40 Jahre Krankheit

Seite 2 von 2
Zum 90. Geburtstag von Harald Juhnke : „Keine Termine und leicht einen sitzen“
Berlinisch wie Currywurst und Ku’damm. Harald Juhnke war eine Ikone.
Berlinisch wie Currywurst und Ku’damm. Harald Juhnke war eine Ikone.Foto: Gueffroy

Die Sprachregelung besagt, dass ihm die Stadt diese ewigen Abstürze „verziehen“ habe. Richtig ist wohl eher, dass sie sich daran sensationslüstern auch ein wenig erbaut hat – zeigte Juhnke nicht irgendwie, dass man sich über 30 Jahre jeden Tag abschießen dürfe, ohne dafür bestraft zu werden? Und trotzdem noch jede Bühne rocken kann und junge Frauen nach Belieben klarmachen?

Eine Illusion. Denn wie es um ihn stand, wie es wirklich aussah im Dauersuff, das hat er selbst in klaren Perioden eindringlich formuliert. „Die wenigsten Menschen haben gewusst, wie sehr ich unter meiner Krankheit gelitten habe“, sagte er nach einer Zeit der Abstinenz um seinen 70. Geburtstag herum, „die dachten immer, dem Juhnke macht das Saufen Spaß“.

Nie verlor jemand ein böses Wort

So hat es wohl angefangen – hatte nicht auch der große Humphrey Bogart immer einen Whisky in der Hand? Aber als Juhnke knapp 30 war und eine unheilbar kranke Tochter verlor, trank er erstmals ganze Nächte durch, musste nach einer Eskapade mit dem Auto sogar kurz in Haft.

Kein Problem für seine schillernde Karriere, die ihn an die Spitze des deutschen Fernsehprogramms führte, als er 1979 Peter Frankenfelds „Musik ist Trumpf“ übernahm – das ging immerhin drei Jahre gut. Bei allem Chaos hat aber offenbar nie ein Kollege ein böses Wort über ihn verloren.

Harald Juhnke im Duett mit der französischen Sängerin Mireille Mathieu
Harald Juhnke im Duett mit der französischen Sängerin Mireille MathieuFoto: imago

Etwa 40 Jahre Alkohol, 40 Jahre Krankheit – das war die Grundlage dafür, dass er 1995 mit seinen schmerzvoll gesammelten Erfahrungen in der Fallada-Verfilmung „Der Trinker“ brillieren konnte, einem Höhepunkt autobiographischer Selbstentäußerung. Nicht mehr nur Boulevard und Witzeerzählen und Sinatra- Imitieren, sondern auch tiefe Charakterrollen – ging es bergauf?

In Filmen wie „Schtonk“ oder „Der Papagei“ hatte er sich schon vom Image des ewigen Entertainers emanzipiert und ließ nun auch den Theaterboulevard hinter sich, gab 1996 am Maxim-Gorki-Theater seine umjubelte Paraderolle als „Hauptmann von Köpenick“, das sah schon fast nach einer Läuterung aus. Doch dann beschimpfte er in Los Angeles einen schwarzen Hotelmitarbeiter, kippte bei Dreharbeiten am Wörthersee um, wurde in einer Berliner Bar verprügelt.

„In meinen Erinnerungen lebt er für mich weiter“

Endgültig bergab ging es 2000 vor dem Beginn von Dreharbeiten in Wien. Er gab zu, sich den Text nicht merken zu können, kippte nach drei trockenen Jahren wieder Whisky flaschenweise in sich hinein, wurde in der Schweiz behandelt, zunehmend dement.

Seine Frau brachte ihn schließlich in ein Rüdersdorfer Pflegeheim, in dem er 2005 starb. Manager Peter Wolf, der 2001 unter Tränen das endgültige Karriereende seines Schützlings verkündete, rühmte ihn dafür, dass er unter all seinen Klienten der angenehmste Mensch gewesen sei.

Und seine Frau Susanne, die wohl am meisten mit ihm und an ihm gelitten hat in 34 Jahren Ehe, schenkt ihm einen Satz zum Geburtstag: „In meinen Erinnerungen lebt er für mich weiter.“

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

5 Kommentare

Neuester Kommentar