Bernd Schlömer, FDP: Comeback mit Hemd und Krawatte

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Zum ersten Mal im Berliner Parlament : Wir sind die Neuen im Abgeordnetenhaus
Clara Lipkowski Jonas Schaible
Ob Pirat oder Liberaler, Bernd Schlömer will sich für die Digitalisierung stark machen.
Ob Pirat oder Liberaler, Bernd Schlömer will sich für die Digitalisierung stark machen.Foto: Mike Wolff

Name: Bernd Schlömer
Alter: 45
Partei: FDP
Versuche, in ein Parlament zu kommen: 1
Was mich umtreibt: Bürgerrechte, Digitalisierung, Verwaltung.
Das wird sich ändern: Ich werde keinen Abend mehr zu Hause sein.
Das will ich lernen: Genauer hinsehen, auch die Seite 43 von 44 lesen

Als Politiker hat Bernd Schlömer schon Erfahrungen gemacht, die andere im gesamten Lebenslauf nicht vorweisen können: Von 2009 bis 2013 war er Mitglied des Bundesvorstandes der Piratenpartei, 2012 übernahm er gar deren Vorsitz, zu dieser Zeit kamen die Piraten bei Meinungsumfragen auf bis zu 13 Prozent. Er hat die Partei auf dem Gipfel ihres Erfolgs erlebt und ist mit ihr ins tiefe Tal gegangen, als sie mit nur 2,2 Prozent aus der Bundestagswahl 2013 kam. "Ich habe quasi den Lebenszyklus einer Partei miterlebt, das war eine wahnsinnige Zeit." Wie nachhaltig prägend diese Zeit für den politischen Betrieb zumindest in Berlin ist, zeigt auch die Tatsache, dass mit Anne Helm (siehe oben) und Schlömer gleich zwei ehemalige Mitglieder im neuen Abgeordnetenhaus vertreten sind. Nach der Wahl beglückwünschte man sich gegenseitig artig via Twitter, doch im Gegensatz zu Helm, die ihre seit je linke Politik nun in der linken Partei macht, scheint Schlömer sich stärker verändert zu haben: Das lässige Halstuch, früher stets sein Markenzeichen, hat er zumindest an diesem spätsommerlichen Septembernachmittag auf der Terrasse eines Cafés in Berlin-Schöneberg eingetauscht gegen eine schwarze Krawatte. Dazu ein strahlend weißes Hemd und eine weinrote, sportliche Jacke. Seriös sieht er aus. Wie ein richtiger FDP-Politiker.

Seine Politik-Karriere schien schon beendet

Nicht lange her – 2013 war’s – da schien Bernd Schlömers politische Laufbahn beendet: die Piraten am Boden, dazu ein Bandscheibenvorfall. "Da hat der Körper sich wohl was zurückgeholt, ich war ja fünf Jahre quasi permanent unter Anspannung." Er blieb der Politik zwei Jahre fern.

Zurück kam der studierte Sozialwissenschaftler und Kriminologe, weil Freunde und Bekannte ihn motivierten: "Sie haben gesagt: Du solltest unbedingt wieder in die Politik.". Die FDP lag ihm am nächsten, weil er viele Überschneidungen mit der Piraten-Programmatik sah. Gegen "anlasslose Überwachung, für die Stärkung der Bürgerrechte" seien die Liberalen auch, "außerdem hat sich die Partei umfassend des Themas Digitalisierung angenommen". Man fragte ihn, ob er nicht für die FDP in Kreuzberg-Friedrichshain antreten wolle. Wollte er, die Landespolitik reizte ihn.

Finanzen will er offenlegen - ganz der Pirat

Bernd Schlömer, der einst die großen Linien der Piraten-Politik erklären musste, interessiert sich nun für vergleichsweise kleine Fragen: wie man ein mögliches rot-rot-grünes Bündnis mit liberalen Positionen aus der Opposition kitzeln könne, und wie sich Verwaltung, auch durch Digitalisierung, effizienter gestalten lasse. Im Moment geht’s aber eh erst einmal ums Organisatorische: Private und politische Finanzen will er strikt trennen, letztere transparent machen – ein Girokonto muss her. Ansonsten verhandelt der Regierungsdirektor im Verteidigungsministerium noch, wie er seinen Job im Aufbaustab Cyber- und Informationsraum weiterführt. Immerhin: Dafür, wie er im erwartbar stressigen Leben mit Beruf, Mandat und Familie die Wähler im Blick behält, hat Schlömer eine – überraschend analoge – Antwort: "Ich habe festgestellt, dass man mit Menschen sehr gut ins Gespräch kommt, wenn man Doppelkopf spielt." Zu seinen regelmäßigen Kartenabenden in Kreuzberg könnten sich auch interessierte Bürger gesellen. Für Fragen zu Zeit und Ort findet man Schlömer im Netz.

Die Textsammlung erschien zunächst am 1. Oktober als Doppelseite bei Mehr Berlin im gedruckten Tagesspiegel.

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