmen hat die Kritik stets als unzutreffend bezeichnet. Gegner werfen der Bürgerinitiative vor, falsche Behauptungen zu verbreiten. So wiesen Mitarbeiter des Betriebs in einem offenen Brief viele Vorwürfe – unter anderem zum Abwasser und den multiresistenten Keimen – zurück. Außerdem lobten sie ihren Arbeitgeber, weil dieser sich um hohe Hygiene- und Umweltstandards bemühe und dafür zertifiziert werde.

Tierschutzaktivisten halten bei einer Blockade des Wiesenhof Schlachthofs in Niederlehme nahe Königs Wusterhausen ein Banner mit der Aufschrift «Wiesenhof stoppen! - Tiere sind keine Ware».
Tierschutzaktivisten halten bei einer Blockade des Wiesenhof Schlachthofs in Niederlehme nahe Königs Wusterhausen ein Banner mit...Foto: Foto: Christoph Soeder/dpa

Gudrun Eichler überzeugt das nicht. Die meisten Beschäftigten kämen aus Rumänien, sagt sie: „Die werden in Kleinbussen zur Arbeit gekarrt, auf dem Rückweg noch mal beim Einkaufsmarkt und bei der Sparkasse vorbeigefahren und dann wieder zurück in ihre Quartiere, die eigentlich keiner so richtig kennt. Dann fällt der Schlagbaum – und das war’s.“

Ein Sprecher des Landkreises sagte, das Unternehmen habe ein Hygienekonzept erarbeitet und am 24. Juni mit fortlaufenden Testungen aller Mitarbeiter begonnen. Das Gesundheitsamt sei mit dem Betrieb in ständigem Kontakt und habe auch die Gemeinschaftsunterkunft besucht, um zu klären, ob dort eine Quarantäne möglich sei.

Alle positiv Getesteten sind bislang symptomfrei

Bei den positiv Getesteten, die alle symptomfrei waren, handele es sich um Mitarbeiter aus verschiedenen Produktionsbereichen und Wohnorten. Auch ein eindeutiger Zusammenhang der Infektion mit der Tätigkeit in der Zerlegehalle sei nicht zu erkennen.

[Was ist los in Brandenburg? Die Potsdamer Neuesten Nachrichten informieren Sie direkt aus der Landeshauptstadt. Mit dem neuen Newsletter Potsdam HEUTE sind Sie besonders nah dran. Hier geht's zur kostenlosen Bestellung.]

Gerhard Heil, Geschäftsführer der Märkischen Geflügelhof-Spezialitäten, weist darauf hin, dass alle Beschäftigten auf das intensivierte Hygienekonzept geschult wurden. Außerdem seien zusätzliche Pausenräume und Fahrkapazitäten zur Einhaltung der Abstandsregelungen geschaffen worden. Für den Fall einer Infektion gebe es zusätzliche „Wohneinheiten“.

Gudrun Eichler traut diesen Erklärungen nur wenig. „Wiesenhof hat in der Vergangenheit schon zu viel verschwiegen“, sagt sie. Und befürchtet nach wie vor, dass es im schönen Königs Wusterhausen vor den Toren Berlins zu einem ähnlich großen Ausbruch wie im niedersächsischen Lohne kommen könnte. Dort hatten sich 66 Mitarbeiter einer Wiesenhof-Schlachterei mit dem Virus infiziert, es droht ein lokaler Lockdown.

Jetzt neu: Wir schenken Ihnen Tagesspiegel Plus 30 Tage gratis!